Rentnerin verliert 15 000 Euro an Enkeltrick-Betrüger/Opfer spricht in der tz

„Ich dachte, mir passiert das nicht!“

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Martha S. verlor an einen Betrüger 15 000 Euro.

München - Es ist ihr Geheimnis. Eines, von dem niemand wissen darf. Ihr Neffe Axel nicht, ihre Kundenberaterin bei der Bank nicht.

Auch ihre Nachbarn dürfen nichts erfahren. Nur der Polizei erzählte Martha S. (86) von jenem Betrüger, der sie um 15 000 Euro gebracht hat. „Dass ich darauf reingefallen bin, das kann ich einfach nicht verstehen“, sagt die Rentnerin. Sie schüttelt den Kopf, ihre Augen füllen sich mit Tränen.

So oft hatte Martha S. von der Masche der Betrüger gelesen; davon, dass ein Unbekannter anruft und raten lässt, wer am Telefon ist. Am Ende hatten die Verbrecher, was sie wollten: Die Ersparnisse ihrer Opfer. „Mir passiert das nicht“, dachte Martha S. jedesmal und legte die Zeitung beiseite. Jetzt ist es ihr passiert.

An einem Mittwoch, es war Anfang März, klingelt um kurz nach zehn Uhr das Telefon. „Guten Morgen, Tante Martha“, sagt eine Männerstimme. „Rate mal, wer da ist?“ Sekunden vergehen, dann kommt der 86-Jährigen die Stimme bekannt vor. „Axel, mein Neffe, bist du’s?“, fragt sie. „Ja, genau, der Axel. Wie geht’s dir denn?“ sagt der Mann. „Ich bin gerade in der Stadt, würde gern auf einen Kaffee bei dir vorbeikommen. Muss ein Problem mit dir besprechen.“

Martha S. fragt gleich nach dem Problem – wenn Verwandte in Not sind, will die Rentnerin es gleich wissen. Das Problem heißt Geld. Neffe Axel braucht es dringend, er will sich eine Wohnung in Moosach kaufen. „Mir fehlen 15 000 Euro. Wenn ich die nicht in zwei Stunden habe, platzt das Geschäft, und ich verliere mein Geld.“ Der Mann am Telefon bettelt, fleht: „Bitte hilf mir. Bitte.“

Nach wenigen Minuten legt Martha S. den Hörer auf. Sie zieht ihren Mantel an, nimmt ihren Gehstock und fährt mit der U-Bahn zu ihrer Bank in der Innenstadt. „Ich brauche 15 000 Euro von meinem Zweitkonto“, sagt sie dem Mitarbeiter am Schalter. Martha S. bekommt das Geld: anstandslos, ohne Nachfrage. Sie steckt die Scheine in ein Kuvert, klebt es zu und fährt wieder.

Kaum ist Martha S. wieder in ihrer Wohnung, klingelt das Telefon. Es ist der Mann, der sich als Neffe Axel ausgibt: „Hast du das Geld?“ Martha S . hat es. „Das war meine eiserne Reserve“, wird sie später zur Polizei sagen. „Neffe Axel“ kann das Geldkurvert nicht selbst abholen. „Eine Frau Koch, Mitarbeiterin des Notars, kommt gleich vorbei“, sagt er seiner „Tante“.

Martha S. schreibt eine Quittung, die soll Frau Koch unterschreiben. Sicher ist sicher. Die Rentnerin zieht wieder ihren Mantel an, nimmt ihren Gehstock und fährt mit dem Aufzug ins Erdgeschoss. Als sie zur Haustür rausgeht, winkt ihr eine gutaussehende junge Frau von der anderen Straßenseite zu. „Hallo Frau S., ich bin Frau Koch“, ruft sie. Die Rentnerin reicht ihr das Kuvert, die Frau quittiert das Geld. Sie verabschiedet sich und geht davon.

Schon Minuten später beschleicht Martha S. ein ungutes Gefühl. Sie wählt die Nummer ihres Neffen Axel in Paderborn. Seine Frau nimmt ab. Die Rentnerin fragt, wie es ihrem Neffen Axel geht. „Danke, gut. Er ist gerade im Garten“, sagt seine Frau. „Richte ihm bitte Grüße von mir aus.“ Martha S. erzählt nicht, was passiert ist. Sie kann nicht. Sie legt den Hörer auf. Sie weiß jetzt sicher, sie ist betrogen worden.

Sie ruft die Polizei an, erzählt, was geschehen ist. Martha S. schüttelt den Kopf. „Dass mir das passiert ist, wie konnte ich nur so blöd sein“, sagt sie. Die Beamten vom Trickdiebstahls-Dezernat im Polizeipräsidium beruhigen sie. „Sie dürfen sich keine Vorwürfe machen. Die Betrüger sind psychologisch und rhetorisch so gut geschult. Wenn sie erst mal einen Namen geraten haben, dann haben die Opfer keine Chance.“ Allein in diesem Jahr haben mindestens sechs betagte Rentnerinnen mehr als 110 000 Euro durch die Telefon-Masche verloren. Im Jahr 2007 zählte die Münchner Polizei 22 Opfer, die um gut 240 000 Euro betrogen wurden.

Für Martha S. hat sich seit jenem Mittwoch viel verändert. „Ich bin ängstlich und unsicher. Dieser Betrug hat mich zutiefst getroffen“, sagt die Rentnerin mit den schlohweißen Haaren. Dass sie nicht das einzige Opfer der Betrüger ist, tröstet sie kaum. „Ich war mir sicher, dass ich niemals drauf hereinfallen würde.“

Martha S. warnt deshalb die tz-Leser: „Legen Sie sofort den Hörer auf, wenn Sie einen Namen raten sollen. Ansonsten haben sie keine Chance.“ Dann steht sie auf und geht auf den Balkon. Sie braucht frische Luft.

Jacob Mell

Quelle: tz

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