Inge Hügenell wird 90 Jahre alt

Ein Urgestein der Münchner Politik

+
„Mir fehlt nur ein Kühlschrank fürs Bier“: Die ehemalige Stadträtin Inge Hügenell in ihrem Apartment neben ihrer Vitrine mit kleinen Moriskentänzer-Figuren. 

Über mehrere Jahrzehnte hat Inge Hügenell die sozialdemokratische Politik in München mit geprägt. Heute wird die ehemalige Stadträtin und Bezirksausschuss-Politikerin 90 Jahre alt.

München - Nur Kuchen oder auch Häppchen? Wie viele Kannen Kaffee für die Gäste? Und was ist mit der Sitzordnung? In Inge Hügenells kleinem Apartment in einem Harlachinger Altenheim sind die Partyvorbereitungen bereits seit Anfang der Woche in vollem Gange. Dabei wollte Hügenell ihren 90. Geburtstag eigentlich gar nicht feiern, „aber da hab ich bei Freunden und Familie nur auf Granit gebissen“, erzählt sie lächelnd. Also hat sie sich überreden lassen.

Dreißig Gäste erwartet sie. Es wird Sekt und Kuchen geben, etwas Musik und vermutlich auch das eine oder andere Gespräch über Politik. „Das wird sich wohl nicht vermeiden lassen“, sagt Hügenell und lächelt erneut.

Dass die Jubilarin auch an ihrem 90. Ehrentag nicht von ihrem Lieblingsthema wird lassen können, sollte nicht überraschen, denn Inge Hügenell und das politische Geschehen in der Landeshauptstadt waren lange Zeit untrennbar miteinander verbunden. 1962 wurde sie in den Bezirksausschuss Obergiesing-Fasangarten gewählt, ein Amt, das sie erst aufgab, als höhere Aufgaben riefen: Von 1972 an saß Hügenell für die SPD als Stadträtin im Rathaus.

Geboren wurde Hügenell 1927 in Ramersdorf, schon ihr Vater war überzeugter Sozialdemokrat und blieb es auch während der NS-Zeit. „Ich musste das oft büßen, durfte zum Beispiel keine höhere Schule besuchen, weil meine Eltern nicht bei den Nazis aktiv waren“, erinnert sie sich. Doch das schreckte Hügenell nicht. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag und dem Ende des 2. Weltkrieges trat auch sie in die SPD ein und begann sich bei der IG Metall zu engagieren.

Ihr Thema war schon immer das Soziale: Lange war Hügenell Verwaltungsbeirätin des Stadtjugendamts. Daneben setzte sie sich für die Rechte von Frauen und Obdachlosen ein und dafür, dass die Stadt behindertengerechter wird. „Das war nicht immer einfach, aber wenn man hartnäckig war, konnte man sich schon durchsetzen“, erinnert sie sich.

Nach 24 Jahren machte Hügenell 1996 im Stadtrat Platz für die jüngere Generation. Ganz von der Politik lassen konnte sie dann aber doch nicht. 2002 ließ sie sich erneut in den BA Obergiesing-Fasangarten wählen und blieb dort, bis sie sich 2016 aus gesundheitlichen Gründen endgültig von der Politik verabschiedete.

Wenn Hügenell spricht, tut sie das sehr überlegt. Eine Angewohnheit, die ihr vermutlich noch aus den Jahren in der Politik und somit der Öffentlichkeit erhalten geblieben ist. Fragt man die Seniorin jedoch, ob sie sich auch heute noch einmal für eine politische Karriere entscheiden würde, antwortet sie ohne zu zögern: „Natürlich! Wenn man etwas verändern will, muss man mitmachen und darf sich nicht nur auf andere verlassen.“

Auch die Wahl der Partei, die sie ein Leben lang begleitet hat, bereut Inge Hügenell nicht: „Mit der SPD konnte und kann man viele Dinge, die mir wichtig sind, verwirklichen. Ich war immer aus Überzeugung Mitglied, und daran wird sich auch nichts mehr ändern“, erklärt sie. Den momentanen Aufschwung ihrer Partei dank des Schulz-Effektes betrachtet sie trotzdem „amüsiert“, wie sie selbst sagt. „Wenn das anhält, wäre es mir natürlich recht, aber ob es das wirklich tut, kann derzeit noch niemand sagen.“

Die heutige Vorsitzende des Seniorenbeirats, Ingeborg Staudenmeyer, erinnert sich gerne an ihre Vorgängerin und langjährige Weggefährtin: „Sie hat viele Dinge angestoßen und war immer eine Bereicherung. Sie hat dem Seniorenbeirat mit ihrem Wissen als Stadträtin sehr helfen können und hat uns in vielen Bereichen den richtigen Weg gezeigt.“

Wenn man wie Inge Hügenell sein Leben über 50 Jahre lang einer Aufgabe gewidmet hat, fällt es dann nicht schwer, auf einmal aufzuhören? „Nein“, sagt die Seniorin, „nach all den Jahren runterzufahren fiel mir eigentlich nicht schwer, und inzwischen haben sich auch die Parteikollegen daran gewöhnt.“ Auch mit ihrem neuen Leben im Altenheim hadert die 90-Jährige nicht: „Es fehlt mir eigentlich nichts.“

So kann Inge Hügenell spontan auch keine Wünsche nennen, die zum 90. Geburtstag noch offen wären. Mit etwas Nachdenken fällt ihr dann aber doch noch ein Wunsch ein, und an dem merkt man, dass Hügenell nicht nur Sozialdemokratin, sondern auch Münchner Kindl aus Leidenschaft ist: „Ein kleiner Kühlschrank wäre schön. Denn manchmal gibt es hier Weißwürste – allerdings nur mit Tee. So könnte ich dann auch mal ein Bier dazu trinken.“

Annika Schall

Auch interessant

Meistgelesen

Über diese Bahn-Einblendung lacht ganz München - die Auflösung ist überraschend
Über diese Bahn-Einblendung lacht ganz München - die Auflösung ist überraschend
48-Stunden-Drama: Münchner erleben Urlaubs-Albtraum auf Gran Canaria
48-Stunden-Drama: Münchner erleben Urlaubs-Albtraum auf Gran Canaria

Kommentare