Hygiene-Skandal: Schönheitsklinik feuert Chefarzt

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Eine Hygiene-Skandal erschüttert die Residenzklinik am Odeonsplatz. Der Chefarzt wurde gefeuert.

München - Ein Hygiene-Skandal erschüttert die private Residenzklinik am Odeonsplatz. Wegen der schweren Mängel wurden Operationen unter Vollnarkose verboten und die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Pünktlich zur Wiesn versprach die Schönheitsklinik kräftig „Holz vor der Hüttn“: Dank Brust-Operation in der privaten Residenzklinik am Odeonsplatz sollten die Dekolletés dirndlgerecht aufgestockt werden – für unschlagbar günstige 3800 Euro. Doch jetzt wird die Schönheitsklinik von einem schmutzigen Skandal erschüttert! Die Stadt hat den OP für Vollnarkosen gesperrt, eine Desinfektion angeordnet – und die Klinik bei der Staatsanwaltschaft angezeigt!

Bereits im Februar hatte die Stadt die Klinik überprüft und wegen der Mängel Auflagen verhängt. Nachdem sich jedoch wieder Patientinnen beschwert hatten, marschierte das Gesundheitsamt vergangenen Donnerstag erneut ein. Die Zustände waren noch schlimmer als zuvor, bestätigt das Gesundheitsreferat der Stadt. Die Spezialisten für Infektionshygiene fanden Mängel in der Aufbereitung von Sterilgut – also beim OP-Besteck. In Kanülen sollen noch alte Fettablagerungen zu sehen gewesen sein! Problematisch seien auch interne medizinische Abläufe und die Patientendokumentation gewesen. Die Residenzklinik bestätigt diese Ergebnisse und reagiert: Der Chefarzt muss den Kittel abgeben! Der Mediziner sei nämlich auch Beauftragter für Hygiene und damit Verantwortlicher in diesen Fällen. Sonst gibt das Haus Durchhalteparolen aus: „Bis zur Umsetzung der Vorgaben läuft der Klinikbetrieb eingeschränkt weiter“, sagt eine Kliniksprecherin.

Sehr eingeschränkt, allerdings: Das Gesundheitsamt hat nämlich Operationen mit Vollnarkose verboten und eine Grundreinigung mit Desinfektion des gesamten Trakts angeordnet. Sterilgut darf nicht mehr aufbereitet werden, weil die Maschine seit Tagen nicht mehr funktioniert. Selbst die Wäsche darf in der Residenzklinik nicht mehr aufbereitet werden! Die Stadt hat auch die Münchner Staatsanwaltschaft eingeschaltet und einen zwei Zentimeter dicken Stoß an Unterlagen abgeliefert, bestätigt Staatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch. In der Anzeige ist sogar von möglicher Körperverletzung die Rede. Die Ermittler prüfen die Vorwürfe noch.

Derweil schließen sich die Patientinnen zusammen. Der erfahrene Anwalt für Medizinrecht, Dr. Jürgen Klass, vertritt Daniela H. (39/Name geändert) und will eine Interessengemeinschaft der Residenzklinik-Opfer gründen, sagte er der tz. Im Fall seiner Mandantin habe er „schwerwiegende Behandlungsmängel, verknüpft mit erheblichen Aufklärungsdefiziten“ festgestellt. Auch er werde am Montag Strafanzeige wegen gefährlicher Körperverletzung stellen.

David Costanzo

Das schildern die Patienten

Nach dem Bekanntwerden des Hygiene-Skandals an der Schönheitsklinik am Münchner Odeonsplatz haben sich vier ehemalige Patientinnen bei der tz gemeldet. Sie klagen über massive Komplikationen nach Operationen und erheben schwere Vorwürfe gegen die Verantwortlichen. Erkenntnisse, ob zwischen den Folgen der OPs und den Hygiene-Mängeln ein Zusammenhang besteht, gibt es bislang nicht. „Bei Operationen kann es immer zu Komplikationen kommen“, sagte eine Kliniksprecherin zu den Vorwürfen. Die Klinik habe die nötigen Konsequenzen gezogen.

Ein Loch in der Brust

Claudia K. (23/alle Namen geändert): „Ich leide seit der Pubertät an einer Fehlbildung der Brüste, die im Rahmen einer Brustvergrößerung im November 2009 korrigiert werden sollte. Doch die Operation ging völlig daneben: Das Implantat im rechten Busen lag zu hoch, das im linken Busen viel zu tief. Der Arzt sagte zu, den Fehler kostenlos zu beheben. Nach der Operation des rechten Busens im März 2010 verheilte die Wunde nicht mehr. Es bildete sich sogar ein Loch in der Brust, aus dem Flüssigkeit lief. Ein paar Tage später wurde ich nachts wach: Das Wundwasser sprudelte nur so heraus und ich konnte etwas Schwarzes erkennen. Der Arzt sagte mir später: Das war das Implantat! Nach einer weiteren Operation platzte die eitrige Wunde wieder auf. Ich musste sofort wieder in den OP. Der Arzt holte mir das Implantat bei vollem Bewusstsein aus der Brust, ich war nur örtlich betäubt! Er sagte noch: ,Das kann leider ganz selten passieren.’ Mittlerweile weiß ich, dass ich kein Einzelfall bin. Seitdem laufe ich nur noch mit dem schlecht sitzenden Implantat links herum. Bis Februar 2011 muss sich das Gewebe regenerieren, erst dann kann man die Brust wieder operieren. Ich weiß aber nicht, wie ich das bezahlen soll.“

Offene Narben

Die Münchnerin Tatjana H. (41/Name geändert) erhebt schwere Vorwürfe gegen die Residenzklinik.

