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Internetbetrug mit Traumwohnung

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Luxus mit Schönheitsfehler: Die vermeinliche Traumwohnung gibt es nicht. © fkn

München - Mit fingierten Vermietungs-Anzeigen im Internet versucht eine Betrügerbande Wohnungssuchende in München auszunehmen. Wer auf den Trick hereinfällt, ist um 1200 Euro ärmer. Die Polizei ist machtlos.

Er nennt sich Kevin Carsten, Victor Jacobs, Paul Kenneth, Patrick Stokes oder Paul Stan, um nur einen Teil seiner vielen Identitäten zu erwähnen. Und er bietet an, was nirgendwo in Deutschland so sehnsüchtig gesucht wird wie in München: Eine Luxuswohnung mit traumhaft billiger Miete. Doch der Traum wird schnell zum Albtraum: Hinter den vielen Namen steht eine international agierende Betrügerbande, die aus der Arglosigkeit von Internetnutzern Kapital schlägt.

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Mr. alias: Der Mann auf dem Bild, dem der Ausweis vermutlich gestohlen wurde, ahnt nicht, dass er jetzt Peter Stan heißt... © fkn

Die Betrüger nutzen Internet-Marktplätze wie immobilienscout24 und immowelt. Man findet ihre Angebote von Hamburg bis Heidelberg – überall, wo Mieten hoch und Wohnungen knapp sind. In München bietet die Bande seit Monaten immer dasselbe Objekt an: eine 82 Quadratmeter große Zweizimmerwohnung an der Vilshofener Straße in Bogenhausen, die mal als „Luxuswohnung“, mal als „Penthouse“ angepriesen wird.

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... bzw. Patrick Stokes oder... © fkn

Das Objekt ist mit Bedacht gewählt: Die Lage ist gut, und im Haus steht Wohnraum leer. Wer sich die Adresse ansieht, muss also nicht unbedingt Verdacht schöpfen. „Die kennen sich hier aus“, glaubt eine Bewohnerin und versichert: „In diesem Haus gibt es zur Zeit keine Wohnung, die zu vermieten wäre.“ Rund 50 Menschen, so schätzt sie, seien hier seit Februar „vorbeigeschlichen und haben geschaut“: Interessenten, die schon am Haken der Betrüger zappelten. Sie habe alle angesprochen und auf den Betrug aufmerksam gemacht, denn: „Man kann doch die Leute nicht ins Unglück laufen lassen!“

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... Bret Slater. © fkn

Freilich: Ein wenig blauäugig müsse man schon sein, um auf den dreisten Betrug hereinzufallen, meint die Bewohnerin und deutet auf den Ausdruck einer Internet-Anzeige – dorthin, wo in fetten Lettern der Mietpreis steht: 600 Euro inklusive Heizung und aller Nebenkosten. Vergleichbare seriöse Angebote kosten schon kalt zwei- bis dreimal soviel. Doch wer verzweifelt nach einer Wohnung sucht, neigt dazu, die Warnglocken im Hinterkopf zu überhören. „Ich hab’ gedacht, das ist zu schön, um wahr zu sein. Meine absolute Traumwohnung“, berichtet eine junge Münchnerin, die erst im letzten Moment misstrauisch wurde und absprang.

Die Betrüger spielen geschickt mit den Gefühlen ihrer Opfer. Die Anzeigen stehen meist nur übers Wochenende im Netz. Danach läuft der Kontakt über E-Mail, und die Interessenten schweben zwischen Bangen und Hoffen, ob ein anderer ihnen die Traumwohnung wegschnappt. Denn die Ausstattung – Designermöbel, Luxusbad, Parkett, großer Keller, Garage – lässt keine Wünsche offen. Schöne Fotos dienen als Köder.

Der Mail-Kontakt in englischer Sprache läuft stets nach dem gleichen Muster mit vorgefertigten Textbausteinen ab. Zweimal werden die Interessenten hingehalten, dann folgt der Vorschlag, eine Monatsmiete plus Kaution – insgesamt 1200 Euro – mit einem Treuhandservice zu überweisen. Im Gegenzug erhalte man Schlüssel und Mietvertrag. Als Service werden abwechselnd bekannte Unternehmen wie Western Union, aber auch dubiose Firmen genannt, deren Internetseiten teils wenige Wochen später aus dem Netz verschwinden. Der Vorteil für die Betrüger: Anders als bei einer Überweisung ist auf diesem Weg der Geldfluss kaum nachzuverfolgen.

Um die Opfer in Sicherheit zu wiegen, schicken die vermeintlichen Vermieter oft eine Kopie ihres Passes. Doch die Person, die darauf zu sehen ist, gibt es ebensowenig wie die Wohnung. Es handelt sich vermutlich um gestohlene Ausweise, in denen der Name gefälscht ist – und zwar, um Arbeit zu sparen, gleich mehrfach: Patrick Stokes, der gegenwärtig als Vermieter der Wohnung an der Vilshofener Straße auftritt, hat sich anderen Interessenten auch als Peter Stan und Bret Slater ausgewiesen (siehe Fotos).

Das Internet, in dessen Schutz die Täter arbeiten, bietet auch die Möglichkeit, sie schnell zu entlarven. Man muss nur die Namen in eine Suchmaschine eingeben, um in diversen Foren über Betrugs-Warnungen zu stolpern. Doch nicht alle Interessenten schöpfen Verdacht. 40 Anzeigen sind seit Jahresbeginn bei der Münchner Polizei eingegangen, zwei Fälle, in denen die Opfer wirklich Geld überwiesen haben, sind aktenkundig. Und die Polizei geht von einer hohen Dunkelziffer aus: So manches Opfer schäme sich ob der eigenen Gutgläubigkeit und erstatte keine Anzeige.

Trost finden die Geleimten dort, wo sie zum Opfer wurden: Im Internet. So schreibt eine „Vicky“ in einem Forum: „Es ist wirklich schön zu hören/lesen, dass nicht nur ich die einzige war, die auf diesen Betrüger reingefallen ist.“

Von Peter T. Schmidt

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