Bangen um die Existenz

Münchner Mieter schlagen Alarm: Hilfe, wir werden wegsaniert

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Empörte Münchner beim Mieterstammtisch in der Polka-Bar (Haidhausen)

Diese Barbesucher trieb nicht der Durst in die Polkabar in der Pariser Straße (Haidhausen), sondern die nackte Angst. Die Angst, sich nach einer Luxussanierung die Wohnung nicht mehr leisten zu können.

Sie drängten sich am Montagabend in die Kellerbar, in welcher der zweite Münchner Mieterstammtisch stattfand. Und viele verzweifelte Bürger erzählten von ihren Sorgen: Mal davon, dass man wegsaniert wird. Teils werden Mieten verdoppelt, teils wird den Menschen eiskalt gekündigt. Die Begründung ist meist dieselbe: Das Haus sei verkauft worden – natürlich um schnellstmöglich saniert zu werden. Aber die Münchner wollen sich das nicht mehr gefallen lassen: Im Herbst soll demonstriert werden. Unter dem Motto „München zieht aus“ wollen die Mieter am 15. September mit Koffern und Leiterwagen durch die Stadt ziehen. Die tz schildert fünf Fälle, wo Mieter nun um ihre Existenz bangen.

Hochstraße 71

„Ich habe Angst vor dem Abriss des Hauses“

Ich wohne hier seit 35 Jahren. Jetzt habe ich sehr große Angst, dass das Haus, in dem ich lebe, bald nicht mehr existiert. Dann stehen meine zwei Katzen und ich auf der Straße, denn etwas Ähnliches werden wir nicht mehr finden. Ich zahle für meine 75 Quadratmeter 600 Euro kalt. Nun aber soll das Gelände hier in der Au am Nockherberg großflächig bebaut werden. Das Haus ist über Hundert Jahre alt. Und ich befürchte: Der Abriss steht bevor. Das Gelände wurde im Frühjahr von einem Investor aus Hamburg gekauft, ich habe im Grundbuch nachgeschaut und die entsprechende Auflassungsvormerkung gefunden. (Die tz schickte eine Presseanfrage an den vorheringen und den neuen Eigentümer, eine Antwort steht noch aus.)

Ernesto Lukschik, selbstständiger Handwerker, Hochstraße 71

Hofmannstraße 22

 „Letzte Woche wurde mir gekündigt

Aus unserem Mietshaus mit ehemals neun Mietern und zwei Gewerbebetrieben ist inzwischen die Hälfte der Mieter ausgezogen. Die, die noch da sind, leben in Angst. Ich auch. Am Mittwoch bekam ich die Kündigung. Ich lebe hier seit 25 Jahren, zahle 400 Euro für 41 Quadratmeter, das ist ein super Preis. So eine Wohnung finde ich nie mehr, denn mit meinem Verdienst als Erzieherin kann ich mir keine teure Bleibe leisten. Die neuen Eigentümer planen eine großangelegte Modernisierung und Sanierung. Im Internet gibt es ein Exposé, da sieht das Haus völlig anders aus als jetzt. (Wir haben den Eigentümer um eine Stellungnahme zu seinen Plänen und zur Kündigung der Mieterin gebeten, d. Red.)

Eva Maria Stamm (58), Erzieherin, Homannstraße 22

Corneliusstraße 38

„Natürlich gehe ich zur Demonstration“

Wir Mieter sollten uns zusammenschließen. Zur Demonstration zwei Wochen vor dem Einzug der Wiesnwirte komme ich natürlich, das ist klar. Ich hoffe, dass viele mitmachen und die Straßen voll sind. Es ist wichtig, dass wir Münchner Mieter auf unsere Sorgen aufmerksam machen. Ich lebe seit 53 Jahren in dem Haus in der Isarvorstadt. Es war all die Jahrzehnte ein problemloses Mietverhältnis. Das Haus ist nicht verkauft und kein Spekulationsobjekt. Aber ich habe Sorgen, man könnte mich herausekeln. Ich bekam sogar schon einmal eine Kündigung, weil ich die Miete wegen Problemen mit der Heizung gemindert hatte. Ich habe dann alles nachbezahlt. Nun habe ich Probleme mit dem Fernsehempfang.

Gisela F. (81), Rentnerin, Corneliusstraße 38

Ruffinistraße 6

„Früher war es bei uns das Paradies“

Früher lebten wir in paradiesischen Zuständen. Doch im Herbst wurde unser 20-Parteien-Mietshaus verkauft, und nun haben wir große Befürchtungen. Uns wurden die verschiedensten Modernisierungsmaßnahmen angekündigt. Wir Mieter haben uns organisiert und einen Brief an OB Dieter Reiter geschrieben. In seiner Antwort teilte er uns leider mit, dass unser Haus, übrigens ein wunderschöner Jugendstil-Altbau aus dem Jahr 1905, nicht mehr im Erhaltungssatzungsgebiet steht. (Der Vermieter nahm gestern bis Redaktionsschluss nicht Stellung.)

Martha und Peter B., Ruffinistraße 6

Kirchenstraße 26

„Meine Werkstatt muss hier leider bald raus“

Vor 14 Tagen wurde uns Mietern mitgeteilt, dass das Haus verkauft ist. Ich habe seit 24 Jahren meine Goldschmiedewerkstatt hier. Letzte Woche wurde mir gekündigt, jetzt bleibt mir nur noch ein Jahr. Mein Nachbar Jörg ist vor sechs Jahren in meine ehemalige Wohnung hier gezogen, als wir umgezogen sind. Wir haben eine großartige Hausgemeinschaft – und alle Angst vor einer Luxussanierung. (Der Vermieter, der nicht namentlich genannt werden will, sagt auf Anfrage, in dem Haus gebe es seit Jahrzehnten einen Sanierungsstau. Man werde neue Wohnungen schaffen und die vorhandenen aufwerten. Damit steige auch die Miete, die derzeit weit unter dem Münchner Durchschnitt liege.) 

Anick Messerschmidt (48), Goldschmiedin, und Jörg Witzigmann (49), Kirchenstraße 26

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