Um Himmels Willen! Stadt lässt diese Kirche verfallen

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Stadtrat Dr. Georg Kronawitter kämpft gegen den Verfall städtischer Denkmäler wie hier der Seniorenheimkirche St. Martin (Giesing)

München - Die altehrwürdige St.-Martinskirche im ehemaligen St. Martin-Spital verfällt. Wie konnte es nur dazu kommen? Die tz ist dem Frevel auf die Spur gegangen.

Der Putz rieselt von der Decke, in den Stuckfeldern in der Kuppel bilden sich hässliche Flecken, Kruzifixe liegen achtlos auf Wäschekörben, und die handgeschnitzte Weihnachtskrippe verstaubt in einer Ecke – von Adventsstimmung ist hier nicht viel zu spüren. Die altehrwürdige St.-Martinskirche im ehemaligen St. Martin-Spital verfällt. Wie konnte es nur dazu kommen?

München - auferstanden aus Ruinen

Wie viele andere deutsche Großstädte hatte auch München heftig unter den Bombenangriffen während des 2. Weltkriegs zu leiden. Über 6500 Menschen starben zwischen 1942 und 1945, 40 Prozent der Gebäude wurden komplett zerstört. In der Innenstadt überstanden sogar nur zehn Prozent das Inferno wenig versehrt. Der von Richard Bauer zusammengestellte und im Bassermann-Verlag erschienene Bildband "Ruinenjahre - Bilder aus dem zerstörten München 1945 - 1949" zeigt eindrucksvolle und zum Nachdenken anregende Bilder aus der Nachkriegszeit. © Bassermann-Verlag
Wir zeigen Ihnen einige Bilder aus dem Bildband und stellen die selben Motive, aufgenommen knapp 60 Jahre später, gegenüber. Sehen Sie, wie und wo sich München verändert hat. Teilweise sind die Plätze nicht wiederzuerkennen, oftmals wurde aber beim Wiederaufbau darauf geachtet, das Erscheinungsbild des "alten" Münchens wieder aufleben zu lassen. Viel Spaß bei einer eindrucksvollen Bilder-Reise durch Münchner Stadtgeschichte. © Bassermann-Verlag
Der Einmarsch der amerikanischen Truppen durch die Dachauer Straße am 30. April 1945. Aus einigen Fenstern wehen weiße Fahnen - endlich Frieden in München! © Stadtarchiv München
Der selbe Ort, aufgenommen 65 Jahre später. In diesem Teil der Dachauer Straße zwischen Karlstraße und Stiglmaierplatz geht es meist beschaulich zu. © gs
Panzer rollen hier schon lange keine mehr. Wie man im Hintergrund erkennen kann, sind noch einige der alten Gebäude erhalten. © gs
Hauptbahnhof 1946: Die demolierte Eisen-Glas-Konstruktion der Bahnsteighallen. Als zentraler Verkehrsknotenpunkt der Landeshauptstadt stand der alte Bürklein-Bahnhof im besonderen Fokus der alliierten Luftangriffe. © Stadtarchiv München
Heute herrscht auf dem Hauptbahnhof täglich jede Menge Trubel. Ca. 350.000 Besucher und Reisende passieren täglich die Bahnhofshallen. Der Nachfolgebau des Bürklein-Bahnhofs entstand zwischen 1958 und 1960. © gs
Beim Neubau wurden die wenigen im Krieg unversehrten Mauerreste integriert, wie man auch heute noch sehen kann. © gs
Die Nordseite des Hauptbahnhofs 1945 mit Blick auf die Arnulfstraße. © Stadtarchiv München
Heute ist dieser Teil des Bahnhofs kaum wiederzuerkennen. Bei dem Gebäude auf der linken Seite erkennt man an dem rechten Fensterbogen im Erdgeschoss, dass das Gebäude auf den Ruinen des alten Bauwerks aufgebaut wurde. © gs
Der Luftschutzbunker an der Hotterstraße wurde 1947 für Gäste der Stadt zum Hotel City umgebaut. Das Hotel verfügte über 106 Betten sowie einen Restaurations- und Frühstücksraum. Die Übernachtung kostete 7 Mark. © Stadtarchiv München
Heute fristet der ehemalige Bunker ein recht trostloses Dasein, wirkt aber in den Sommermonaten durch den wilden Pflanzenwuchs wie eine nach oben ragende Oase mitten in der Innenstadt. Links zu erkennen übrigens die Hundskugel. Die Traditionsgaststätte befindet sich in einem der ältesten noch bestehenden Bürgerhäuser der Stadt, das den Krieg zum Glück überstand. Das Gebäude wurde 1484 erstmals schriftlich erwähnt. © gs
Die völlig zerstörte Fürstenfelder Straße von der Sendlinger Straße aus gesehen. 1946. © Stadtarchiv München
Heute ist auch dieser Ort kaum wiederzuerkennen. Nachkriegsbauten prägen die Szenerie. © gs
Das Karlstor mit dem eingerüsteten Hotel "Fahrigs Deutscher Hof", dessen Restaurationsräume bereits 1947 wiedereröffnet wurden. 1946. © Stadtarchiv München
