Besuch in Münchner Flüchtlingsheim

"Ihr wisst, dass wir Krieg haben"

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Arsalan Rahimi ist 15 Jahre alt und mit seiner Mutter aus seiner Heimat bei Kundus geflohen

München - Arsalan (15) hat fast alles verloren: Seinen Vater, seine Schwestern, seine Heimat. Er ist einer der Asylbewerber, die in Münchner Flüchtlingsheimen sitzen. Die Zustände dort sind schwierig - verdreckte Toiletten inklusive.

Arsalan würdigt den Topf neben ihm keines Blickes. Zwei Meter stehen die gerade gekochten Nudeln im kargen Raum entfernt - sie sind dem jungen Afghanen in diesem Moment egal. Die Geschichte, die er erzählen möchte, ist ihm zu wichtig. Arsalan Rahimi ist 15 Jahre alt und mit seiner Mutter aus seiner Heimat bei Kundus geflohen. Einen Monat waren sie unterwegs, bis sie vor zwei Wochen in der Baierbrunner Straße im Südwesten Münchens ankamen. Hinter ihnen liegen schreckliche Erfahrungen - vor ihnen eine ungewisse Zukunft als Asylbewerber in Deutschland.

„Was Sie gestern Abend in den Nachrichten sehen, spielt sich mit zeitlicher Verzögerung hier ab“, beschreibt Heimleiter Roland Endlicher das, was ihm hier täglich begegnet in der Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber, wie es in korrektem Amtsdeutsch heißt. Zwei dieser Häuser gibt es in Bayern: eins in München, eins in Zirndorf. Die mittelfränkische Einrichtung ging im Herbst durch die Medien, weil sie aus allen Nähten platzte und sogar Zelte aufgestellt werden mussten.

So schlimm ist es an diesem Tag in der Baierbrunner Straße nicht: Es gibt 500 Plätze - 800 Asylbewerber leben jeweils bis zu drei Monate hier. „Gut gefüllt“, nennt es der Heimleiter. Vom Zelte aufstellen sei man aber noch weit entfernt.

Trotzdem: der Zustrom von Asylsuchenden in Deutschland ist 2012 im fünften Jahr in Folge gestiegen. Nach Angaben des bayerischen Sozialministeriums von Januar bis Juni bundesweit um 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Es wird immer enger in den Einrichtungen der Republik. 2007 waren es noch weniger als 20 000 Menschen, die Schutz suchten - dieses Jahr dürften es etwa 50 000 sein. Im Fokus stehen Asylbewerber aus den Balkanländern. Es seien vor allem Serben und Mazedonier, die kommen, obwohl sie keine echte Chance auf die Bewilligung des Antrags haben, kritisiert der Innenminister.

Von den vielen Neuankömmlingen ist im Inneren der Einrichtung in München-Sendling am Vormittag noch nicht viel zu sehen. Am Ende eines von Leuchtstoffröhren erhellten, leeren Ganges ist die Tür zu Raum Nummer „117“ fest geschlossen. Dahinter sitzen Arsalan und seine Mutter Rahila Rahimi seit 13 Tagen. Ein Asylbewerberheim ist zwar kein Gefängnis, die Türen sind jederzeit offen. Trotzdem setzen Mutter und Sohn selten einen Fuß über die Schwelle.

„Wir gehen nirgendwo hin“, sagt Arsalan in gebrochenem Englisch. Nur zum Gesundheitsamt müsse er öfter mit seiner Mutter, um ihre Herzprobleme behandeln zu lassen. Die Frau mit dem braunen Kopftuch wirkt mitgenommen, fast abwesend: Ihr Gesicht ist ausgemergelt, die Haut über ihren dürren Händen spannt sich über die Knochen.

Arsalan dagegen hat den Glanz in den Augen noch nicht verloren. Sein dichtes schwarzes Haar schimmert im Sonnenlicht, das durch das mit Tüchern dürftig verhängte Fenster fällt. Der 15-Jährige lächelt freundlich, strahlt aber auch eine tiefe Verunsicherung aus.

