Koma, Razzia, Pleite!

Das Horror-Jahr von Ex-Stadtrat Bernhard Fricke

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Vor dem Haus der „Sonnenarche“ im Chiemgau: Bernhard Fricke mit seinen Hunden Solei, Joy und Foxi.

München - Zum ersten Mal redet Ex-Stadtrat Bernhard Fricke (66) über seinen Zusammenbruch. Und er erhebt schwere Vorwürfe gegen die Münchner Staatsanwaltschaft.

Seit er vor 30 Jahren nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die Anti-Atom-, Umwelt- und Menschenrechtsorganisation „David gegen Goliath“ (DaGG) gegründet hat, schien Bernhard Fricke in München allgegenwärtig. Zwölf Jahre lang, von 1990 bis 2002, mischte er mit extravaganten Ideen den Stadtrat auf, legte sich mit Behörden und der Atomlobby an, zog mit Inbrunst gegen großflächige Kommerzwerbung an Kirchen zu Felde. Sogar mit dem Goliath Bahn legte er sich an. Doch im März 2016 verschwand Fricke von der Bildfläche. Jetzt erklärt der Rechtsanwalt, Politiker und Autor erstmals, warum:

„Ich wollte mich in Thailand auf Ko Samui ein paar Tage erholen“, sagte er bei einer Pressekonferenz. „Am dritten Tag bin ich zusammengebrochen. Ich war mehr als vier Wochen lang bewusstlos.“ Er sei im Krankenhaus in Thailand gelegen – ausgeraubt, ohne Papiere. „Niemand wusste dort, wer ich war. Ich habe zwei Schlaganfälle erlitten“, sagt Fricke. „Ich war wie ein Zombie.“

Bis heute ist der 66-Jährige davon gezeichnet. Er sitzt am Esstisch in seinem Bauernhaus im Chiemgau, wo er mit dem Tier-Asyl „Sonnenarche“ einen Lebenstraum verwirklicht hat. Zu seinen Füßen Solei, Joy und Foxi, drei riesige Irische Wolfshunde, die treuherzig unter ihren Zottelhaaren hervorlugen. Frickes Stimme ist wieder kräftig, aber er wirkt fahrig, sein Vortrag ist unstrukturiert. „Ich kann mich schlecht konzentrieren“, gesteht der Rechtsanwalt. Das Gehen fällt ihm schwer, nach einer Augenoperation trägt er eine schwarze Augenklappe.

Gerettet hätten ihn seine Freunde und sein Bruder, sagt er. Als er am 14. April nicht zurückkam, spürten sie ihn mithilfe der Deutschen Botschaft auf und brachten ihn im Ambulanzflugzeug nach Deutschland. Hier lag er weitere fünf Monate in Kliniken.

„Meine Kanzlei wurde kaputt gemacht. Ich habe verloren, was mich getragen hat“

„Aber jetzt kann ich wieder. Ich habe die Kraft gefunden“, sagt Fricke, und der alte Revoluzzergeist blitzt in seinem freien Auge auf. Jetzt kämpft er um die eigene Existenz: „Die Staatsanwaltschaft hat mich vernichtet“, sagt er. „Meine Kanzlei wurde kaputt gemacht, ich habe alles verloren, was mich getragen hat.“ Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Fricke wegen Verdachts der Urkundenfälschung im Zusammenhang mit einer Erbschaft von DaGG. Am 22. Juni wurden das Gemeinschaftsbüro von DaGG und Frickes Anwaltskanzlei an der Neuhauser Straße sowie das Bauernhaus im Chiemgau durchsucht. Das geschah just in dem Moment, so Fricke, „als ich am Tiefpunkt meines Lebens war. Ich lag nach einer Operation am Gehirn kaum ansprechbar in Murnau.“

Die Vorwürfe, so beteuert Fricke, seien haltlos: „Ich habe nichts Unrechtes getan.“ Weiter dürfe er sich zum laufenden Verfahren nicht äußern. Auch in den 140 Seiten dicken Prozessakten, die er inzwischen über einen Anwalt erhalten habe, könne er nichts Belastendes finden. Ihn empört am meisten, dass auch sein Anwalts-Computer beschlagnahmt und bis heute nicht zurückgegeben worden sei. Das sei ein Verstoß gegen elementare Rechtsgrundsätze. Notfalls wolle er dagegen bis vor das Verfassungsgericht ziehen.

„Ich war immer dankbar, in diesem Land leben zu dürfen“, beteuert Fricke. „Aber wenn es möglich ist, das Anwaltsgeheimnis derart auszuhebeln, sind wir auf dem Weg in eine Bananenrepublik!“

Da ist er wieder, der alte Fricke, der mit heiligem Zorn gegen Unrecht und für die Umwelt kämpfte – oft belächelt, manchmal vergebens, aber immer wieder erfolgreich. Der Mann, der einen gebissenen Hund mit der gleichen Selbstverständlichkeit als Mandanten annahm wie den Aztekenhäuptling Xokonoschtletl Gomorae im Kampf gegen den ADAC. Der Stadtrat, der das Gremium beharrlich an seine Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung erinnerte.

Die Staatsanwaltschaft weist Frickes Vorwürfe zurück. Man habe das DaGG-Büro durchsucht. „In welchem Bereich Herr Fricke seiner anwaltlichen Tätigkeit nachgeht, können wir nicht abschließend beurteilen.“ Eine Beschwerde gegen die Beschlagnahme sei bisher nicht eingegangen.

Zunächst einmal muss Fricke ohnehin ein anderes Problem lösen. Sein Verein DaGG dümpelt nach dem Rücktritt mehrerer Vorstandsmitglieder dahin, die Büro- und Kanzleiräume sind aufgegeben, Vorstand Fricke hat sich mit wenigen Getreuen und seinen geliebten Hunden auf die Sonnenarche im Chiemgau zurückgezogen. „Was mit geblieben ist, ist meine Liebe zu Mister Gott“, sagt er ernst. Damit will er anderen Menschen Mut machen – solange er kann.

„Ich habe finanziell noch vier Wochen Spielraum“, sagt der 66-Jährige. „Bis dahin muss ich eine andere Existenzgrundlage finden oder Menschen, die mir helfen.“ Sein Blick schweift hinaus auf die Anlage, wo knapp 100 Tiere ihr Gnadenbrot erhalten. „Hier hab’ ich mein ganzes Geld reingesteckt“, sagt er leise. „Vielleicht muss ich das jetzt verkaufen.“

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