Viel hat sich nicht verändert am Stachus. Allerdings ist der Bereich bereits seit knapp 40 Jahren Fußgängerzone. Durch den Torbogen erkennt man damals wie heute das Neue Justizgebäude. © gs
Der Promenadeplatz 1948. In der Baulücke stand einst das Hotel Bayerischer Hof. © Stadtarchiv München
Heute steht das Hotel wieder da. Bis auf das Obergeschoss ist auch das Nebengebäude, das ehemalige Palais Montgelas, noch erhalten. Es gehört heute zum Hotel Bayerischer Hof. © gs
Die Ostseite des Jakobsplatzes, zum Sebastiansplatz gesehen. 1946. © Stadtarchiv München
Interessant, wie sich die Perspektive bei dieser Aufnahme verändert hat. Das im Originalbild mittig stehende Gebäude sehen Sie hier im Vordergrund rechts. Auch der Großteil der Fassadenfront hinten ist erhalten geblieben. © gs
Dort, wo das Originalbild aufgenommen wurde, steht heute die Synagoge auf dem Jakobsplatz. © gs
Das Denkmal Max I. Josephs vor dem ausgebrannten Nationaltheater. 1945. Diese Ruine steht noch bis heute sinnbildlich für den zerstörten Glanz der Kulturstadt München im 2. Weltkrieg. Am 3. Oktober 1943 wurde das Haus durch einen Bombenangriff zerstört. © Stadtarchiv München
Nach dem Krieg entschloss man sich, kein neues Theater zu bauen, sondern das alte zu rekonstruieren. Der 62 Millionen D-Mark teure Wiederaufbau wurde zum Teil mit Spenden aus der Bevölkerung finanziert. © gs
Das Isartor 1945. Die Warnung "Death is so permanent - Drive carefully" (Der Tod ist allgegenwärtig - fahren Sie vorsichtig) gilt den amerikanischen Militärfahrzeugen, denen die Ost-West-Achse von Isar- bis zum Karlstor vorbehalten ist. © Stadtarchiv München
Heute prägt der Verkehrstrubel des Altstadtrings die Szenerie vor dem Isartor. © gs
Der Stadtbach an der Baaderstraße, im Hintergrund die Fassadenfront an der Ickstattstraße. 1946. © Stadtarchiv München
Bis heute hat sich die Ecke Baader-/Ickstattstraße ziemlich verändert. Der Stadtbach ist längst trockengelegt, an dessen Stelle steht das riesige Gebäude der Baaderstraße 90, das früher die Post beherbegte und heute als Hotel fungiert. © gs
Die Perspektive aus der Originalaufnahme lässt sich heute daher nicht mehr herstellen. Bei dem braunen Häuserausschnitt mittig-rechts handelt es sich um das Haus, was auf dem Originalbild in der Mitte am Ende des Baches zu sehen ist. © gs
Die Post am Goetheplatz von der Häberlstraße aus gesehen. 1946. © Stadtarchiv München
Noch heute prägt das 1931/32 gebaute Gebäude mit dem Flachdach und den geschwungenen Formen den Goetheplatz. © gs
Die Hackerbrücke, bei der der nördliche Brückenteil eingestürzt war, 1946. Sie wird erst 1947 durch den Bau eines Notstegs für Fußgänger und Radfahrer benutzbar. © Stadtarchiv München
1953 wurde die Brücke dann rekonstruiert, ehe in den frühen Achtziger Jahren eine gründliche Sanierung erfolgte. © gs
Vor den Trümmern der Josephskirche. 1945. Die Kirche wurde durch zwei Sprengbomben am 13. Juni 1944 bis auf den Turm komplett zerstört. © Stadtarchiv München
Kaum wiederzuerkennen ist die Josephskirche. Wo früher nur noch Trümmer übrig waren, erstrahlt die katholische Pfarrkirche heute wieder in altem Glanz. Zwischen 1950 und 1952 wurde die Kirche wieder aufgebaut und Ende der Achtziger Jahre saniert. © gs
Die aufgerissene Hauptfassade der Staatsbibliothek an der Ludwigstraße. 1946. Der Schein trügt: Obwohl an der Fassade vergleichsweise nur geringe Schäden zu vermelden waren, war das Gebäude etwa zu 85 Prozent zestört. Auch wertvolle Schriften wurden vernichtet, insgesamt knapp 500.000 Bände. © Stadtarchiv München
Ab 1946 begann der Wiederaufbau des Bibliotheksgebäudes und die Rückführung ausgelagerter Bestände. Der Wiederaufbau wurde 1970 mit der Einweihung des wieder hergestellten Südflügels abgeschlossen. Heute ist die "Stabi" mehr oder weniger beliebter Ort für zahlreiche Studenten. © gs
Die Ruhmeshalle auf der Theresienhöhe. September 1946. © Stadtarchiv München
Hier scheint sich kaum etwas verändert zu haben. Gut möglich, dass rechts im Bild sogar noch der selbe Baum steht. © gs
Ruinenjahre: Bilder aus dem zerstörten München 1945-1949 von Richard Bauer. Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 212 Seiten, 26,5x24,5 durchgehend s/w Abbildungen ISBN: 978-3-8094-8012-9 € 29,95 [D] © Bassermann-Verlag

