Die Welt zu Gast bei Helga

Immer mehr Rentner in München vermieten ihre Zimmer

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Gemütlicher als im Hotel – daheim bei Helga gibt es erstmal Kaffee für die Gäste aus aller Welt.

Die Seniorin Helga Link (70) ist im Internet ein Star. Eine „wunderbare Gastgeberin“ findet Martina, „ein humorvoller und weltoffener Geist“. „Perfekt“, schreibt Merve aus Istanbul. Helga ist eine Fünf-Sterne-Gastgeberin bei der Wohn-Plattform Airbnb, ein Super-Host. Und das mit 70.

Helga ist ein Phänomen: Die Rentnerin ist nicht nur Super-Host, sie ist auch Senior-Host. Das klingt nach Wall Street und Geld, meint aber Gastgeberin über 60 Jahre.

Keine Gruppe in Europa wächst auf Airbnb schneller, zwischen Juli 2015 und Oktober 2016 hat sich ihre Zahl verdoppelt. Airbnb ist unkompliziert, fast auf der ganzen Welt verfügbar – die Generation Smartphone schwört auf die günstigen Preise. Und jetzt macht die Jugend wieder Urlaub bei Oma!

Als die U-Bahn-Tür aufzischt, steht sie schon da: Internet-Legende Helga, rötliches Haar, lila Cateye-Brille, im Internet wirkt sie größer. Vereinbartes Erkennungszeichen: rote Ledertasche. Auf ihrem Profilfoto im Netz lacht sie mit aufgerissenem Mund, als hätte ihr jemand gerade einen schweinischen Witz erzählt. Jetzt, auf dem Bahnsteig in Neuperlach-Süd, lächelt sie leise und legt den Kopf schief. „Ich hole meine Gäste stets hier ab, so wird man schon auf dem Heimweg warm, kann sich beschnuppern.“

Zuhause bei Helga, einer hellen, 58 Quadratmeter großen Wohnung im Erdgeschoss, Bücherregale, Terrasse mit Garten, wird es tatsächlich schnell warm. Es ist 17.30 Uhr und die Gastgeberin stellt eine Flasche Scotch und Gläser auf den Tisch. Das Kaffeegeschirr schiebt sie beiseite. Gebäck? „Hab ich von Freunden aus Spanien, schmeckt gewöhnungsbedürftig.“

Airbnb-Gründer packt aus: Diese Nation ist am Großzügigsten

Seit September 2015 vermietet Helga ein 24-Quadratmeter-Zimmer auf Airbnb, die etwa 50 Gäste seitdem zahlten 42 Euro pro Nacht, Frühstück inklusive, Küche, Bad, Wohnzimmer. Und Gespräche mit Helga. Sie spricht: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Superhost wird, wer mindestens zehn Buchungen hat im Jahr, wer zuverlässig ist, wer in 80 Prozent der Fälle mit fünf Sternen bewertet wird und so gut wie nie storniert. Senior Host, das besorgt die Zeit dann von ganz allein.

30 Jahre lang hat Helga für Gerd Käfer Feinkost aus Italien und Frankreich bestellt, hat mitten in der Nacht Fisch entschuppt oder Dinner organisiert, sich durch Großmarkthallen brüllen lassen. „Ich hab es gern gemacht.“ Helga hat in Paris, Brüssel und Barcelona gewohnt, daher ihr Sprachenschatz. Vor fünf Jahren ging Helga in Rente.

Seit einem Jahr ist sie bei Airbnb. Kurzer Auszug aus Helgas Buch der guten Taten: Zwei verknitterten Amerikanerinnen bügelte sie Falten aus den Dirndln, zwei Koreanern wusch sie den ranzigen Inhalt ihrer Rucksäcke, mit einem einsamen Franzosen machte sie zur Therapie Plätzchen, einem verzweifelten, heimlich homosexuellen Malaysier sprach sie eine Nacht lang Mut zu. Zwei besoffene Australier, die zur Wiesn um vier Uhr einen Flieger erwischen mussten, lud sie in ihren alten VW Polo und fuhr sie schnell zum Flughafen.

Bei Airbnb angemeldet hat sie ein Freund. „Damit du mal wieder Französisch sprechen kannst“, habe der gesagt. Reisen ist teuer. Finanziell bringe ihr das nicht viel, sie muss Strom und Wasser zahlen, „die jungen Leute duschen oft so lang!“. Putzen, für’s Frühstück einkaufen. Das Finanzamt weiß Bescheid.

Helga dreht ihr Whiskey-Glas in den Händen. „Die Menschen von überallher kommen zu mir, wir unterhalten uns und ich reise mit ihnen in ferne Länder.“ Sie schiebt ihren knochigen Zeigefinger in die Luft und sagt: „Und wer sich mit jungen Leuten abgibt, bleibt selber jung!“ Wenn Helga schon nicht mehr in die Welt kommt, kommt die Welt eben zu ihr. 

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