Hofbräuhaus-Tische: Das skurrilste Gästebuch der Welt

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Heute ist das Einritzen offiziell verboten. Aber wer kontrolliert das?

München - Die Hofbräuhaus-Tische zieren zahllose Inschriften. Die tz besah sich einige Tische näher und wollte unter anderem wissen, wie es zum Brauch kommt, sich auf Holztischen zu verewigen.

München und seine Wirtschaft – darum beneidet uns die ganze Republik. Aber München und die Wirtschaften – darum beneidet uns die Welt. Mittelpunkt ist das Hofbräuhaus. Wer tatsächlich allein hier sitzt, hat dennoch viel Geselligkeit vor sich. Nämlich auf den alten Eichentischen. Denn viele Holzplatten zieren zahllose Inschriften – vom schnöden Kuli-Gekritzel bis zu ­kleinen Schnitz-Kunstwerken. Die tz besah sich einige Tische näher und wollte unter anderem wissen, wie es zum Brauch kommt, sich auf Holztischen zu verewigen.

Das Werk eines Hippies? Oder von Aloisius, der in irdischem Frieden eine Mass trinkt, und no oane

Wie heißt es so schön in Müllers Der Lindenbaum? „Ich schnitzt’ in seine Rinde so manches liebe Wort.“ Verewigen in Holz hat Tradition, spätestens seit dem Zeitalter der Romantik um 1800. Hofbräuhaus-Serviceleiter Klaus Seidenspinner hat noch eine andere Erklärung: „Als es noch keine Bierdeckel gab, schnitzte man mit dem Messer in der Tischkante jede Mass ein.“ Zudem: Die Tradition, Brotzeit mitzunehmen, gab’s ausgiebig. Da packten die Gäste ihre Hirschfänger aus, und die Holztische mussten leiden. Manche sind so ramponiert, dass ganze Ecken fehlen. Kein Wunder: Die ältesten Tische sind von 1897. Damals wurde das Hofbräuhaus nach dem Umbau wiedereröffnet. Wo heute in den hohen Sälen die Schwemme ist, standen einst die Sudkessel.

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Extrem viel geschnitzt wurde nach dem Zweiten Weltkrieg. Das berühmteste Wirtshaus der Welt wurde zur Hochburg der GIs, die wiederum haben die Touristen ­mitgebracht und angezogen – und alle liebten bayerisches Brauch- und Volkstum. Die zweite Generation an Tischen, ebenfalls reich verziert, stammen aus den 50ern und 60ern. Ob es denn heute verboten sei, etwas in die Tische zu ritzen? Sabine Barthelmeß, Sprecherin des Hauses: „Wir weisen die Gäste darauf hin, dass es verboten ist.“ Aber bei 3500 Gästen täglich und über einer Million Besucher im Jahr können die Augen der Bedienungen natürlich nicht überall sein.

Diese Inschrift soll Angus Young höchstpersönlich hinterlassen haben, der Gitarrist der Hardrock-Band AC/ DC

Wir betrachten einige Tischplatten näher. An eingeritzten Örtlichkeiten finden wir Korea, Chile, Alaska. Und Pforzheim. Auch die Vereinigten Staaten sind verewigt („USA“). Meat Loaf, erzählt Barthelmeß, saß schon mal hier. Ob der Fleischklops gar …? Immerhin wäre er in guter Gesellschaft. Ein eingraviertes „Angus“ deutet schließlich auf Rock-Legende Angus Young hin, Gitarrist von AC/DC.

Dass „HB“ zu finden ist, schön tief eingraviert, wundert uns nicht. Allerdings: „Im Russischen bedeutet ,HB‘ in etwa ,Volkswille‘“, erklärt uns Barthelmeß. Und wenn man jetzt noch weiß, dass Lenin und seine Gattin hier verkehrten. Wer weiß?

Rund 120 Stammtische sind im Haus verteilt, manche 60 Jahre alt. Die Stammtischbrüder und -schwestern besitzen eine eigene Karte, deren Gültigkeit regelmäßig verlängert wird. Man darf davon ausgehen, dass keiner von ihnen „Don’t worry, boil happy“ geschrieben hat. Verzage nicht, koche glücklich, würde das heißen. Entweder, der Künstler hat zu tief ins Glas geschaut – und hat „boil happy“ mit „be happy“ („sei glücklich“) verwechselt – oder er war so angetan von der Küche, dass er ein humoristisch angreifbares Wortspiel kreiert hat. Wie auch immer: Man kann locker ein paar Stunden hier verbringen und ist gut unterhalten. Selbst, wenn man allein unterwegs ist. Münchner Wirtschaft eben.

Matthias Bieber

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