Horror-Beben: Gebürtiger Münchner berichtet

München/Tokio - Christoph Neumann (43) ist Erdbeben gewöhnt. Der gebürtige Münchner lebt seit 15 Jahren in Japan. Die tz erreicht ihn per Telefon in Tokio. Sein schockierender Bericht:

„Was hier passiert, verschlägt mir die Stimme“, sagt Neumann. Er muss das Gespräch kurz unterbrechen. Eine Erdbeben-Warnung lässt sein Handy piepen. „In Japan registriert das Wetteramt die Vorschwingungen eines Bebens und schickt sofort eine Nachricht an alle Handys im Land. Man hat dann etwa 20 Sekunden Vorwarnung.“ Der 43-Jährige geht sofort in Deckung, ein weiteres Beben bleibt aber aus.

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Als Japan in die Katastrophe stürzt, sitzt Neumann in seinem Büro im Tokioter Geschäftsviertel Marunouchi. Dort arbeitet er als Software-Entwickler. „Erst haben alle Kollegen weitergearbeitet.“ Dann fallen die Pflanzen von den Schränken, Computerbildschirme stürzen um. „Ein normales Beben dauert in Japan bis 20 Sekunden. Dieses dauerte mehrere Minuten. Es wollte nicht aufhören.“
Neumann ist nebenbei ein japanweit bekannter TV-Star, durch Auftritte in der beliebten Sendung Die spinnen, die Japaner, in der Japaner mit Ausländern über ihr Land streiten. Außerdem hat er den Bestseller Darum nerven Japaner verfasst – eine liebevolle Betrachtung der japanischen Macken. Jetzt muss er sich unterm Schreibtisch verstecken. Nach dem ersten Beben rennt er auf die Straße. Dort scherzen die japanische Kollegen – dann erschüttert das erste Nachbeben die Stadt.

„Die Leute mussten sich auf den Boden legen, weil sie nicht mehr stehen konnten. Selbst ein nahegelegener Park hat gewackelt. Die Vögel sind in der Luft gekreist.“ Für Neumann ist klar, dass er nicht wieder ins Büro gehen wird, sondern sich schnellstmöglich auf den Weg nach Hause macht.

Der gebürtige Münchner Christoph Neumann lebt in Tokio

Er erlebt eine wahre Völkerwanderung. In Marunouchi ist am frühen Nachmittag sonst niemand auf der Straße. „Jetzt irrten Tausende in Anzügen umher.“ Für die fünf Kilometer zu seiner Wohnung benötigt Neumann zwei Stunden.
Immer wieder versucht er unterwegs, seine Frau per Handy zu erreichen – vergeblich. Neumann macht sich große Sorgen. Seine Frau ist Chinesin und lebt erst seit zwei Monaten in Tokio. „Ich hatte Angst, dass sie den Weg nicht finden würde.“ Deshalb will er sie mit einem Taxi abholen. „Die Taxen waren alle belegt und die Straßen völlig verstopft.“ Für die fünf Kilometer zu seiner Wohnung benötigt Neumann zwei Stunden.

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Vor dem Appartmenthochhaus stehen hunderte Menschen. Neumann zweifelt, ob es überhaupt sicher ist, das Gebäude zu betreten. „Aber ich musste hochgehen und sehen, ob meine Frau da ist.“ Neumann wohnt im 14. Stock – der Aufzug ist ausgefallen. Der Aufstieg über die Treppe lohnt sich, er trifft seine Frau in der Wohnung. Dort sind durch das Beben alle Bilder von den Wänden gefallen.

mir gar nicht ausmalen, wie die Menschen das empfunden haben.“ Der Schock lässt Neumann nicht los: „Wie sich die Erde wieder und wieder bewegt hat, da fehlen mir die Worte.“ Gerade im sonst so perfekten Japan ist diese Katastrophe ein wahnsinniger Kontrollverlust. „Hier fährt jeder Zug auf die Sekunde pünktlich, alles ist noch viel exakter als in Deutschland. Das ist jetzt alles außer Kraft gesetzt. Hunderttausende irren durch die Straßen – wahrscheinlich mit den selben Gedanken wie ich.“

Marc Kniepkamp

Rubriklistenbild: © dpa

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