Es steht schlecht um die Szene

Hip-Hop in München: Wo sind all die Rapper hin?

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Die Mikrofone aus der Hand gelegt: „Blumentopf“ haben im Oktober ihr Abschiedskonzert gegeben.

München - Hip-Hop-Musik wird in Deutschland immer populärer. In München allerdings scheint die Szene irgendwie eingeschlafen. Warum eigentlich? Ein Szene-Besuch.

Für Keno Langbein hat alles mit einer Zigarette angefangen. Damals war er 15, stand vor seinem Gymnasium und fragte einen anderen nach Feuer. Der andere ging auf die Hauptschule nebenan. Keno wohnte bei seinen Eltern in Aubing. Der andere kam aus der City. Keno fand Graffiti und Rap gut. Der andere erzählte von nächtlichen Sprüh-Aktionen, Verfolgungsjagden mit der Polizei und seiner Clique, in der Rapper, Graffiti-Künstler und Breakdancer versammelt waren: alle Teil der Hip-Hop-Szene. „Das waren Leute, die Hip-Hop ernst genommen haben. Das hat mir gefallen. Und so passiert das dann halt“, sagt Keno. Nach und nach wurde er Teil der Subkultur. Mit zwei anderen Münchnern gründete er die erfolgreiche Rap-Gruppe „Creme Fresh“. Heute, 15 Jahre später, ist er immer noch Rapper, inzwischen bei der zehnköpfigen Münchner Band „Moop Mama“.

Deutscher Rap ist da angekommen, wo Pop und Rock seit Jahrzehnten sind: im Radio, auf WG-Partys, in gut sortierten CD-Regalen. Kenos Beruf ist der Traumjob von vielen Jugendlichen, die im Internet Videos mit eigenen Liedern hochladen. Der „Sprechgesang“, der früher ausschließlich mit Unterschichts-Attitüde daherkam, gehört heute zum guten Musikgeschmack.

Rapper Keno Langbein lebt jetzt in Hamburg.

In München scheint allerdings eher Endzeit- als Aufbruchsstimmung zu herrschen: Die Rapper von Blumentopf, die mit ihren gerappten Spielkommentaren während der Fußball-WM 2006 ein Millionen-Publikum begeisterten, haben im Oktober ihr Abschiedskonzert gegeben. Das Festival „Living Hiphop“ in der Muffathalle wurde dieses Jahr abgesagt. Und selbst für die etablierten, bekannten Rapper ist die Musik oft nur ein Nebenjob.

„Das Hip-Hop-Festival war immer voll, nur eben nicht voll genug. Der Veranstalter hat sich die letzten zwei Jahre verkalkuliert und draufgezahlt“, sagt Ralf Binder von der Muffathalle. Er denkt allerdings nicht, dass es in München zu wenig Hip-Hop gibt. Die Konzerte in der Muffathalle seien fast immer ausverkauft – sowohl die von lokalen als auch von auswärtigen Rappern.

Aber wo ein Markt ist, da ist nicht unbedingt auch eine Szene. Szene, das bedeutet Austausch, Verbindung zwischen Kreativen, die sich unterstützen. „In München entsteht kein großes Netzwerk. Hier kocht jeder eher sein eigenes Süppchen“, sagt Keno. „Das ist wahrscheinlich eine Frage der Mentalität.“ Die Entstehungsgeschichte seiner jetzigen Band Moop Mama hat zumindest nichts von romantischer Szene-Dynamik, sondern klingt eher nach pragmatischer Firmengründung: Der Saxophonist Marcus Kesselbauer telefonierte vor sechs Jahren ehemalige Kollegen und Bekannte ab, um mit ihnen seine Wunsch-Band zu gründen.

Eine Erklärung für diese Mentalität hat der Münchner Hip-Hop-DJ Dizzlematic, der abseits vom Mischpult Stephan Neuburger heißt. „In München gibt es einfach nicht so viele Chancen, groß rauszukommen. Sobald man es dann geschafft hat, will man davon natürlich nichts mehr abgeben.“ Deshalb gebe es statt einer Szene eher kleine Grüppchen, die unter sich bleiben. „Man teilt sich die Stadt auf“, sagt Neuburger.

Münchens derzeit größte Hip-Hop-Institution: die zehnköpfige Band „Moop Mama“

Wer heute in München jung ist und trotzdem werden will wie Keno – also Rapper und berühmt – der kommt am ersten Dienstag im Monat in die Glockenbachwerkstatt zur Open-Mic-Session. Hier haben alle Münchner Hip-Hop-Größen angefangen. „Das ist natürlich speziell, weil nicht jeder Rapper auch freestylen kann, also sich spontan Texte ausdenken“, sagt Andreas Alt, der die Veranstaltung seit zehn Jahren organisiert. Zwischen 70 und 100 Leute kommen jeden Monat, von denen sich ungefähr 20 auf die Bühne trauen. Früher gab es die Veranstaltung wöchentlich, jeden Dienstagabend. Nach ein paar Jahren hat es dann nicht mehr so gut funktioniert: „Vielleicht hat es sich einfach ausgelutscht“, sagt Alt.

Dabei ist Deutscher Rap ein Trend, bei dem jeder mitmachen kann. Liebeslieder, Systemkritik, Gewaltfantasien – Hip-Hop kann alles. Und jeder kann Hip-Hop: Von den Gangster-Style-Typen aus Neuperlach bis zu den Studenten, die eher angepassten „Persil-Rap“ machen. Vielleicht sind sie einfach zu verschieden, um in eine Szene zu passen?

„Das große Problem ist eher, dass diese Stadt wenig Freiräume lässt, wo sich Sachen von selber entwickeln können“, sagt Keno. Eine kulturelle Stadt sei München natürlich, aber mit starkem Fokus auf Theater, Oper und all die Dinge, die Keno als „glatt“ bezeichnet. „Man müsste auch mal was Kontroverses gedeihen lassen, Jugendliche ausprobieren lassen. So entsteht Subkultur.“

Hans-Georg Stocker betreibt das „Backstage“.

Hans-Georg Stocker will mit seinem Club Backstage so ein Freiraum sein. „Als ich vor zwanzig Jahren den ersten Auftritt von Rappern im Backstage organisiert habe, wollten ein paar Mitarbeiter deshalb kündigen“, sagt er. Heute sei die Akzeptanz groß, die Szene hingegen klein und kompliziert. Das sei aber kein reines Hip-Hop-Problem: „Tendenziell ist das bei anderen Musikrichtungen auch so. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass alles schon so institutionalisiert ist.“ Der Backstage-Chef kann sich aber auch vorstellen, dass sich viel Szene ins Internet verlagert hat. „Man kann Gleichgesinnte heute auch einfach online treffen statt im Jugendzentrum.“ Vor 15 Jahren hingegen waren Keno und seine Clique noch begeistert, wenn überhaupt jemand einen Computer hatte, mit dem man ein paar „Beats“ machen konnte.

Viele Münchner Rapper haben Songs über ihre Stadt geschrieben. Aus den meisten hört man die „typische Hassliebe“ heraus, die auch Keno für seine Heimat empfindet. In einem Lied von Moop Mama rappt er: „Ich bin zuhause in der Stadt, die immer schläft.“ Seit Juli stimmt das allerdings nicht mehr – Keno wohnt jetzt in Hamburg.

Anna Mayr

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