Geo Messmer im Gespräch

Interview mit Flüchtlingshelfer: „Ich gehe so weit, wie mein Herz mich lässt“

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„Wir müssen unsere Komfortzone verlassen“, sagt Geo Messmer.

Der Münchner Geo Messmer zog Geflüchtete aus dem Meer. Er half in Notlagern zwischen Syrien und Deutschland. Er wurde zu einem der wichtigsten Gesichter der Flüchtlingshilfe – und sieht die Lage realistisch. Ein Gespräch.

Draußen fällt Schneeregen auf die Herzogstraße, hier drinnen ist es mollig warm. Das arabische Lokal „Mocca“ ist Georg „Geo“ Messmers Refugium. Gedimmtes Licht, rote Samtsessel, duftende Shishas. Der 42-Jährige sitzt in einer Nische und arbeitet am Laptop. Ein bisschen Frieden für diesen Künstler, der zu einem der wichtigsten Gesichter der Münchner Flüchtlingshilfe geworden ist – auch im vergangenen Winter.

Danke, Geo, dass Sie sich die Zeit nehmen. Sie sind ja ständig auf dem Sprung nach Griechenland. Was machen Sie dort?

Messmer: Ja, übermorgen geht’s wieder los. Ich fliege runter, um die Miete zu zahlen für die Wohnungen, die ich angemietet habe. Dort bringe ich Leute unter, die ich aus den Flüchtlingscamps ziehe. Zurzeit sind es immer noch mehr als 20 Wohnungen. Mietverträge gibt es nicht, also muss ich hin und mich drum kümmern. Ich nehme auch Geld für Essen und viel Zeug mit, das Leute gespendet haben.

Sie arbeiten Vollzeit als Grafiker in München. In Ihrer Freizeit helfen Sie ehrenamtlich in Griechenland. Wie halten Sie das durch?

Messmer:Ich merke schon, wie es an den Kräften zehrt. Ich hatte zwei Jahre lang keinen Urlaub mehr, heuer muss das mal wieder sein. Aber es bereichert ungemein, bei den Menschen zu sein. Du kriegst so viel zurück. Ich habe in dieser Zeit 20 Kilo zugenommen.

Weil Sie nicht mehr zum Sport kommen?

Messmer: Nein, weil ich überall zum Essen eingeladen werde. Viele Geflüchtete sind so wunderbar gastfreundlich. Syrisches und irakisches Essen ist so lecker, und all der süße Tee...

(Geo hat schwarzen Tee mit frischer Minze bestellt. „Was sonst“, sagt er, fischt die Minze heraus und schüttet zwei Beutel Zucker hinein. Dann zieht er an der Shisha, es blubbert. Geo genießt.)

Wie hat das angefangen mit der Flüchtlingshilfe in Griechenland?

Messmer: Ich bin 2016 nach Idomeni geflogen, als das wilde Flüchtlingslager entstand, um zu helfen und dort einen Kurzfilm zu drehen. Vor der Kamera fingen die Menschen zu weinen an, als sie von ihrer Flucht erzählten. Lauter enttäuschte Hoffnungen. Die Zustände im Lager waren anfangs eine Katastrophe, keine Klos, keine medizinische Versorgung, wenig zu essen. Da fing ich an, ihnen zu helfen und am Ende auch, sie rauszubringen. Mit der Zeit wandelte sich das Camp zu einem der besseren Lager auf der Route, denn an vielen Orten meiner Reise ging es Menschen noch viel schlechter.

Die Wohnungsmieten zahlen Sie nicht selbst.

Messmer: Nein, das sind Spenden, die ich übers Internet sammle. Es läuft alles über Facebook. Ich poste Berichte von meiner Arbeit, vernetze mich mit Spendern, mit Helfern, mit einzelnen Flüchtlingen. Ich habe plötzlich tausende neue Facebook-Freunde, es ist ein riesiges Netzwerk entstanden. Ohne diese Synergien würde es nicht gehen.

(„Es ist nicht die Frage, wer hier versagt hat oder warum es diese Zustände gibt. Es gilt nur die Frage, wie man das ändern kann“, schreibt Geo auf Facebook unter das Video aus einem Lager. Schnee zwischen Igluzelten, Temperaturen unter null. Mehrere Dutzend Flüchtlinge sind auch in diesem Winter in Europa erfroren. Ohne Geo wären es wohl noch mehr.)

Sie posten oft Fotos von Kindern. Da stehen Sie als ausgewachsener, tätowierter Mann mitten im Lager. Um Sie herum Dreck, zerfetzte Zelte, Feuer aus Müll. Und lauter Mädchen und Buben hüpfen strahlend um Sie herum.

Messmer: Die Kinder laufen einfach auf mich zu. Ich weiß nicht warum, was an mir ist. Ich bin nur ein normaler Typ.

Sieht eher aus, als seien Sie ihr bester Freund.

