Hygiene-Alarm an zwei Münchner Kliniken

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In der Rinecker-Klinik hat das Gesundheitsamt in fünf von sechs OPs Auflagen gemacht.

München - Das Gesundheitsamt der Stadt hat alle Hände voll zu tun: In zwei Münchner Kliniken herrscht derzeit Hygiene-Alarm! Im Deutschen Herzzentrum sind Bakterien nachgewiesen worden,

Insgesamt sind bei 20 Patienten Krankenhauskeime nachgewiesen worden, die sie sich wohl auf den Stationen eingefangen haben. Das Thema Hygiene-Skandal führte gestern außerdem zu einem heftigen Schlagabtausch im Rathaus. Betroffen ist diesmal auch das Deutsche Herzzentrum - eine Klinik der Technischen Universität und damit des Freistaats: Dort gibt es seit Mitte August auf einer der beiden herzchirurgischen Intensivstationen eine Häufung des Bakteriums VRE, bestätigt der Ärztliche Direktor Albert Schömig der tz.

Bei 15 Patienten sei der Krankenhauskeim nachgewiesen worden, weitere vier hätten sich sicher infiziert, zwei von ihnen seien krank geworden und hätten Fieber bekommen. „Es geht ihnen wieder besser“, so Schömig. Alle Träger des Bakteriums mussten während der Behandlung isoliert werden, damit sich der Erreger nicht weiter verbreitet. Noch immer liegen fünf Patienten isoliert. Ihre Familien dürften sie nur mit Mundschutz und Kittel sehen. „Wir hoffen, dass wir das Problem in den nächsten Tagen in den Griff bekommen.“ So lange herrscht auf der Intensivstation Aufnahmestopp. Sehr wahrscheinlich haben sich laut Klinik die Patienten auf der Station angesteckt.

Das Deutsche Herzzentrum ist eine Klinik der Technischen Universität und gehört zu den führenden Häusern - muss derzeit aber gegen einen Klinik-Erreger kämpfen.

Genetische Untersuchungen des Erregers zeigten, dass sie den genau identischen Keim in sich tragen oder trugen. Offenbar hat ein herzkranker Patient den Darm-Keim eingeschleppt. In der Klinik muss der Erreger dann entweder direkt unter den Patienten übertragen worden sein -  oder über die Pfleger. „Das darf nicht passieren, das ist nicht akzeptabel“, gab Prof. Schömig zu und versicherte, alle Maßnahmen zu treffen, um das in Zukunft zu verhindern. Die Mitarbeiter seien noch einmal in allen Hygiene-Fragen geschult worden. Alle Abläufe auf der Intensivstation seien präzise überprüft worden. Gleichwohl kämen Infektionen mit resistenten Keimen in Krankenhäusern immer wieder vor.
Auch die Chirurgische Klinik Dr. Rinecker hat derzeit mit einem Hygiene-Problem zu kämpfen. Das Gesundheitsamt habe für fünf der sechs OPs Auflagen erlassen. Eingriffe am Herzen und geplante Gelenk-operationen dürften nur im nicht beanstandeten OP 6 vorgenommen werden, bestätigte der Gesellschafter Dr. Hans Rinecker der tz. Dort schiebt das Personal nun Überstunden. Der Betrieb laufe sonst normal weiter, eine Gefahr bestehe nicht. Auslöser sei die Bauweise der OPs gewesen: Vor fünf Jahren sei der Trakt renoviert worden, damals habe man sich bei fünf Sälen für eine offene Bauweise ohne Tür entschieden. Das sei staatlich geprüft und gefördert worden, sagt Rinecker.

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Im vergangenen Jahr erkrankte allerdings ein Patient an einer Endokarditis - einer Entzündung der Herzinnenhaut, die auch von Bakterien ausgelöst wird. Dieser Patient sei am Herzen operiert worden, war zuvor aber auch bei anderen Ärzten in Behandlung. „Ein Zusammenhang mit der Klinik ist völlig unklar“, erklärt Rinecker. Der Patient starb, er habe an einer sehr schweren Erkrankung gelitten, die einer von fünf Patienten nicht überlebt. Dieser Fall habe offenbar das Gesundheitsamt auf den Plan gerufen. Dabei seien die nicht vorhandenen Türen aufgefallen. Die Kontrolleure forderten wegen der Hygiene, dass die Klinik die Türen binnen sechs Monaten anbringen lassen muss.

„Das ist unwissenschaftlicher Unsinn“, ärgert sich der Klinik-Chef. Studien belegten, dass die offene Bauweise genau so sicher sei wie eine mit Türen. Die Klinik zieht gegen den Bescheid vors Verwaltungsgericht! Außerdem verweist Rinecker darauf, dass in seinem Haus die Zahl der Infektionen weit unter dem Schnitt liege. Das beweise eine Statistik, die schon seit 1974 im Haus geführt werde. Im vergangenen Geschäftsjahr habe es nur 0,1 Prozent an Infekten gegeben. Rinecker ist sicher: „Das erreicht keine andere Klinik.“

So streitet der Stadtrat darüber

CSU-Fraktionschef Josef Schmid.

„Unsinn!“ „Schäbig!“ „Verleumdung!“ Der Hygiene-Skandal sorgte für eine ungewöhnlich harte Debatte im Stadtrat. Die CSU hatte wissen wollen, warum das Gesundheitsamt nicht ordentlich kontrolliert. Zur Erklärung: Ein Brief des Landesarztes war bekannt geworden, der dem Münchner Gesundheitsreferenten Joachim Lorenz vorwirft, einen „Zehn-Punkte-Plan“ nicht abarbeiten zu wollen und so Patienten zu gefährden. Das empörte Lorenz: Die Stadt habe den Plan mitentwickelt! Sein Haus komme nur nicht dazu, weil zu viele akute Hygiene-Probleme die Fachleute in Beschlag nähmen - „zwei anstrengende Fälle“.
CSU-Fraktionschef Josef Schmid verwies auf den Skandal der Städtischen Kliniken vom vergangenen Jahr: „In der Umsetzung klägliches Versagen.“ Da eskalierte die Debatte. Die Städtischen Kliniken seien ja gar nicht betroffen, empörten sich Politiker von SPD, Grüne und Linke.

David Costanzo

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