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Münchner Familie erzählt: So schwer ist es, Ukrainern zu helfen - „Schöne, aber auch frustrierende Zeit“

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Eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft auf Zeit: Nikita (6) mit seiner Mutter Valentina (v.li.), das Ehepaar Kathrin Kurz und Claus Lochbihler und ihre Kinder Louis (7) und Magdalena (13).
Eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft auf Zeit: Nikita (6) mit seiner Mutter Valentina (v.li.), das Ehepaar Kathrin Kurz und Claus Lochbihler und ihre Kinder Louis (7) und Magdalena (13). © Oliver Bodmer

Für sechs Wochen hat eine Münchner Familie eine geflüchtete ukrainische Mutter und ihren sechsjährigen Sohn aufgenommen. Eine „schöne, aber auch frustrierende Zeit“.

München – Der Abschied kommt so plötzlich wie ihre Ankunft. Sechs Wochen, nachdem wir Valentina (35) und Nikita (6) nach einem Anruf der „Münchner Freiwilligen“ aufgenommen hatten, bringen wir sie zu einer anderen Gastfamilie. Von unserer Wohnung in Giesing in ein Dorf bei Mindelheim. Am Vorabend hatten wir noch gefeiert: unser WG-artiges Zusammenleben, das sich auffallend oft ums Essen drehte. Um ukrainischen Borschtsch, den Valentina so gern kocht, und bayerischen Leberkäs, den Nikita so gern mag. Kaum etwas verbindet so sehr wie gemeinsame Mahlzeiten, besonders, wenn man sich nur mithilfe von Google Translate unterhalten kann.

Die Fahrt ins Allgäu fühlt sich wie eine Niederlage an: Am liebsten hätten wir Valentina und Nikita erst in ein paar Wochen zu ihrer eigenen kleinen Mietwohnung gebracht. Trotzdem sind wir erleichtert: Mitte Juni kommt unsere große Tochter von ihrem Frankreich-Aufenthalt zurück. Dann ist das Zimmer, in dem Valentina und Nikita wohnen, wieder ihr Zimmer.

Ukraine-Flüchtlinge in München: Schwere Suche nach einer längerfristigen Unterkunft

Dieses Datum hatten wir auch angegeben, als wir das Zimmer für drei Monate zur Verfügung stellten. Aber für diese Frist scheint sich niemand wirklich zu interessieren. Als wir beginnen, nach einer längerfristigen Unterkunft zu suchen, glauben wir noch, es müsse irgendeine Stelle geben, die sich darum kümmert. Das Ergebnis ist ernüchternd – obwohl ich viel Zeit investieren kann, denn ich bin gerade in Elternzeit.

Ruft man diverse Hotlines an, heißt es: „Sie können sie jederzeit zurückgeben. Aber dann kommen sie erst mal ins Ankunftszentrum oder eine Notunterkunft.“ Genau das wollen wir Valentina und Nikita ersparen. Wieder eine Notunterkunft nach ihrer Flucht aus Pokrowsk, einer kleinen Stadt bei Donezk. Fünf Tage oder 2400 Kilometer im Zug nach München. Es war Anfang März, als sich Valentina nach dem Einschlag einer Rakete im Keller ihres Hauses zur Flucht entschloss.

Wir fangen also zu suchen an. Nach kleinen Wohnungen oder Zimmern zur Untermiete. Hauptsache längerfristig. Idealerweise in unserer Nähe – realistischerweise irgendwo. Freunde und Bekannte bieten an, sie für ein paar Wochen unterzubringen – falls alle Stricke reißen. Parallel versuchen wir Valentina klarzumachen, dass München zwar sehr schön, aber der Wohnungsmarkt leider ganz, ganz fies ist.

Ukraine-Flüchtlinge in München: App „Integreat“ hilfreich bei der Wohnungssuche

Ein Freund erzählt, dass eine Wohnungsgenossenschaft an ukrainische Flüchtlinge vermietet. Anruf dort: „Ja, das stimmt. Bitte schreiben Sie eine Mail.“ Auf meine Mail kommt die Antwort, die Wohnungen würden dem Landratsamt München zur Verfügung gestellt. Man möge sich dorthin wenden. Das tun wir. Dreimal landen wir in der Hotline: „Da darf ich Sie leider nicht durchstellen.“ „Ich würde Sie gerne durchstellen, aber das geht technisch nicht.“ Dritter Anruf: „Ich stelle Sie mal durch.“ Ich lande auf dem Anrufbeantworter einer Mitarbeiterin, spreche brav mein Anliegen drauf, hinterlasse meine Nummer – und bekomme nie einen Rückruf.

Also suchen wir weiter. Am hilfreichsten erweist sich die App „Integreat“, auf der man auch Wohnungsangebote für ukrainische Geflüchtete findet. Vieles ist zeitlich befristet, manches unbefristet. Wir hoffen auf eine inserierte Einliegerwohnung im Norden Münchens. Der freundliche Vermieter hat schon 30 Anfragen. Falls er sich nicht mehr melde, sei die Wohnung an jemand anderen gegangen, sagt er am Telefon. Er meldet sich nicht mehr.

Früher als mit der Wohnungssuche haben wir mit den Behördengängen begonnen. Bis auf einmal begleiten wir Valentina jedes Mal – sie kann ja kein Englisch. Wir benutzen Google Translate, das funktioniert erstaunlich gut. In den drei Monaten, die wir Valentina und Nikita beherbergen können, müsste ämtermäßig einiges zu schaffen sein, denken wir. Aber es dauert vier anstrengende Termine beim Kreisverwaltungsreferat und einen Besuch bei der Bundespolizei am Hauptbahnhof, bis die beiden registriert und erkennungsdienstlich behandelt sind.

