Riesige Such-Aktion

Hündin Carlie seit einem Jahr vermisst: Was seitdem passiert ist

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Weiß-grau-beige-farbenes Fell, kurzer Stummelschwanz und etwa 50 Zentimeter groß: mehr als 150.000 Zettel mit diesen Erkennungsmerkmalen der Hündin Carlie haben Bine Alff und ihre Helfer nach eigenen Angaben in ganz München verteilt.

München - Genau ein Jahr ist es am Wochenende her, dass Hündin Carlie entlaufen ist – die münchenweite Suchaktion war aufsehenerregend. Über 150 000 Handzettel, mehr als hundert freiwillige Helfer – ohne Erfolg. Bis heute ist Carlie auf freier Pfote. Dennoch hat ihre Besitzerin mit der Suche viel bewegt.

„Es tut immer noch ein bisschen weh“, sagt Bine Alff, während sie die spielenden Hunde im Englischen Garten beobachtet. Dass ausgerechnet ihr als professioneller Hundetrainerin das passiert ist, wirkt auf den ersten Blick wie bittere Ironie. Dabei hätte sie damals überhaupt nichts tun können – als Carlie am 19. Juli 2014 über den Gartenzaun entschwand, war Alff gar nicht in München. Eine Freundin habe auf den Hund aufgepasst und sie gleich darauf alarmiert, erzählt sie. Dass der Verlust ihrer geliebten Vierbeinerin noch immer an ihr nagt, merkt man der 34-Jährigen beim Spaziergang mit den Hunden ihrer Klienten an.

Die Fahndung nach Carlie war damals eine beispiellose Großaktion. In Kürze hatte sich ein riesiges Helferteam um Bine Alff geschart. Wochen- und monatelang verteilte die Gruppe Vermisstenmeldungen, platzierte strategische Futterstellen in verschiedenen Stadtteilen, prüfte Landkarten auf mögliche Streun-Routen, baute Wildtierkameras auf und bastelte eine Website für Sichtungshinweise. Schnell nahm die Suche für Alff ungeahnte Dimensionen an. „Plötzlich haben mich im Supermarkt wildfremde Leute umarmt“, erzählt sie. Es habe sie erstaunt, wie viele Menschen auf einmal auf sie zugekommen seien, um ihr Trost zu spenden. „Dabei bin ich doch nur eine ganz normale Frau, die ihren Hund wiederhaben will.“

Bei der Suche zwei Telefone verschlissen

Ein Jahr nach der Aktion, die weit über die Münchner Stadtgrenzen hinaus bekannt wurde, bleibt Carlie verschwunden - doch das Suchteam hat sich zu einer effektiven Einheit entwickelt, wenn es darum geht, ausgebüxte Vierbeiner zu finden.

Gefühlte 400 Anrufe habe sie am Tag bekommen, gleich zwei Telefone hätten aufgrund des hohen Verschleißes den Geist aufgegeben. „Irgendwann hat sich einer von uns nur noch um die Presseangelegenheiten gekümmert – so viele Anfragen kamen plötzlich.“ Dabei seien die Reaktionen keinesfalls nur positiv gewesen. Von anonymen Hundehassern habe Alff regelrechte Drohschriebe bekommen. „Beim Flyerverteilen in der Innenstadt hat mir sogar einmal ein Mann ein Messer an den Hals gehalten“, berichtet sie. Der Unbekannte sei auf sie losgegangen, nachdem er sie zunächst wegen „Stadtverschmutzung“ wirr beschimpft habe. Alff habe sich jedoch nicht einschüchtern lassen und der Angreifer daraufhin die Flucht ergriffen.

Acht Monate lang kontrollierte sie mit ihrem Team jeden Tag die Futterstellen, jeweils um 5 Uhr früh und 23 Uhr abends. Unermüdlich. Obwohl Sichtungshinweise nahelegten, dass Carlie in der Nähe gewesen sein müsse, habe das Tier die Fressangebote scheinbar ignoriert, sagt Alff. „Dinge, die ihr von menschlicher Hand zugetragen wurden, hat sie einfach nicht genommen.“

Je weiter die Fahndung vorangeschritten sei, umso organisierter sei auch das Helfer-Netzwerk geworden. Jeden Dienstagabend habe sich der harte Kern im Fahrradladen einer Freundin getroffen und eine Lagebesprechung abgehalten. Im „IsarCruiser“ an der Baaderstraße habe das Team sogar Carlies Bewegungsmuster anhand der Sichtungsberichte rekonstruiert. 60 Kilometer sei die Vierbeinerin anfangs jeden Tag gelaufen, in spiralförmigen Routen durch München und Umland. Dann habe sie ihr neues Revier langsam auf einen Radius von ungefähr 15 Kilometern eingeschränkt und immer seltener dieselben Wege benutzt.

