Stöbern fürs bayerische Wörterbuch

Die Hüter des Wort-Schatzes

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Der Bairisch-Archivar: Professor Anthony Rowley in seinem Büro vor dem riesigen Zettelschrank.

Sie sammeln Juwelen der besonderen Art: Rentner Josef Pauli, 74, und Germanistik-Professor Anthony Rowley, 59, stöbern nach bairischen Wörtern – für ein riesiges Nachschlagewerk. Sie tun das beide mit viel Leidenschaft – aber aus ganz unterschiedlichen Beweggründen.

München – Der Schatzsucher sitzt am Küchentisch, vor sich hat er Listen, Ordner und Zettel ausgebreitet. Langsam lässt er seinen Finger am Rand eines Blattes nach unten gleiten. Plötzlich stoppt er. „Das ist ein besonders schönes Wort“, sagt er. Er meint das Wort „Salbe“. In gut lesbarer Handschrift steht auf dem Blatt: „Salbe = a Schmia.“ Und: „Beispiel: Die Mutter tröstet die Tochter: ,Dei Oaß (Abszess) is iadzd zeitö (reif), dass as Oidda (Eiter) aussazoigd, doama a Böchschmia (Salbe vom Baumharz) draf, afd ghoid’s (heilt es) boid.‘“

Der Dialektsammler: Josef Pauli aus Pasing füllt am Küchentisch seine Wörterlisten aus.

Das ist er, der Schatz von Josef Pauli: sein Dialekt. Sein Bairisch aus dem Bayerischen Wald. Und das schreibt er auf. Wort für Wort. In lange Listen. Pauli ist 74, er sitzt in seiner Wohnung im zweiten Stock eines großen Pasinger Wohnblocks. An der Wand hängen ein hölzernes Kruzifix, zwei Engelsfiguren und ein Zinnteller. Wie in einer Bauernstube auf dem Land sieht es hier aus, nicht wie in einer Münchner Stadtwohnung. Hier klaubt er ihn zusammen, seinen Schatz, aus der Erinnerung. Und bewahrt ihn auf.

Zur selben Zeit sitzt Anthony Rowley, Professor der Germanistik, an seinem Schreibtisch in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Auch er ist Schatzsucher. Genauer: „Ich bin Bewahrer eines Schatzes“, sagt Rowley, „des Wort-Schatzes.“ Der 59-Jährige leitet seit 1988 die Kommission für Mundartforschung in München. Er, der Engländer, weiß mehr über das Bairische als viele Bayern.

Rowley hat seinen Schatz akribisch geordnet. In seinem Büro steht ein riesiger Zettelschrank an der Wand. Darin hat er lauter kleine, dunkelgrüne Schubkästen, sogenannte Belegkästen. Hier lagert der Schatz, darunter Preziosen aus tausenden von Wörterlisten, die Menschen aus ganz Bayern ausgefüllt und an die Kommission zurückgeschickt haben. Menschen wie Josef Pauli aus Pasing. Einer von hunderten ehrenamtlichen Mitarbeitern.

Rowley sitzt gerne vor diesem Regal, auf einem blau-grauen Sofa, das in manchen Teilen Bayerns auch „Diwan“ heißt – auch wenn das Wort aus Arabien kommt. Anthony Rowley trägt Vollbart, grau meliert, und legere Freizeitkleidung. Die runde Brille lässt sein Gesicht sympathisch wirken, er lächelt viel. Auf seinem Schreibtisch sieht es ein bisschen so aus, wie auf dem Küchentisch von Josef Pauli. Überall Listen, Ordner und Zettel.

Daraus soll mal etwas Gewaltiges entstehen: ein bayerischesWörterbuch, möglichst umfassend. Mit dem Wortschatz aller bairischen Dialekte. Ganz wichtig: bairisch mit „i“, nicht mit „y“. Also für die Dialekte aus Ober- und Niederbayern sowie der Oberpfalz – und ein paar Randgebieten. Mit Beispielsätzen, Redensarten, Sprichwörtern. Aus literarischen Quellen, aus aktuellen und früheren Befragungen, aus der Fachliteratur und so weiter. Vier Millionen Belege zu 30 000 Stichwörtern haben sie inzwischen beisammen. Saxendi!

Zwischenergebnis: die zwei Bände des Bayerischen Wörterbuchs, die bisher erschienen sind. Seit 1995 kommt das Mammut-Werk heraus, 2060 soll es abgeschlossen sein.

Gesammelt wird schon länger, seit 1995 bringen Rowley und seine Mundartforscher-Kollegen das Wörterbuch heraus, erst Hefte, dann ganze Bände. 2060 soll alles fertig sein – in 47 Jahren. Veröffentlicht wurden bisher zwei Bände. Der erste geht von „A“ bis „Bazi“, der zweite, erschienen 2012, von „be“ bis „Boxhamer“. Die Folgen der Wortschatzsuche reichen bis in Rowleys Ehe: „Meine Frau spottet immer, wenn wir im Gartenmarkt sind, weil ich alle Blumen kenne, die mit A oder B angehen, alle anderen aber überhaupt nicht.“ Der Brite lacht.