Tatjana H. (41): „Ich habe seit August 2009 große Probleme. Da habe ich meine Brüste verkleinern lassen – von Körbchengröße F auf B. Allerdings vergaß das der Arzt und verkleinerte sie auf D. Das war aber nicht das Problem. Nachdem ich am Tag der OP noch heim durfte, fuhr ich Tage später mit einer Freundin zum Urlaub in den Bayerischen Wald. Zum Glück ist die Arzthelferin, sie hat mich super versorgt. Denn die Wunde hatte sich entzündet und die Fäden lösten sich nicht wie versprochen auf. Die Narben standen ganz weit offen. Ich hatte irre Schmerzen. Später sagte mir der Arzt: ,Da habe ich mich wohl verschätzt.’ Er wollte die Narbe korrigieren und die Brust wie vereinbart weiter auf B verkleinern. Ich vertraute ihm. Aber nach der OP im März bekam ich Fieber und Schmerzen, ich konnte nichtmal mehr laufen! Und dabei habe ich doch zwei Kinder und einen Hund. Ich muss doch raus! Der Arzt sagte nur: ,Kann schon mal vorkommen.’ Das gehe von alleine weg. Bei einem weiteren Urlaub musste ich sogar ins Krankenhaus! Wochenlang hatte ich Schmerzen, Fieber und musste Antibiotika nehmen. Ich war richtig depressiv. Jetzt will ich mir einen Anwalt nehmen. Denn früher hatte ich mit Operationen nie Probleme.

Wasser im Busen

Tamara M. (25): „Ich habe für die Operation 3500 Euro gezahlt und konnte wegen der Folgen drei Monate nicht arbeiten. Der Arzt sagte nur: ,Das liegt leider an Ihrem Körper, sie gehören zu dem einen Prozent mit schlechter Wundheilung.’ Meine Operation zur Brustvergrößerung war am 11. März, mir war der Arzt sogar empfohlen worden. Er nahm sich Zeit, gab mir das Gefühl, die einzige Patientin zu sein. Erst dachte ich, das wären normale Operationsschmerzen, aber nach zwei Wochen hatte ich eine richtige Schwellung. Da war Wasser in meiner Brust! Nach vier Wochen sollten die Fäden raus, da entdeckte der Arzt ein Loch in der linken Brust. Im rechten Busen hatte sich nur eine dünne Haut in der Wunde gebildet, die platzte nach drei Tagen, das Wasser spritzte heraus. Wenig später bin ich nachts schreiend aufgewacht. Ich hatte so ein Brennen in der Brust! Ich wollte die Implantate nur noch raushaben, ich konnte nicht mehr. Am 11. Mai hatte ich die letzte Operation: Beide Implantate sind weg, das Gewebe musste ausgekratzt werden, im Liegen habe ich immer noch Schmerzen. Früher war ich kerngesund und meine Wunden waren immer gut verheilt.“

Ich war ein Monster

Daniela H. (39): Ich bin froh, dass ich meinen Job als Friseurin noch habe. Die Zeit zwischen dem Dezember 2009 und März 2010 waren nämlich ein Albtraum! Ich habe mir die Brust vergrößern lassen. Ich bekam Schmerzen, Fieber und Schüttelfrost, außerdem waren die Implantate ganz verrutscht. Ich hatte eine Beule an der Seite und sah aus wie ein Monster! Die Implantate fühlten sich an, als säßen sie mir unterm Kinn und unter den Armen. Doch Arzt sagte nur: ,Das sind nur Vernarbungen.’ Ich wurde immer kränker und ging dann zu einem anderen Arzt. Der sagte: ,Du meine Güte, die Brust muss sofort geöffnet werden!’ Die Blutwerte wurden immer schlimmer. Die Implantate mussten entfernt werden! Nach der Operation stand der Arzt neben mir. Ich fragte: Ist alles gut gegangen? Aber er schüttelte nur den Kopf und hielt das tropfende Silikon-Implantat in der Hand! Warum das Teil kaputt ging und ob es auch in mich rein tropfte, weiß bislang keiner. Jedenfalls habe ich Fieber bekommen und konnte eine Zeit nicht laufen. 5000 Euro habe ich dafür gezahlt. Es war der Horror!“

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