Nach Hitzlspergers Bekenntnis

Großer tz-Report: Schwul in München

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Alltag in München: Heiko Czichoschewski und Michael Titze wurden 2009 im Standesamt vermählt.

München - Die Anzahl der Schwulen und Lesben in München dürfte in die Hunderttausende gehen. Doch wie lebt es sich als Homo in München?

Spätestens das Outing von Ex-Fußballprofi Thomas Hitzlsperger brachte es ans Tageslicht: Homosexuelle sind keine schrille Minderheit, sondern in allen Gesellschaftsschichten vertreten. Die Anzahl der Schwulen und Lesben in München dürfte in die Hunderttausende gehen. Doch wie lebt es sich als Homo in München? 2009 fand die erste Schwulenhochzeit im Standesamt statt. Heiko Czichoschews­ki und Michael Titze gaben sich damals das Ja-Wort. Die tz befragte einen schwulen Amateur-Fußballer und eine Sozialpädagogin, die sich um Schwule und Lesben kümmert.

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Der Münchner Rainer Schweyer (48), Manager bei einem Displayhersteller, lebt seit 23 Jahren mit einem Mann zusammen – und ist Vorsitzender der Streetboys, der Fußballsparte des schwul-lesbischen Sportvereines Team München. Den gibt es seit mittlerweile 18 Jahren. „Das Ganze begann damit, dass sich im Englischen Garten regelmäßig Hobbykicker zum Spielen trafen“, erinnert sich Schweyer. „Darunter waren viele Vereinsspieler, die sich in ihren Heimatorten auf dem Land nicht getraut hatten, sich zu outen.“

Auch Schweyer, aufgewachsen in der Nähe von Stuttgart, erging es so. „Da erzählten die anderen Spieler von ihren Freundinnen und fragten mich nach meiner.“ Dazu seien dann schwulenfeindliche Witze gekommen. „Ich brachte dann einmal eine Freundin als Alibi mit – und habe mich danach miserabel gefühlt“, schildert Schweyer.

Tatsächlich dauerte es, bis er zu sich selbst fand und erkannte, „dass ich zu 100 Prozent schwul geboren bin“. Er hatte auch Freundinnen, spürte aber bald: „Das ist doch nicht mein Ding.“ Schweyer wagte sich mit Anfang 20 in die Stuttgarter Schwulenszene und lernte seinen heutigen Partner kennen, den er bald heiratete. „Als ich es meiner Mutter sagte, dass ich schwul bin, meinte sie, dass sie kein Problem damit hat, solange ich glücklich bin.“

Auch an Schweyers Arbeitsstätte wissen die Kollegen Bescheid. „Ich könnte mir gar nicht mehr vorstellen, mit Menschen viel Zeit zu verbringen, die nicht wissen, dass ich mit einem Mann zusammen bin.“ Allerdings: „Ich renne nicht mit einem Schild um den Hals herum, auf dem steht: ,Ich bin schwul!‘ Aber wenn es zur Sprache kommt, sage ich halt, dass ich einen Mann liebe.“

Und wie ist es auf dem Fußballplatz? Schweyer: „Es war am Anfang schon schwierig, wir wurden beschimpft und ließen uns provozieren, es kam zu Rempeleien und Spielabbrüchen.“ Mittlerweile habe sich das aber gewandelt. Schweyer: „Es spielen jetzt auch Heteros bei uns.“ Die Beleidigungen auf dem Sportplatz seien weniger geworden. Schweyer: „Es ist ja normal, dass man sich angiftet. Nur wenn die Beleidigungen nicht aufhören, wird es persönlich.“ Doch die Spieler der Streetboys ließen sich nicht mehr provozieren.

Schweyer meint: „Ich glaube, es ist im Amateursport heute einfacher, offen schwul zu sein als im Profisport, wo vor allem die Sponsoren das Sagen haben.“

Dumme Sprüche in der Schule

Die Sozialpädagogin Ulrike Mößbauer von der Koordinierungsstelle der Stadt für gleichgeschlechtliche Lebensweisen beobachtet die Entwicklung des schwulen und lesbischen Lebens in München mit gemischten Gefühlen.

Ulrike Mößbauer.

Mößbauer sagt: „Homosexuelle haben es heute in der Gesellschaft viel leichter als etwa in den 90er-Jahren, auch in München.“ Auf der anderen Seite täten sich viele homosexuelle Jugendliche immer noch schwer mit ihrer Veranlagung. Mößbauer: „,Schwul‘ oder ,lesbisch‘ ist auf den Schulhöfen immer noch ein Schimpfwort. Die Selbstmordrate unter homosexuellen Jugendlichen ist um ein vielfaches höher als unter heterosexuellen.“ Auch die Szene sei im Umbruch, beispielsweise im Glockenbachviertel: „Das war früher einmal ein Rückzugsraum für Schwule und Lesben, doch viele können sich dort die steigenden Mieten nicht mehr leisten.“ Mößbauer beobachtet außerdem ein allmähliches Szene-Kneipensterben: „Das liegt daran, dass sich viele Schwule und Lesben heute im Internet treffen und nicht mehr so sehr auf die schwule Infrastruktur angewiesen sind.“

Und noch ein Trend sei zu beobachten: „Junge Homosexuelle haben verstärkt den Wunsch, mit ihren Hetero-Freunden auszugehen.“ Trotzdem sei das Partyvolk im Glockenbachviertel nicht immer so tolerant. Mößbauer: „Man hört vermehrt, dass Schwule oder Lesben im Glockenbachviertel auf der Straße blöd angemacht werden.“

Die Hochburg im Glockenbach

München war in den 70er-Jahren die wichtigste Schwulenmetropole Deutschlands. Homosexuelle Showgrößen wie Freddie Mercury feierten an der Isar. Zwar musste München diese Rolle mittlerweile an Köln und Berlin abgeben, doch immer noch ist die Isarmetropole das unangefochtene Zentrum der Schwulenszene im Süden und darüber hinaus.

„Man geht davon aus, dass fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung homosexuell sind“, erklärt Ulrike Mößbauer von der Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen der Stadt München. „Man kann aber davon ausgehen, dass der Anteil an der Bevölkerung hier wesentlich größer ist, weil viele Schwule und Lesben vom Land nach München kommen, weil sie sich hier freier fühlen und auf eine ausgeprägte Infrastruktur treffen.“

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Vor allem im Glockenbachviertel gibt es eine große Zahl von schwulen oder lesbischen Bars, Restaurants oder Diskotheken, die Tendenz ist allerdings abnehmend. Außerdem gibt es schwul-lesbische Sportvereine, ein Jugendzentrum und Beratungsstellen. Im Rathaus ist die schwul-lesbische Wählerinitiative Rosa Liste seit 1996 mit Thomas Niederbühl im Stadtrat als Mitglied des Regierungsbündnisses vertreten. Der alljährliche Christopher Street Day, bei dem die Homosexuellen mehr Rechte fordern, wurde meist von Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) angeführt, neben den Vertretern von Grünen, FDP oder Linke spricht dort nun auch der OB-Kandidat der CSU, Josef Schmid.

Johannes Welte

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