CSU-Stadtrat Dr. Georg Kronawitter ist entsetzt: „Diese Kirche ist ein herausragendes Beispiel der neobarocken Bauweise, die Ende des 19. Jahrhunderts in München in Mode kam.“ Architekt des 1894 als „Armenversorgungshaus“ eröffneten Komplexes war Carl Hocheder d. Ä., der auch das Müllersche Volksbad entwarf.

Dr. Kronawitter: „Dass der schleichende Zerfall dieses Kleinods St. Martin der Öffentlichkeit weitgehend verborgen blieb, lag ausschließlich daran, dass es wegen dieser Bau­schäden geschlossen blieb.“ Der CSU-Mann kritisiert, dass die Stadt als Eigentümerin ihren denkmalschützerischen Pflichten nicht nachkommt. „Nach herrschender Verwaltungspraxis können die verantwortlichen städtischen Dienst­stellen die Baudenkmäler vernachlässigen, ohne Sanktionen seitens der städtischen Denkmalbehörde fürchten zu müssen.“

Der Verfall der Kirche begann, als das Seniorenheim 1988 in einen westlich angrenzenden Neubau umzog, das alte Heim dient seither als Kinderhort, ­Verwaltungsbau für Sozialreferat und die städtische Münchenstift, als Lager, Werkswohnung und Volkshochschule. Die Kirche selbst wird seitdem nicht mehr genutzt.

Das Sozialreferat selbst sprich von einem „Problemfall“, denn für diejenigen, die nun im Neubau wohnen, sei der Weg zu weit. Außerdem fehlen Strom- und Heizung. Das erzbischöfliche Ordinariat hat kein Interesse an einer Nutzung. Bleibt die griechisch-orthodoxe Gemeinde „Heiliger Georg“, die nicht mehr in der katholischen Kirche „Vom guten Hirten“ (Haidhausen) ihre Messen zelebrieren kann.

Doch vorher muss die Stadt die Kirche sanieren. Die Außenfassade wird schon gerichtet. Bei der Innensanierung spricht das Sozialreferat von einer „mittel- bis langfristigen“ Dringlichkeit. Bis es soweit ist, wird also noch mehr Stuck von der Decke bröckeln…

J. Welte

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