Grausame Szenen

Hochwasser-Retter aus München schildert dramatische Details aus Krisengebiet - „Noch nie erlebt“

Hochwasser in Rheinland-Pfalz: Ein ADAC-Hubschrauber aus München fliegt über dem Kreis Ahrweiler. Zahlreiche Häuser sind zerstört.
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Hochwasser in Rheinland-Pfalz: Das Rettungs-Team aus München war im Kreis Ahrweiler im Einsatz.

Als die Hochwasser-Katastrophe NRW und Rheinland-Pfalz traf, machte sich auch ein Ärzte-Team aus München auf den Weg. Vorort begegneten ihnen furchtbare Schicksale.

München/Ahrtal - Sie stehen auf den Dächern ihrer Häuser oder hocken auf Trümmerteilen in den Wassermassen. Verzweifelt winken sie den über ihnen kreisenden Hubschraubern zu. Unvorstellbare Szenen, die sich vergangene Woche Donnerstag den Einsatzkräften des Münchner ADAC-Rettungshubschraubers Christoph 1 bieten, als sie das überflutete Ahrtal (Rheinland-Pfalz) überfliegen. Die Bilder aus dem Katastrophengebiet sind selbst für erfahrene Rettungskräfte schwer zu verkraften.

„Die Situation vor Ort war dramatisch“, schildert Rettungspilot Thomas Grauenhorst (58), der den Einsatz der gemeinnützigen ADAC-Luftrettung flog. Am Tag nach dem verheerenden Hochwasser wurden er und sein dreiköpfiges Rettungsteam, bestehend aus Notarzt Dr. Mathias Schmid (40), einem Rettungssanitäter und einem Winden-Operator in die Krisenregion abgezogen.

Hochwasser in Deutschland: Helikopter-Team aus München erzählen - Rettung mit der Seilwinde

Ihr erster Einsatzort: der Ortsteil Altenburg von Altenahr in Rheinland-Pfalz – hier war die Hilfe aus der Luft die einzige Möglichkeit, die Menschen aus den Fluten zu retten. Bis zu 20 Stunden hatten sie in den vom Wasser eingeschlossenen Häusern auf Hilfe gewartet, teils über Nacht auf Dächern und Balkonen ausgeharrt. Manche hatten Löcher in ihre Hausdächer geschlagen, um zu überleben. „Wir sind in einer Höhe von 100 Metern über den Ort geflogen und haben nach Möglichkeit die Einwohner in größter Not zuerst per Seilwinde gerettet“, sagt Grauenhorst.

Hochwasser in Deutschland: Oberarzt aus München erzählt „in dem Ausmaß habe ich das noch nie erlebt“

Als erstes brachten sie ein älteres Ehepaar in Sicherheit, das Stunden auf dem Vordach seines Hauses verbracht hatte. Die Todesangst im Gesicht des Mannes wird Thomas Grauenhorst nie vergessen: „Er hat sich an Bord an allem festgekrallt, was er in die Finger bekommen hat.“ Die Zerstörung, die Wassermengen, der Benzin-Geruch: „Als Notarzt sieht man viele Schicksale und Menschen in Grenzsituationen, aber in dem Ausmaß habe ich das noch nie erlebt “, sagt Notarzt Dr. Mathias Schmid, der hauptberuflich als Oberarzt in der Pneumologie der München* Klinik Harlaching arbeitet und freiberuflich für die Luftrettung tätig ist.

Das Team arbeitete sich aus der Luft durch den Ort, flog bereits am ersten Tag 36 Seilwindeneinsätze und rettete dutzende Menschen. „An einer großen Brücke haben wir die Menschen an Rettungskräfte am Boden übergeben. Ich hab nur zum Tanken die Triebwerke ausgemacht“, sagt Pilot Grauenhorst. Körperlich seien die meisten Geretteten unverletzt gewesen, dafür jedoch in besorgniserregendem psychischem Zustand. „Viele waren in einer regelrechten Schockstarre“, sagt Schmid.

Münchener helfen den Flut-Opfern: Ärzte-Team schildert furchtbare Schicksale

Insgesamt war Christoph 1, der an der München Klinik Harlaching* stationiert ist, vier Tage im Krisengebiet. Mehr als fünf Ärzte der München Klinik waren und sind im Auftrag der ADAC-Luftrettung im Einsatz. Zusammen mit einem zweiten ADAC-Spezialhubschrauber flogen die wechselnden Retter aus Bayern bis Montagabend 65 Windeneinsätze und kümmerten sich um die medizinische Versorgung.

„Ihnen muss schnell geholfen werden. Diese Menschen haben nur noch ihr Leben, sonst nichts mehr.“

Dr. Mathias Schmid, Arzt aus München

Dr. Mathias Schmid behandelte eine Frau, die nach 48 Stunden im Wasser von Nachbarn in einem Hinterhof gefunden wurde – lehmverschmiert und unterkühlt, aber lebend. Die unfassbaren Schilderungen der Geretteten bewegen ihn: „Eine Familie erzählte mir, dass ihre Schwiegermutter im Haus ertrunken ist, andere, dass sie gesehen haben, wie ihre Nachbarn von den Dächern abgetrieben und mit dem Wasser mitgerissen wurden.“ Zudem haben die Überlebenden oft alles verloren. Thomas Grauenhorst: „Ihnen muss schnell geholfen werden. Diese Menschen haben nur noch ihr Leben, sonst nichts mehr.“ (cmy) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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