Rowley und Pauli haben viel gemeinsam: Die Liebe zum Bairischen, die Leidenschaft beim Sammeln. Und beide arbeiten für das große Wörterbuch. Und doch gibt es Unterschiede: Rowley ist Wissenschaftler, der Buchstabe für Buchstabe das Bairische durchforstet, bis er den fertigen Band in der Hand hält. Bei Josef Pauli ist das anders. Der Schatz, den er hebt, ist die Erinnerung an die Zeit, in der er noch ein kleiner Bub war und in Niederbayern die Kühe gehütet hat. Anders als Rowley schöpft er aus seiner Erinnerung – an eine Kindheit in Bayern.

Pauli ist in Bierhütte zur Welt gekommen und aufgewachsen. Der kleine Ort liegt im Landkreis Freyung-Grafenau, wenige Kilometer von Tschechien entfernt. Pauli ist schon mit 20 Jahren von dort weggezogen, lebt seit mehr als 50 Jahren in Pasing. Doch seine Erinnerung an seine Kinder- und Jugendtage hat er mitgenommen. In Bildern, aber auch in Sätzen, Sprüchen, Liedtexten. Alles Rohstoff für Rowley.

Vor allem erinnert er sich an den Dialekt, der in seiner niederbayerischen Heimat gesprochen wurde. „Ich hab’ mich als Bub schon mit dem Dialekt beschäftigt“, erzählt der 74-Jährige. Damals habe er sich beim Kühehüten oft mit einem Gleichaltrigen getroffen, der auch gerne Bairisch daherredete. „Mei, da hamma Sprich obaghaud“, sagt Pauli und grinst, als wäre er wieder der Bub auf der Weide. Seit zehn Jahren füllt er die Wörterlisten aus, zehn Tage pro Monat sitzt er dafür am Küchentisch. Der Platz in den vorgedruckten Listen reicht ihm nicht. Deshalb hat er ganze Hefte angelegt, die er vollgeschrieben an Rowley schickt, seinen Schatzsucherkollegen.

In den Schubkästen werden die Nachweise zu den einzelnen Wörtern gesammelt.

Rowley ist froh, dass es Menschen wie Josef Pauli gibt. Denn die Dialektsammler werden von Jahr zu Jahr weniger. „Sie sterben langsam weg“, sagt der Professor und wirkt ein wenig traurig vor seinem Schatz. Er selbst geht in sechs Jahren in Rente. Sein Ziel bis dahin: „Ich wäre sehr froh, wenn ich die Wörter ,da‘, ,das‘ und ,dass‘ noch schreiben könnte. Und vielleicht dann, wenn ich im Ruhestand bin, würde mich ,der, die, das‘ ziemlich reizen.“ Wie immer, wenn er über Wörter spricht, formt er mit seinen Händen Gebilde in der Luft. So als wollte er die Wörter formen. Die Leidenschaft fürs Bairische lodert in dem Briten.

Seine nicht-bajuwarische Herkunft sei nie ein Problem gewesen, sagt er. Im Gegenteil: „Ich schätze, man sieht als Außenstehender vielleicht das, was für einen Dialektsprecher schon selbstverständlich ist“, sagt Rowley. Er spricht mittlerweile geradezu perfekt Deutsch – vermischt mit Bairisch. Regelmäßig würzt er seine Sätze mit einem gestandenen „Ja, freilich“ oder „I woaß ned“.

„Jedes Wort ist völlig anders“, sagt er. „Es hat seine eigene Geschichte, die man neu eruieren muss.“ Dann zieht er wahllos eine der vielen Wörterlisten aus einem dunkelgrünen Schubkasten. Es ist die Wörterliste 228. Rowley liest die Frage darauf vor: „Ist Ihnen zaf(r)richtig, zafirte oder zaflichti für verkümmert, schmächtig oder zimperlich geläufig? Bitte mit Satzbeispiel.“ Rowley erklärt: „So fragen wir alle Begriffe ab.“

Die Wörterlisten verschickt die Kommission für Mundartforschung schon seit 1958. Damit spüren sie nach Begriffen, Namen, Sätzen. Begriffe, die etwa aus der Landwirtschaft stammen und im modernen Bayern nicht mehr verwendet werden – wie das „Baumadl“, also der Stecknagel, mit dem man bei alten Pflügen die Ackertiefe veränderte. „Für uns ist wichtig zu wissen, wo ein Wort gebraucht wird und wo nicht – und wie oft es noch vorkommt und in welchem Zusammenhang es benutzt wird“, sagt Rowley. „Der Dialekt ändert sich oft schon von Dorf zu Dorf.“

Die Begriffe aus Bierhütte weiß Josef Pauli fast alle noch. Er schreibt sie nicht nur auf. Er erklärt sie und formuliert Sätze damit. Immer, wenn Josef Pauli einen Begriff aus seiner Heimat erklärt, hebt er den Zeigefinger und beginnt den Satz mit: „Da Waidler sagt ...“ Mit „Waidler“ meint er die Menschen aus dem Bayerischen Wald. Wieder dort leben möchte er nicht mehr. „Mir wird die Umgebung langsam fremd“, sagt Pauli. Er findet das aber nicht schlimm. Denn er trägt seine Heimat von früher nicht nur im Herzen, sondern auch auf der Zunge. Immer dann, wenn er etwas sagt wie ein Waidler.

Übrigens: Die bisher erschienenen Bände des bayerischen Wörterbuchs hat Josef Pauli nicht gelesen. Das ist nicht sein Schatz. Sein Schatz ist die Erinnerung. Die immer dann aufblüht, wenn er Listen ausfüllt. Und wenn er alte Sprichwörter auf Niederbayerisch „obahaud“.

Christian Chymyn

 

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