Ukraine-Flüchtlinge in München: Endlich Erfolg im KVR

Beim letzten, endlich erfolgreichen Termin, ziehen wir sogar Wikipedia zurate, um dem KVR-Mitarbeiter zu erklären, dass Pokrowsk früher Krasnoarmijsk hieß. Krasnoarmijsk steht nämlich in Nikitas Geburtsurkunde. Geflohen ist er aber aus Pokrowsk, wie die Stadt seit 2016 heißt. Am Ende erklärt uns der Sachbearbeiter, warum es so lange gedauert hat: Es habe viel zu wenige einsatzfähige PIK-Stationen gegeben. PIK steht für – langes Wort, bitte festhalten! – Personalisierungsinfrastrukturkomponente. Der Bund stellt das System aus Kamera, Dokumentenprüfgerät und Fingerabdruckscanner Ausländerbehörden für Registrierung und Identitätsabgleich zur Verfügung. Wegen zu wenigen Personalisierungsinfrastrukturkomponenten hat die Registrierung also fast zwei Monate gedauert. Dabei ist das erst der Anfang der deutschen Asyl-, Melde- und Sozialbürokratie.

Erstaunlich unkompliziert läuft es dagegen im Sozialbürgerhaus. Schneller als gedacht bekommt Valentina für den April und bald auch Mai Geld ausgezahlt. Bar. Dazu Behandlungsscheine für den Arzt. Und den Hinweis, dass ab 1. Juni das Jobcenter für sie verantwortlich ist, sie deswegen unbedingt ein Konto eröffnen muss.

Ukraine-Flüchtlinge in München: Valentina hat zuhause in einer Bäckerei gearbeitet

Von einem Teil kauft Valentina Kleidung. Und sie besteht darauf, ihre Lebensmittel selbst zu zahlen. Valentina kocht und backt nämlich gerne. In der Ukraine hat sie in einer Bäckerei und einer Pizzeria gearbeitet. Die Bäckerei ist, wenn wir es richtig verstanden haben, schon im Krieg mit russischen Separatisten 2014 zerstört worden. Ebenso die Wasserversorgung. Fünf Monate, erzählt Valentina, mussten sie ohne fließendes Wasser auskommen. Ihre Schwester ging bereits 2015 nach Deutschland, in die Eifel. Zur Schwester, in eine viel zu kleine Wohnung, sind auch Valentinas Eltern geflüchtet. Nur Nikitas Vater, von dem Valentina getrennt lebt, ist noch in der Ukraine.

Ähnlich unkompliziert und engagiert wie im Sozialbürgerhaus läuft es mit der Schule: Nach zwei Anrufen und einem kurzen Treffen mit der Schuldirektorin darf Nikita drei Stunden täglich die Grundschule besuchen. Eine Stunde Deutsch, zwei Stunden regulär mit der Klasse 1c. Zeit, die Nikita Spaß macht, die er nicht mit Videos am Laptop verbringt. Als Nikita uns stolz seine ersten Buchstaben in lateinischer Schrift zeigt, entschädigt das für mindestens einen erfolglosen Behördengang.

Anfang Mai sehen wir auf „Integreat“ das Angebot einer Familie mit vier Kindern und Einfamilienhaus, die Valentina und Nikita ein Zimmer geben würde. Unbefristet. Sofort. Wir hätten sie gerne noch länger bei uns, aber wir erklären Valentina die Situation. Sie sagt Ja. Im Allgäu werden Valentina und Nikita so herzlich begrüßt, wie man sich das nur wünschen kann. Es fühlt sich gut an, sie bei Menschen zu wissen, die sich gut um sie kümmern.

Ukraine-Flüchtlinge in München: „Ich koche schon wieder Borschtsch“

Drei Tage später schickt Valentina die Nachricht: „Ich koche schon wieder Borschtsch.“ Ein gutes Zeichen. Sechs Tage nach dem Auszug ruft das Bürgerbüro der Stadt München bei uns an: Sie könnten jetzt, nach der erfolgreichen Registrierung, einen Termin für die Anmeldung des Wohnsitzes anbieten. Ich erkläre, dass Valentina und Nikita mittlerweile bei einer anderen Familie untergekommen und dort auch schon gemeldet sind. Die Mitarbeiterin notiert sich Adresse und Telefonnummer der neuen Gastgeber und hört sich geduldig meinen Bürokratie-Frust an. Ihr Anruf und ihr Interesse versöhnen mich ein wenig.

Ob wir wieder jemanden aufnehmen, wenn wir ein Zimmer frei haben? Ich denke schon. Man lernt. Über die Menschen in der Ukraine. Über sich selbst. Dass Ukrainer und Russen und erst recht deren Kinder auf den Spielplätzen in München oft so gut miteinander auskommen, als gäbe es keinen Putin und keinen Krieg. Man lernt auch etwas über das Helfen. Dass es zum Beispiel manchmal gar nicht so leicht ist, den schmalen Grat zwischen Bevormundung und Helfen einzuhalten. Und dass wenig helfen besser ist als gar nicht helfen. Man lernt leider auch, dass die Behörden einem das Helfen nicht unbedingt leicht machen – und auch Beamte darunter leiden. Es wäre schön, wenn es anders wäre. CLAUS LOCHBIHLER

HIER GIBT ES INFOS: Auf muenchen.de/ukraine oder unter der Rufnummer 089/ 126 99 151 00 können sich Geflüchtete und Helfer über Anlaufstellen informieren.

Russische Delegationen spielen 2022 beim Weltwirtschaftsforum in Davos keine Rolle - Ukrainer umso mehr. Selenskyj sendet einen Appell in die Welt: Der News-Ticker zum Ukraine-Konflikt.

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