Ring-Inferno: Münchner Handwerker berichtet

Ich zog fünf Menschen aus dem Taxi-Wrack

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David F. (40) schaut fassungslos auf die Bilder des Infernos. Er hat die Schwerverletzten aus dem Wrack ­gezogen, ehe Bus und Taxi in Flammen aufgingen

München - David F. (40) hat auf dem Mittleren Ring fünf Menschen aus dem Taxi-Wrack gezogen. Ohne sein Eingreifen wären noch mehr ­Tote zu beklagen gewesen. Der Münchner berichtet von dem Inferno.

Plötzlich waren da diese Rücklichter, wie aus dem Nichts. Als David F. (40) am frühen Sonntagmorgen auf der Landshuter Allee das Taxi im Nebel sieht, denkt er an einen Auffahrunfall. Doch als er aussteigt, sieht er bereits Qualm aus dem Heck des Busses und fünf Menschen, die im Auto gefangen sind. Ohnmächtig, teils eingeklemmt und schwerst verletzt. Gedankenschnell holt der 40-Jährige die Menschen aus ihrer Todesfalle. „Kurz darauf ein Knall, die Wracks standen lichterloh in Flammen“, erzählt der Münchner Handwerker der tz.

Keine Frage: Ohne sein beherztes Eingreifen wären neben Saynab S. (23) und ihrer Freundin (17) noch mehr ­Tote zu beklagen gewesen. Dass jetzt auch noch die zweite junge Frau verstorben ist, ist für David F. kaum zu ertragen. „Meine Beileid gilt ihren Familien, sie tun mir so leid!“ Immer wieder hat er die schlimmen Bilder vor Augen. „Überall war Blut, das ist so schwer zu fassen.“

Taxi rammt Reisebus auf Mittlerem Ring

Taxi rammt Reisebus auf Mittlerem Ring

Es ist 2.08 Uhr, als David F. mit seinem Auto heim nach Untergiesing fährt. „An der Unfallstelle war sehr schlechte Sicht, der Busfahrer war gerade dabei, das Warndreieck aufzustellen“, schildert der selbstständige Fliesenleger. Sein Betrieb heißt „Münchner Notnagl“, doch in dieser Nacht wird er zum größten Nothelfer der Stadt. Auch wenn der Alarm bereits abgesetzt ist, beharrt David F.: „Wir können nicht warten, das fliegt alles in die Luft. Wir müssen die rausholen!“ Der Beifahrer (19) vorne und der zweite, angeschnallte junge Mann (18) stehen unter Schock, können aber schnell befreit werden. „Dann habe ich hinten die verkeilte Tür aufgerissen“, schildert David F. Er zieht Saynab raus, übergibt sie an einen der beiden jungen Männer, die sie aus der Gefahrenzone schleppen. „Doch sie hat sich nicht mehr bewegt, nicht mehr geatmet.“ Äußerlich noch mehr verletzt ist die 17-Jährige. Weil sie ebenfalls nicht angeschnallt ist, wird sie zwischen die Stühle geschleudert. Sie erleidet schwerste Verletzungen im Gesicht und am Kopf. Am Montag um 9 Uhr morgens hört ihr Herz auf zu schlagen.

Während das Feuer immer stärker wird, will David F. den Taxifahrer aus dem Wrack holen. Der 58-Jährige ist zwischen Stuhl und Lenkrad eingeklemmt. Mit großer Kraft gelingt es, den Mann zu befreien. „Das war wirklich knapp, aber Gott sei Dank haben wir das geschafft.“ Mittlerweile hat der Retter viele Helfer, unter anderem eine Ärztin. „Andere sind aber einfach weitergefahren, haben nicht darauf reagiert, dass wir Feuerlöscher brauchen“, sagt David F. fassungslos. Jetzt treffen auch die ersten Feuerwehrkräfte ein. Mittlerweile stehen Bus und Taxi meterhoch in Flammen. David F. steht geschockt und entkräftet im sicheren Abstand.

„Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass diese jungen Menschen überleben. Ich hätte sie gerne besucht, wenn sie wieder gesund sind“, hadert er. Dass er selbst sein Leben aufs Spiel gesetzt hat, darüber macht er kein großes Aufheben. „Helfen ist für mich keine Pflicht, sondern ein Reflex“, meint er. Er schüttelt den Kopf, als der nochmals die schrecklichen Bilder betrachtet. Es sind die Blicke eines traurigen Helden.

Stefan Dorner

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