„Ihr wisst, dass wir Krieg haben“, beginnt er zögerlich. Im Norden Afghanistans, einige Kilometer außerhalb der Stadt Kundus hatten Arsalans Eltern eine Landwirtschaft. Dort, wo seit Jahren deutsche Soldaten stationiert sind, liegt einer der fruchtbarsten Teile des Landes. Kühe hätten sie gehalten und Gemüse angebaut, erzählt der 15-Jährige. Dann starb sein Vater - warum, erzählt Arsalan nicht. Nur soviel: „Es gab Sicherheitsprobleme.“

Mutter Rahimi entschloss sich dazu, das gemeinsame Haus zu verkaufen - um genug Geld für die längste Reise ihres Lebens zu haben. Mit ihrem Sohn und den zwei Töchtern machte sie sich über Masar-i-Sharif auf den Weg nach Norden. Durch Usbekistan und Kasachstan ging es zu Fuß, mit dem Schiff und per Auto nach Russland. Dort gerieten sie an Schleuser. Wochenlang waren sie unterwegs, fuhren tagsüber in Transportern und schliefen nachts in Stützpunkten der unbekannten Männer, die sie grob behandelten, anschrien und dahin zerrten, wo sie sie gerade haben wollten.

Die Schwestern Arsalans wurden von den Männern eines Tages in ein anderes Auto gesetzt - und waren von da an verschwunden, erzählt er. Als seine Mutter merkt, an welchem Teil der Geschichte ihr Sohn angelangt ist, fängt sie noch einmal an, laut zu schluchzen. Der Junge redet weiter: er hoffe, dass seine Schwestern irgendwo anders in Deutschland untergekommen seien. Seine Mutter scheint dagegen verstanden zu haben, wie unbegründet diese Hoffnung ist. Sie trocknet die Augen an ihrem Kopftuch.

Der Flur vor der Tür von Zimmer 117 erwacht während des Gesprächs zum Leben. Die ersten Asylbewerber machen sich auf den Weg in die Küche. Die 23-Jährige Rashidat aus Nigeria wendet brutzelndes Hühnchen auf einer der aufgereihten tragbaren Herdplatten. Über jedem der Geräte ist ein grüner Schalter an der Wand angebracht. Ein Knopfdruck bringt einige Minuten Strom für die Kochstelle. Um Brände zu verhindern, schalten sich die Herde nach einiger Zeit automatisch ab.

Die Lebenslaufzeit der Platten selbst ist nicht viel höher als die der Strom-Intervalle lang: Jeden Tag werden hier neue Herde aufgestellt. Am Abend sind die Platten vor lauter eingebranntem Essen reif für den Müll.

Gegenüber, auf der Toilette, hat das tägliche Leben von hunderter Menschen ebenso seine Spuren hinterlassen. Der Heizkörper ist mit gelb-braunen Urin-Flecken übersät. Ein beißender Geruch liegt in der Luft. Endlicher versteht nicht, warum die Asylbewerber nicht einfach Toilette oder Pissoir benutzen können - ob aus Wut oder Nachlässigkeit. Reinigungspersonal zumindest sei fast nicht mehr zu finden.

Die Monate, manchmal Jahre, der Ungewissheit und Angst vor Abschiebung werden immer öfter zu einer Geduldsprobe, die in Verzweiflung endet. Im Sommer nähten sich Iraner in Würzburg aus Protest die Münder zu. Eine andere Gruppe aus Franken marschierte Mitte Oktober zu Fuß nach Berlin, um mit einem Hungerstreik vor dem Brandenburger Tor für ihre Rechte zu demonstrieren.

Einen langen Marsch braucht es nicht, um nach Brunnthal zu kommen. Eine kurze S-Bahn-Fahrt in den Münchner Speckgürtel genügt. Links und rechts rauscht das von der Abendsonne angestrahlte, schneebedeckte Blätterwerk vorbei. Am Horizont erheben sich die ebenfalls puderzuckerweißen Alpen vor weiten Tannenwäldern.

