50 Prozent mehr gefährliche Keime

Hygiene-Notstand in Münchens Krankenhäusern

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Die Hygienestandards in Krankenhäusern sollen jetzt kontrolliert werden.

München - Wer eine Operation gut überstanden hat, und im Krankenhaus nur noch genesen will, ist längst nicht über den Berg. Groß ist die Angst vor Infektionen nach einem gelungenen Eingriff – und das zu Recht.

Das macht der Stadtratsbericht von Gesundheitsreferent Joachim Lorenz deutlich. In den 71 Münchner Krankenhäusern ist die Gefahr nicht höher als sonstwo in der Republik, aber auch nicht kleiner, und die Bedrohung vor allem durch multiresistente Erreger (MRE) steigt überall dramatisch an.

Die Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie hat 2008 in einer Studie die Zunahme dieser schwer oder gar nicht bekämpfbaren Bakterien im Zeitraum der Jahre 2004 bis 2007 um bis zu 50 Prozent beziffert. Die Stadt will nun mit einer Hygiene-Offensive gegen diese Gefahr gegenlenken. Referent Lorenz schlägt die Einstellung zweier Ärzte vor, die die Einhaltung von Vorschriften, unter anderem durch Weiterbildung des Personals, kontrollieren sollen.

Bisher muss diese Aufgabe von sechs Experten übernommen werden, die seit Inkrafttreten des Infektionsschutzgesetzes 2001 nicht nur für Krankenhäuser, sondern auch Tageskliniken, Entbindungseinrichtungen, Zahn- und Arztpraxen u. a. zuständig sind. „Für die infektionshygienische Überwachung der Kliniken steht de facto lediglich eine Arztstelle zur Verfügung.“ Seit 2008 seien deshalb nur „anlassbezogene Überprüfungen“ vorgenommen worden, bedauert Lorenz.

2007 musste der Kontrolleur zweimal ausrücken, als sich in Krankenhäusern MRE-Fälle häuften: Dann spricht die Behörde von einem „Ausbruch“. 2009 wurden bereits sieben Ausbrüche registriert. „Die Zahl betroffener Patienten 2007 bis 2009 lag jeweils zwischen vier und 37, was einem Mittelwert 15 entspricht.“ Krankenhäuser sind verpflichtet, solche Vorkommnisse ans RGU zu melden, das Referat geht allerdings von einer Dunkelziffer bis 50 Prozent nicht gemeldeter Ausbrüche aus.

Mangelnde Hygiene und Prävention (wie etwa Händedesinfektion des Personals) ist nur ein Infektionsrisiko. Eine wesentliche Ursache sei vielfach „die leichtfertige Verschreibung und nicht indizierter Einsatz“ von Antibiotika, etwa bei viralen Erkältungskrankheiten, oder der Einsatz von Breitspektrum-Antibiotika, wenn auch ein Schmalspektrum-Antibiotikum ausreichen würde.

Auf diese Weise werden Erreger gegen Antibiotika immunisiert, sprechen kaum mehr auf gängigen Mittel an. Gerade bei „kritisch kranken, intensivpflichtigen Patienten lösen panresistente Erreger lebensbedrohliche Blutvergiftungen, Lungenentzündungen, aber auch schwere Infektionen sonstiger Organe oder Wunden aus. Laut einer deutschlandweiten Studie ist ein Anteil von 4 bis 9 Prozent der stationär behandelten Patienten von Krankenhaus-Infektionen betroffen.

Barbara Wimmer

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