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Impf-Ansturm in München: Gesundheitsreferentin Zurek sieht „Herausforderung“ - Probleme bei Termin-Vergabe

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Von: Claudia Schuri, Martina Williams

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Impfwillige warten am Impfzentrum in Rathaus in München.
Die Schlange am Impfzentrum im Rathaus in München ist lang. © ACHIM FRANK SCHMIDT

Der Ruf nach einer allgemeinen Impfpflicht wird lauter. Auch in München stößt die Idee auf Zustimmung – sowohl bei der Gesundheitsreferentin, als auch bei Ärzten.

Impflicht in München? Das sagen die Hausärzte

Hunderte Münchner impft Allgemeinmediziner Dr. Wolfgang Ritter derzeit jeden Tag in seiner Praxis in Obersendling*. „Wir tun, was wir können, impfen sogar samstags – und trotzdem reicht es nicht“, klagt das Vorstandsmitglied vom Bayerischen Hausärzteverband. Denn Impftermin gibt es in seiner Praxis bis Mitte Februar keinen mehr! Wie in vielen anderen Praxen auch. Dr. Ritter ist in Sorge: „Der Frust bei den Bürgern wird noch größer werden…“

Um die Münchner zu schützen, impfen Dr. Ritter und sein Team ihre Patienten mittlerweile auch zwei Stunden nach Schließung der Gemeinschaftspraxis Dr. Grassl von 18.15 bis 20.15 Uhr. „Samstags sind wir zusätzlich von 9 bis 16 Uhr im Einsatz“, sagt der Hausarzt. „Oft mit Moderna, weil Biontech knapp ist.“

Hausarzt in München: „Moderna ist genauso gut“

Die Impf-Pflicht* sei nötig in Bezug auf eine fünfte Welle, so Dr. Ritter. Was ihn ärgert, sei das Versagen des Bundesgesundheitsministeriums: „Die Politik hat versprochen, dass es genügend Impfstoff gibt – die Wahrheit sieht anders aus.“ So hätten Hausärzte bundesweit letzte Woche 8,7 Millionen Dosen Biontech bestellt. „Gekommen sind 4,9 Millionen – und nächste Woche wird weiter rationiert.“ Jeder Arzt dürfe 48 Dosen pro Woche bestellen. Aber: „Oft bekommt man nur zwölf.“

Zudem seien jetzt viele Menschen auf Biontech fixiert und hätten Angst, mit Moderna den schlechteren Impfstoff zu erhalten, berichtet Dr. Ritter: „Das ist aus wissenschaftlicher Sicht natürlich nicht so. Moderna ist genauso gut, beim Boostern* oft sogar besser.“ Aber auch hier habe das Bundesgesundheitsministerium zu wenig für die Aufklärung getan.

Dass nach Plänen von Bund und Ländern bald auch Apotheker impfen sollen, helfe bei der Misere nicht weiter. „Erstens wird es dort auch nicht mehr Impfstoff geben. Zweitens fehlt oft die Struktur: Man braucht einen eigenen Raum und muss helfen können, wenn ein Patient nach einer Impfung vielleicht umkippt.“

Und was rät der Mediziner jetzt allen, die noch verzweifelt versuchen, einen Impftermin zu bekommen? „Gehen Sie auf Ihren Hausarzt zu. Keine lange Diskussion um den Impfstoff – so helfen Sie uns und sich selbst!“

Impf-Plan: Apotheker sollen demnächst impfen dürfen

Nach den Plänen von Bund und Ländern sollen bald auch Apotheker impfen dürfen. Doch so schnell wird es in den Münchner Läden die Spritze wohl nicht geben, vermutet Apotheker Peter Sandmann: „Was die Politik verkündet, ist sehr vage und ein Schnellschuss“, sagt er.

Denn: „Im Moment gibt es quasi keine Münchner Apotheke, die dafür ausgebildet ist.“ Um impfen zu dürfen, brauchen Apotheker eine Schulung. Diese hätten aber nur diejenigen, die an einem Modellprojekt zur Grippeschutz-Impfung teilnehmen. „Das Projekt läuft in Bayern nur in der Oberpfalz, aber nicht in München“, berichtet Sandmann. Er wäre in seinen drei Apotheken bereit mitzumachen. „Mittelfristig ist es eine gute Idee, weil es ein niedrigschwelliges Angebot ist“, erklärt er. „Auch in anderen Ländern hat sich gezeigt, dass es funktioniert.“ In Deutschland sei aber noch vieles unklar.

Lange Wartezeiten bei Impfzentren

Wer im Internet bei impfzentren.bayern einen Termin buchen will, braucht viel Glück – vor allem in und um München. „Leider sind derzeit keine weiteren Termine verfügbar“ war gestern fast durchgängig zu lesen – und als es kurzzeitig weitere Termine gab, waren diese innerhalb weniger Minuten wieder ausgebucht. Eine Terminvereinbarung ist in den Außenstellen des Impfzentrums Pflicht. In der Hauptstelle in Riem kann man Glück haben und schnell drankommen – aber es gibt auch das Risiko langer Wartezeiten. Bei großem Andrang können Impfwillige auch abgewiesen werden. Zu mobilen Aktionen kann jeder kommen – allerdings gibt’s oft lange Warteschlangen. Die Stadt baut die Kapazitäten mit Hochdruck aus.

„Die Umsetzung einer allgemeinen Impfpflicht wird sicher eine logistische Herausforderung werden“, sagt Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek. Konkrete Aussagen seien jedoch erst möglich, wenn die Details des Gesetzesentwurfs und die Vorgaben des Freistaats zur Umsetzung bekannt sind.

Zurek sieht eine Impfpflicht positiv: „Da die bisherigen Maßnahmen, also Impfangebote, Beratung und Aufklärung, bei einem knappen Drittel der Bevölkerung nichts erreicht haben, befürworte ich die Einführung einer allgemeinen Impfpflicht“, sagt sie. „Sie kann mittelfristig die derzeit bestehende extreme Belastungen des Gesundheitswesens, insbesondere der Intensivstationen, reduzieren.“ Auch negative Corona*-Auswirkungen auf die Volkswirtschaft und auf Kinder und Jugendliche könnten verhindert werden.

Corona-Impfstoff für Kinder

Der Impfstoff für die fünf- bis elfjährigen Kinder wird europaweit am 13. Dezember ausgeliefert – eine Woche früher als bisher geplant. Auch Biontech bestätigte, dass die Charge Kinderimpfstoff vorgezogen werden könne. Geplant ist, dass zunächst 2,4 Millionen niedriger dosierte Impfdosen für die Kleinen ausgeliefert werden.

Kinder ab fünf Jahren sollen von dem Biontech/Pfizer-Impfstoff ein Drittel der Erwachsenen-Dosis erhalten und zwei Dosen im Abstand von drei Wochen. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hatte dem Impfstoff vergangene Woche die Genehmigung erteilt. Im Impfzentrum Riem soll er den Kleinsten wohl ab 20.12. zur Verfügung stehen. (cla/mw) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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