"Ich habe geschrien wie eine Wahnsinnige"

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„Der Tod deines Kindes verändert alles“: Maria Cossu mit ihren Söhnen Michael und Raffael

Kitzbühel - Wie Hardy Krüger jr. verlor auch Maria Cossu (42) ihr Kind durch den plötzlichen Säuglingstod. Im Gespräch mit der tz erinnert sie sich.

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Sein Schmerz ist unendlich

„Der kleine Raffael ist immer in meinem Herzen, in meinen Gedanken. Immer.“ Es ist jetzt 14 Jahre her, und doch denkt Maria Cossu (42) noch heute täglich an ihren Sohn. Er wurde nur viereinhalb Monate alt . Nach einem verschmusten Tag legte sie ihn ins Bettchen, am Morgen fand sie ihn tot. Diagnose: Plötzlicher Kindstod. Maria Cossu wohnt damals mit ihrem Freund Helmut und Sohn Michael (8) in München. Sie ist in der 35. Woche schwanger, als die Fruchtblase platzt. Im Schwabinger Krankenhaus kommt Raffael als Frühchen auf die Welt. „Aber ihm ging’s super.“

Wenn da nicht diese Träume wären… „Schon in der Schwangerschaft habe ich von meinem Kind geträumt, immer mit dem Gefühl: Es wird nicht lang bei mir sein.“ Raffaels Arzt aber rät: „Machen Sie sich keine Sorgen.“

Warum auch? Raffael ist völlig gesund. Bis zu jenem Oktober-Abend.

Maria weiß noch, wie sie Raffael ins Bett gelegt hat. In der Nacht um zwei schreckt sie hoch, will nach ihm schauen. „Es war komisch. Vor der Tür dachte ich mir: Wird schon nichts sein, und bin wieder umgedreht.“ Später erfährt sie: Das war der Zeitpunkt, an dem ihr Kind starb.„Heute weiß ich: Da war er noch einmal kurz bei mir.“

In der Früh um 7 Uhr geht sie ins Kinderzimmer. „Sofort hab ich gespürt: Hier ist was passiert.“ Sie fühlt Raffaels kalte Haut. Er sieht aus, als ob er schliefe.

„Ab da sind einige Momente meiner Erinnerung gelöscht. Ich muss geschrien haben wie eine Wahnsinnige, aber ich weiß nichts mehr davon. Später hat mir Michael erzählt: Mama, deine Schreie hab ich immer noch im Ohr.“

Maria versucht, ihr Baby wiederzubeleben, die Minuten, bis der Rettungsdienst kommt, sind wie Stunden. Polizisten sind plötzlich da, der Notarzt, der den Tod verkündet. Dann wird ihr Baby abgeholt. Zur Obduktion.

Die Zeit danach – es sind Jahre der Verarbeitung. „Am Anfang hatte ich Schuldgefühle.“ Sie denkt an Selbstmord, kämpft weiter. „Heute weiß ich: Jeder hat seine Zeit, bei Raffael war sie nur kurz.“ Maria bringt der Schicksalsschlag dazu, anderen betroffenen Eltern zu helfen – über den Verein Verwaiste Eltern (Internet: www.verwaiste-eltern-muen­chen.de). Heute betreut sie ein Pflegekind. Ein eigenes hat sie nicht mehr bekommen. Ihre Beziehung zu Helmut ist an dem Tod zerbrochen. „Er ist Alkoholiker geworden.“ Vor zwei Jahren starb Raffaels Papa. „Im Grunde ist er mit Raf­fael gestorben. Er hat das Aufstehen nicht mehr geschafft.“

Als sie von Helmuts Tod erfährt, ist Maria Cossu neidisch: „Ich dachte mir, Mensch, er darf jetzt bei Raffael sein… Aber ich weiß, irgendwann werden wir uns auch wieder treffen.“

Andrea Stinglwagner

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