Carlie ist verwildert, scheu geworden. Alff und ihr Team haben die wahrscheinlichsten Begegnungsorte recherchiert, sind der Hündin dabei sogar zum Greifen nahe gekommen. „Einmal waren wir so nahe dran, dass sie direkt in der Parallelstraße gewesen sein muss.“

Carlie lebt - und wird bis heute immer wieder gesehen

Vergeblich. Immerhin: Carlie lebt. Vor zwei Wochen hat es wieder eine Sichtung gegeben. Obwohl sie ihren Hund noch immer nicht zurückhat, sieht Bine Alff die Dinge heute positiv. „Aus der ganzen Geschichte hat sich auch viel Gutes entwickelt“, erzählt sie. Zum Beispiel sei aus ihrem Helferteam eine neue Gruppe zur Sicherung entlaufener Hunde entstanden. „Team Carlie“ nennen sich die 15 Tierfreunde und ihre Partner. In Zusammenarbeit mit dem Suchhundezentrum K9 konnten sie in den vergangenen zehn Monaten bereits 50 entlaufene Hunde bergen und ihren Besitzern wiederbringen.

Das "Team Carlie" fand in einem Jahr 50 entlaufenen Hunde 

Ihre Expertise haben die freiwilligen Haustierretter durch die Suche nach Carlie gewonnen. Sie habe etwas in ihren Leben verändert, habe ihnen eine Mission gegeben, sagt Bine Alff. Sie selbst hilft dem Team vor allem bei der „Sicherung“ der entlaufenen Tiere. „Sobald man weiß, wo der Hund sich ungefähr aufhält, gibt es zwei Möglichkeiten, ihn zu sichern“, erklärt sie. Eine häufige Variante sei die Sicherung per Lebendfalle. Dabei werde an entsprechender Stelle ein Gitterkäfig mit einem Futternapf in der Mitte aufgestellt. Letzterer sei dabei mit einem mechanischen Auslöser verbunden, der hinter dem schmausenden Vierbeiner die Tür zuschnappen lässt – wie bei einer großen Mausefalle. Erstaunliches Detail: Um den Hund zuverlässig Richtung Falle zu lotsen, werden vorher ein paar kleinere Futterquellen aufgestellt, die Schritt für Schritt zum Käfig führen. Man kennt das Prinzip aus zahllosen Zeichentrickfilmen.

„Die zweite Möglichkeit ist, über einen gewissen Zeitraum hinweg Vertrauen zu dem Hund aufzubauen“, sagt Alff. Das könne aber durchaus Wochen und Monate dauern, je nachdem, wie scheu das Tier sei. Sie weiß: „Im Endeffekt hilft immer der Zufall.“ So sei es schon vorgekommen, dass des Menschen ausgebüxter Freund von selbst auf ein Grundstück spaziert sei, das sich dann ganz einfach absperren ließ.

Carlie selbst bleibt verschwunden und Bine Alff lässt los

Ganz so simpel ist es aber nicht immer. Gleich der erste Einsatz für Team Carlie sei besonders dramatisch gewesen, erzählt Alff. Im Herbst vergangenen Jahres sei in Großhadern eine Rentnerin von einem Auto erfasst worden, als sie mit ihrem Pyrenäenschäferhund Gassi ging. Dabei sei die Leine gerissen und das verängstigte Haustier entflohen. Die Besitzerin habe mit mehreren Knochenbrüchen ins Krankenhaus gemusst. Team Carlie habe ihren pelzigen Gefährten aber zum Glück gefunden und sogar per Hand sichern können. Er wurde dem Sohn der Rentnerin wiedergebracht, während diese sich auskurierte.

Für Bine Alff birgt das Retten fremder Hunde einen emotionalen Zwiespalt. Einerseits freue sie sich, wenn sie sehe, wie glücklich Tier und Besitzer sich oft wiederbegegnen, erklärt sie. „Auf der anderen Seite frage ich mich aber: Warum kann ich meinen eigenen Hund nicht wiederhaben?“ Anfangs habe sie nach jedem Einsatz geweint. Bis sie Anfang Februar gemerkt habe, dass es an der Zeit sei, loszulassen. „Ich bin nahe an einem Zustand völliger Erschöpfung gewesen.“

Seit sie die Rastlosigkeit hinter sich gelassen hat, empfinde sie die Struktur des Alltags als Erleichterung. Die Normalität. Die relative Ruhe. Freilich: Käme Carlie heute zu ihr zurück, würde ihr die Verwilderung der vierbeinigen Freundin keine Sorgen bereiten. In der Regel bekämen solche Hunde schnell wieder die Kurve, sagt sie. „Trotz allem würde ich sie nicht in Ketten legen. Ich würde versuchen, ihr eine Art Freiheit mit Grenzen zu lassen.“ Einen kurzen Moment denkt Bine Alff nach, dann lacht sie: „Aber ich würde ihr diesmal vielleicht einen GPS-Sender ins Halsband stecken.“

Marian Meidel

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