Immer mehr Jugendliche saufen, bis der Arzt kommt

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Am Kiosk an der Reichenbachbrücke steht das Partyvolk nachts regelmäßig Schlange.

München - Eine Flasche Wodka , ein halber Kasten Bier – immer mehr Münchner Kinder und Jugendliche saufen sich ins Koma.

Rein statistisch gesehen wird in der bayerischen Landeshauptstadt jeden Tag ein Bursche oder ein Mädel mit einer Alkoholvergiftung in ein Krankenhaus eingeliefert. Im Jahr 2009 mussten Ärzte und Sanitäter insgesamt 395 Mal eingreifen, weil junge Menschen unter 18 im Vollrausch keine Kontrolle mehr über ihren Körper hatten. Damit hat sich die Zahl der Fälle seit dem Jahr 2000 (166) mehr als verdoppelt, wie jetzt die Techniker Krankenkasse berichtet.

Den dramatischen Anstieg bestätigt auch Prof. Dr. Reinhard Ross, Chef der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Klinikum Harlaching: „Wir haben bestimmt drei, vier Mal in der Woche solche Fälle. Und zwar nicht nur am Freitag oder Samstag. Das ­verteilt sich auf alle Wochentage.“ Oft, so Roos, seien die Mädchen und Buben überhaupt nicht mehr ansprechbar, manchmal reagierten sie wegen des Alkohols aber auch sehr aggressiv. „Wir helfen ihnen dann, dass sie in Ruhe ihren Alkohol abbauen können.“

Zur Stabilisierung des Kreislaufs gibt’s dazu meistens noch eine Infusion mit Traubenzucker. Und wenn die Jugendlichen dann ihren Rausch ausgeschlafen haben? „Sind sie meist ziemlich zerknirscht“, so Prof. Roos. Das heißt aber nicht, dass sie nicht wieder zur Flasche greifen: „Wir haben auch einige Wiederholungstäter“, so Roos.

Vielen Münchner Ärzten macht die Entwicklung große Sorgen. Gemeinsam haben sie deshalb schon vor drei Jahren die ­Initiative Münchner Ärzte gegen Jugendalkoholismus gegründet. Ziel war es dabei zunächst einmal, den Umfang des Problems zu erfassen und mehr über die Ursachen zu erfahren. „Fest steht“, so Prof. Roos, „dass alle sozialen Schichten betroffen sind. Exzessiv getrunken wird meist nicht in Gaststätten, sondern auf privaten Festen.“

Nach der Akutbehandlung schalten die Münchner Kliniken die Beratungsstelle Condrobs und die Eltern ein. Prof. Roos setzt zur Bekämpfung des Problems auf Aufklärung: „Die Jugendlichen müssen wissen, was der Alkohol mit ihnen anrichtet“ – und er hofft auf die Erwachsenen: „Wir dürfen nicht wegsehen. Wir müssen eingreifen und deutlich Grenzen setzen.“

Alk-Verbot an Tankstelle und Kiosk?

Jetzt im Sommer rücken die feierwütigen Teenies mit schweren Geschützen an der Isar und im Englischen Garten an: mit Bollerwägen, vollen Bierkästen und Tüten voller Hochprozentigem. Viele sind lange nicht volljährig – an den Alkohol kommen sie trotzdem.

Der neueste Trend: Privatpersonen verkaufen (illegal) auf ihren Rädern aus Kühlboxen Bierflaschen. Ein viel größeres Problem sind die Tankstellen, die noch immer nachts Alkohol verkaufen dürfen – notfalls sucht der Jugendliche den Weg hier über hilfsbereite Volljährige. Die oft gescholtene einzig verbliebene Tankstelle im Zentrum in der Josephspitalstraße betont, sie sei noch strenger bei den Kontrollen geworden. Aber die Kids wissen sich zu helfen: Sie strömen an die Kioske.

Am Kiosk an der Reichenbachbrücke, der 24 Stunden geöffnet hat, stehen die durstigen Münchner nachts oft Dutzende Meter in der Schlange. Der Städtetag mahnt den Freistaat, endlich zu handeln. „Der Verkauf von Alkoholika soll außerhalb der Ladenöffnungszeiten, vor allem an Tankstellen und Kiosken, verboten sein“, fordert der Vorsitzende des Bayerischen Städtetags, Regensburgs Oberbürgermeister Hans Schaidinger. Über das Gesetz, das auch die Sperrzeitenregelung betreffen soll, werde derzeit noch beraten, so das Innenministerium.

Dringenden Handlungsbedarf sieht der Bayerische Städtetag vor allem auch deshalb, weil die Beschwerden von Bürgern wegen nächtlicher Ruhestörungen zunehmen – siehe Gärtnerplatz. Ganz wird das Problem nie von oben gelöst werden können. Denn, wie ein Münchner Kioskbesitzer sagt: „Wenn wir’s nicht verkaufen, dann holen sie es sich vorher im Supermarkt.“

nba

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