59 Absagen für sie und ihr Baby

Kein Vermieter nimmt diese Mutter (23) auf!

+
Mit der Tochter wohnt Sabrina Kieselbach auf 20 Quadratmetern.-

München - Weiblich, alleinerziehend, obdachlos: Diese junge Mutter könnte sich eine eigene Wohnung leisten - aber kein Vermieter will sie. 59 Absagen hat sie bereits kassiert.

Sabrina Kieselbach (Namen geändert) nimmt den Wasserkocher vom Toilettendeckel. Nebenan setzt sie sich aufs Bett und kippt das heiße Wasser in ein Fläschchen mit Milchpulver. Töchterchen Evelyn hat Hunger. „Mit einer richtigen Küche wäre alles einfacher“, sagt die 23-Jährige. Ende April ist sie hochschwanger im Münchner Frauenobdachheim Karla 51 untergekommen. Eine Einrichtung, in die sie nicht passt. Denn die junge Mutter könnte sich eine eigene Wohnung leisten. Aber auf dem Münchner Wohnungsmarkt gehört eine Alleinerziehende mit Baby zu den Verlierern. Kein Vermieter will sie!

59 Wohnungen hat Kieselbach seit der Geburt ihres Kindes vor vier Wochen besichtigt. Mit Dutzenden Maklern, Hausverwaltungen und Vermietern telefoniert. Seitenweise Selbstauskünfte ausgefüllt. Sogar die Kassiererin im Supermarkt fragt sie nach Wohnungsangeboten im Bekanntenkreis. Das Ergebnis: Absagen, Absagen, Absagen! „Ich bin verzweifelt“, stöhnt Kieselbach. Wenn nicht bald etwas passiert, steht sie mit Evelyn auf der Straße. Denn eigentlich sollte sie schon Ende Juni aus dem Karla 51 ausziehen. Bis 15. Juli wird sie noch geduldet. Dann braucht sie ein Zuhause.

In die scheinbar aussichtslose Lage geriet die 23-Jährige, als die Beziehung zu ihrem Freund in die Brüche ging. Zu Beginn der Schwangerschaft war sie von Fürstenfeldbruck zu ihm nach Linz gezogen. Nun wollte sie wieder nach Hause zu ihren Freunden und den Eltern, die in Germering leben. Sie schlief bei einer Freundin in München auf der Couch, suchte nach einer Bleibe – und fand keine. Die Organisation Pro Familia vermittelte ihr deshalb einen Platz im Frauenwohnheim. Hier finden normalerweise Obdachlose und Drogensüchtige Unterschlupf.

Auf 20 Quadratmetern ist es schwierig, ein Kind großzuziehen. Im Regal stapelt sich die Babykleidung. Ihre eigenen Klamotten lagert die Mutter teilweise im Koffer. Wickeln, füttern, spielen: Platz dafür ist nur im Bett. „Die Kleine versucht sich schon zu drehen. Das kann sie hier nicht. Ich habe Angst, dass sie auf den Boden fällt“, erzählt Kieselbach.

Bis Mitte Juli darf sie im Karla 51 bleiben. Dann steht Sabrina Kieselbach mit Evelyn auf der Straße.

Genug Geld für eine eigene Wohnung hätte sie ja. Nach dem Schulabschluss hat sie eine Ausbildung zur Konditorin absolviert und bis zur Schwangerschaft gearbeitet. Jetzt bekommt sie Elterngeld, Kindergeld und Unterhalt von Evelyns Vater. Rund 2000 Euro fließen monatlich auf ihr Konto. Obendrauf kommt ein Mietzuschuss für Alleinerziehende. Bis zu 680 Euro kann sie für die Kaltmiete ausgeben. „Eine Zwei-Zimmer-Wohnung würde mir vollkommen reichen. Gerne auch im Umland. Ich brauche keinen Luxus.“

In den Augen der Vermieter ist die kleine Evelyn das Problem. Viele geben das ganz offen zu. „Mit dem Kind brauchen sie hier gar nicht reinkommen. Das schreit die ganze Zeit“, meinte neulich einer beim Besichtigungstermin – in einer Wohnanlage, die gerade einen Spielplatz bekommen hat. „Als alleinerziehende Mutter kriegen wir sie hier nie wieder raus“, begründete ein anderer die Absage. Und der schlimmste Satz, den Kieselbach gehört hat: „Wir hassen Kinder!“

Die Stadt München vermittelt ihr keine Wohnung, weil sie noch nicht lange genug hier gemeldet ist. „Sie sollte sich aber bei der Zentralen Wohnungslosenhilfe melden, um ab Mitte Juli zumindest weiterhin einen Bettplatz im Notunterkunftssystem zu bekommen“, rät Frank Boos, Sprecher des Sozialreferats.

Die Stadt Fürstenfeldbruck macht ihr nicht mehr Hoffnung: „Selbst mit Berechtigungsschein könnte es über ein Jahr dauernd, bis eine Wohnung frei wird“, heißt es. Fälle wie dieser kommen immer häufiger vor. Sabrina Kieselbach hofft jetzt auf ein Wunder – oder einen Vermieter mit Herz.

Beate Winterer

Sozialwohnung

In München gelten strenge Regeln für die Vergabe von geförderten Wohnungen. Bewerben kann sich nur, wer hier seit mindestens fünf Jahren den Hauptwohnsitz gemeldet hat. Bei Wohnungslosigkeit verkürzt sich die Frist auf ein Jahr. Zur Zeit warten rund 11 000 Bürger auf eine Sozialwohnung. Im Landkreis Fürstenfeldbruck gibt’s gleich drei Wohnungsämter mit unterschiedlichen Verfahren: Germering, Fürstenfeldbruck und das Landratsamt, zuständig für die übrigen Gemeinden. In der Stadt Fürstenfeldbruck dürfen Bürger gleich nach der Meldung einen Wohnberechtigungsschein beantragen. Eine Garantie für eine Wohnung ist der aber nicht. Das Rathaus führt eine lange Warteliste.

Auch interessant

Meistgelesen

S-Bahn: Fahrbetrieb normalisiert sich wieder
S-Bahn: Fahrbetrieb normalisiert sich wieder
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion