"Ich kämpfe jeden Tag"

Hildebrandt-Witwe: So leidet sie an Depression

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Dieses Foto zeigt Renate Hildebrandt tieftraurig auf der Beerdigung ihres Mannes auf dem Südfriedhof.

München - Seit dem Tod ihres Mannes kämpft die Renate Hildebrandt täglich mit der heimtückischen Krankheit Depression. Die tz hat sie besucht.

Es ist immer das gleiche Gefühl: Ganz plötzlich packt eine unsichtbare Hand zu, die einen plötzlich nach unten zieht. Ins Dunkel. „Dann stehe ich wie angewurzelt mitten auf der Straße oder in einem Geschäft und mir kommen die Tränen“, sagt Renate Hildebrandt leise. Depressionen! Seit dem Tod ihres Mannes kämpft die 77-Jährige täglich mit der heimtückischen Krankheit. „Ich will daraus auch kein Geheimnis machen“, sagt die tapfere Münchnerin gegenüber der tz. „Oft weiß ich nicht weiter. Aber ich weiß auch, dass es vielen Menschen so geht.“

Depressionen – sie sind längst zur Volkskrankheit geworden. Laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe leiden gut vier (!) Millionen Menschen in unserem Land an dem psychischen Leiden. Treffen kann es jeden: vom Fußballprofi (Sebastian Deisler), der Popsängerin (Sabrina Setlur) – bis hin zum Hollywoodstar, wie das aktuelle Beispiel von Robin Williams zeigt. „Sein Tod ist sehr traurig“, sagt Renate Hildebrandt gegenüber der tz. „Er war einer von Dieters Lieblingsschauspielern. Im Club der toten Dichter war er großartig. Er wusste wohl keinen Ausweg mehr – trotz der Familie.“

Genau die gibt Renate Hildebrandt derzeit Halt. Die Witwe des beliebten Kabarettisten, der im November vergangenen Jahres einem Krebsleiden erlag, verbringt viel Zeit mit ihren Enkeln. „Das brauche ich – das weckt Lebenslust. Und es lenkt mich ab. Nachdenken, grübeln ist derzeit Gift für mich.“

Dieter Hildebrandt.

Depressionen können durch vieles ausgelöst werden (siehe Text unten). Bei Renate Hildebrandt war es der Tod ihres geliebten Gatten. „Er war alles für mich – und plötzlich stand ich alleine da. Alles erschien plötzlich sinnlos. Alles.“ Die Folge war, dass Renate Hildebrandt plötzlich keine Lust mehr hatte, morgens aufzustehen. Und auch keine Kraft. „Ich blieb einfach liegen – teils bis mittags.“ Sie muss zudem stundenlang weinen. „Man versucht aufzuhören, aber es geht einfach nicht.“ Gespräche mit Freunden, Verwandten – sie halfen nichts. Der Zustand bleibt. „Also bin ich ins Krankenhaus gegangen, und habe eine Therapie angefangen.“ Ein wichtiger Schritt: Renate Hildebrandt merkt, dass sie nicht allein ist. Sich Leute um sie kümmern und das viele sie auch lieben. „Das wird dir dann wieder bewusst. Du vergisst das.“ Zudem bekommt sie Psychopharmaka, die ihre Stimmungs-Stürze etwas abfangen können.

Dennoch schmerzt jede Erinnerung an den Verlust von Dieter noch höllisch. „Ich habe noch immer seine Zahnbürste im Putzbecher stehen“, verrät die Witwe. „Jeden Morgen sehe ich sie. Ich kann sie nicht wegwerfen. Und natürlich gibt es Tausende andere Gegenstände in unserem Haus, die mich jeden Tag seinen Tod spüren lassen.“ Aber ausziehen will die 77-Jährige keinesfalls aus dem Zuhause in Waldperlach. „Ich gehöre hierher. Die Menschen unterstützen mich hier, umarmen mich auf der Straße. Das tut gut. Zudem muss ich mich ja ums Grab kümmern. Ja, ich bleibe!“ Sie lächelt bei diesen Worten.

Die Krankheit kann jeden treffen

Immer mehr Menschen leiden in unserem Land unter Depressionen. Hier einige wichtige Fakten über die Krankheit:

Depressionen können jeden treffen! „Auch den erfolgreichen Menschen“, erklärt Professor Dr. Ulrich Voderholzer von der Schön-Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee gegenüber der tz. „Meist kommen übrigens mehrere Ursachen zusammen: Trauer, Verlust, Trennung, Gewalterfahrungen, Einsamkeit oder auch Drogenmissbrauch“, so der Mediziner. Zudem kann jemand auch erblich vorbelastet sein. Das gilt für rund 30 Prozent der Fälle, wie Studien zeigen.

Professor Dr. Ulrich Voderholzer

Depressionen sind eine Krankheit! „Jeder Patient muss wissen, dass er kein Versager, kein Schwächling ist, sondern wirklich krank“, so Voderholzer. Denn: Im Gehirn kommt es bei Depressionen zu Veränderungen des Stoffwechsels. Unter anderem liegt bei Patienten ein Mangel an Serotonin (ein Botenstoff in den Synapsen) vor. Wichtig ist es daher, immer Hilfe bei Profis zu suchen. „Eine Therapie ist nötig, um die Krankheit in den Griff zu bekommen.“

Depressionen sind heilbar! Voderholzer: „Ja – auch wenn es immer mal Rückfälle geben kann.

Die Anzeichen: Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Interessenlosigkeit sind die häufigsten Symptome. Dazu können etwa auch Schlafstörungen kommen. Hilfe für Betroffene gibt es im Netz unter www.deutsche-depressionshilfe.de. Wichtig: Betroffene sollten über ihr Leid immer sprechen – auch mit dem eigenen Hausarzt!

Armin Geier

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