„Bei uns ist die Welt noch in Ordnung!“, hatte der örtliche Vorsitzende der Jungen Union in der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt. Der Nachwuchspolitiker erregte im Herbst mit einem Flyer an seine 1700 dörflichen Mitbürger Aufsehen. Der 26-Jährige warnte darin vor einer Erhöhung der Kriminalität und Minderung der Grundstückswerte - schließlich sollten 50 Flüchtlinge in der Dorfgaststätte einquartiert werden. Die Brunnthaler versetzte er damit in Alarmbereitschaft.

Stefan Kern sitzt an seinem Schreibtisch in der Brunnthaler Ortsmitte - an der Wand gegenüber hängt ein Kruzifix. Natürlich würde man Flüchtlinge aufnehmen, betont der Bürgermeister des Dorfes: „Wir erfüllen unsere Aufgabe.“ Aber nur im Rahmen der Möglichkeiten. Für 40 bis 50 Flüchtlinge, die auch aus dem Münchner Heim kommen könnten, fehlten Ressourcen. Ab 2013 werden wohl nun erst einmal bis zu 15 Asylbewerber nach Brunnthal ziehen.

CSU-Mann Kern wurde von 62,5 Prozent der Einheimischen gewählt und weiß, wie diese ticken. Die Stimmung im Dorf sei getrübt, erzählt er. Einerseits wegen des ungerechtfertigten Stigmas der Ausländerfeindlichkeit - andererseits auch wegen der Angst, zu viel Fremdes könnte die traditionsbewusste Gesellschaft des Dorfes mit Trachtenverein, Sportclub und freiwilliger Feuerwehr verändern.

Diese Furcht fange schon in der Region an: „Die Otterloher oder die Brunntahler sind für Faistenhaarer schon manchmal Fremde“, erklärt Kern die Beziehung zwischen den Bewohnern der Nachbarsiedlungen. Fremdenfeindlich sei hier aber keiner.

Noch mehr als in den letzten Jahren ist die Situation 2012 ein Kampf von Allen an allen Fronten. Die Politik scheint schwerfällig - gemeinsame Mindeststandards für Asylbewerber hat die EU Anfang Dezember erst einmal auf die lange Bank geschoben. Die Flüchtlinge selbst treibt Wut und Furcht auf die Straße - Teile der Bevölkerung wiederum lassen sich von Ängsten vor zurückgehendem Wohlstand oder sinkendem Bildungsniveau aufschrecken.

Bei einem Besuch in einem Asylbewerberheim sagte Bundespräsident Joachim Gauck Mitte Dezember: „Wer meint, dass ihm durch die Asylbewerber etwas weggenommen wird, der irrt.“ Das Staatsoberhaupt wandte sich damit vor allem an die angestammte Bevölkerung - ein medienwirksamer Auftritt mit politischem Statement gegen die aufgeheizte Debatte.

Der junge Arsalan kennt die schwelende Diskussion nicht. Er hat einen schweren Weg vor sich. Sein Traum ist es, Ingenieur zu werden und sich in Deutschland ein Leben aufzubauen. Erst einmal werde er aber einfach hier sitzen bleiben - so wie alle anderen auch. „Ich will Deutsch lernen“, kündigt der 15-Jährige an. „Es ist schwierig, in einem Land zu leben und die Sprache nicht zu können.“

Für den Deutschkurs im Haus braucht Arsalan nur einen Flur hinauf und eine Treppe hinab zu laufen. Auf einer Tafel im Café stehen die Überreste der letzten Stunde: „Ich komme aus dem Senegal, aus Mazedonien, aus Nigeria, aus Sierra Leone, aus Afghanistan“, ist darauf geschrieben.

Daneben prangen Vokabeln, die zur ersten Lektion in der Baierbrunner Straße gehören. „Ich warte, du wartest, er wartet“, steht dort durchkonjugiert. Arsalan und seine Mutter haben die Bedeutung dieser Worte längst verstanden.

dpa

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