Messmer: Ja, vielleicht. Mir war schnell klar: Du musst die Kinder retten, um sie müssen wir uns kümmern! Diese Generation hat noch eine Chance. Die wachsen unter dem „Islamischen Staat“ auf. In Syrien spielen sie auf Bürgersteigen, auf denen Leichen liegen.

Wie fing das an mit Ihnen und den Flüchtlingen?

Messmer: Im Sommer 2015 bin ich zum Münchner Hauptbahnhof, als die vielen Flüchtlinge ankamen. Ich wollte dort fotografieren und für ein Projekt all diese fremden und erschöpften Gesichter festhalten. Aber dann rief mir jemand zu, ich solle lieber beim Sortieren helfen. Das hab’ ich gemacht, ich habe Wasserflaschen ausgegeben und all das. Und ich habe mit unzähligen Flüchtlingen gesprochen. Sie waren in Serbien zu Tode gehetzt und in Budapest eingekesselt worden. Die Hilfe wurde zu meiner Herzensangelegenheit.

Waren Sie vorher schon politisch aktiv?

Messmer: Nein, nie. Ich komme aus Grafrath (Kreis Fürstenfeldbruck, d. Red.) und arbeite seit 17 Jahren bei der gleichen Firma. Ich gestalte Werbekampagnen für große Unternehmen. Die Firma unterstützt mich sehr, gibt mir Tage frei und hilft beim Spendensammeln.

(„Shelter“, Schutz, heißt Geos Projekt: Geflüchtete Familien werden in Griechenland menschenwürdig untergebracht. Bald will Geo einen Verein gründen. Auch wenn Bürokratie nicht so sein Ding sei, sagt er grinsend. Vielleicht mögen die Kinder Geo auch darum so, weil er sich das Beste vom Kindsein bewahrt hat: ein großes Herz, einen wachen Blick, unverstellt reden, handeln, Spaß haben.)

Sie zocken gern XBox, haben unter Computerspielern Community-Projekte verwirklicht. Offenbar verstehen Sie es, Leute zusammenzubringen, zu begeistern, Ideen umzusetzen...

Messmer: Dabei war mein Leben nicht immer so. Ich rede nicht gern darüber, nur so viel: Bevor ich 24 war, gab es viele Raufereien. Alkohol und Drogen. Meinen Urlaub habe ich für die Wiesn ausgegeben, nicht für humanitäre Hilfe.

Was passierte mit 24?

Messmer: Eine Frau hat mein Leben verändert. Seitdem ist auch das Thema Drogen und Alkohol Geschichte.

Oh ja, die Liebe... Und ihr Gegenteil: Kriegen Sie nicht auch viel Hass ab?

Messmer: Klar, vor allem auf Facebook gab es anfangs Anfeindungen. Das lösche ich alles. Dabei habe ich nichts mit den sogenannten Bahnhofsklatschern zu tun. Flüchtlingen zu applaudieren hielt ich schon damals für Unsinn. Ich habe auch Verständnis für die Angst der Leute hier, dass so viele Fremde kommen. Aber ich verstehe das Merkel-Bashing (die herbe Kritik an der Kanzlerin für ihre Flüchtlingspolitik, d. Red.) nicht. Sie hat richtig gehandelt, die Menschen hereinzulassen, als es diese Zustände in Mazedonien, Serbien oder auch Ungarn gab. Es geht uns gut hier! Ganz anders als den Geflüchteten. Ich halte auch Flucht aus wirtschaftlichen Gründen für legitim.

Politisch wollen Sie nicht sein. Sind Sie religiös? Was treibt Sie an?

Messmer: Mit Religion kann ich überhaupt nichts anfangen. Ich will auch nicht, dass Menschen vor mir beten. Das Einzige, was mich antreibt, ist die Humanität. Ich will nur, dass die Menschen nicht sterben müssen. An die Politik habe ich einen großen Vorwurf: Man hätte von Anfang an eine Passage über den Balkan öffnen müssen, auf der man die Leute sauber registriert und von vornherein über ein mögliches Asylverfahren entscheidet. Damit hätte man viele Tote im Mittelmeer vermieden, aber auch den unkontrollierten Zugang in europäische Länder. Und am Ende gäbe es auch keine Menschenschmuggler, die aus der Not Kapital schlagen.

(Dann erklärt Geo die Konfliktlage im Nahen Osten. Durch seine Gespräche mit den Menschen kennt er sich aus. Die vielen Gruppierungen in Syrien seien alle gleich grausam, sagt er. Doch am schlimmsten sei der IS, der Menschen töte, nur weil sie Zigaretten rauchten. Geo gerät nicht in Rage, er wirkt abgeklärt. Er hat viel Grausames gesehen, will es nicht zu nah an sich heranlassen.)

Was kam nach dem Hauptbahnhof?

Messmer: Auf der griechischen Insel Kos habe ich Menschen aus dem Wasser gezogen, ich bin Rettungsschwimmer. Sie hatten Westen an, die kein Kilo getragen haben. Ich bin Hilfskonvois über den Balkan gefahren und habe in Lagern geschlafen. Im Grunde war ich an jedem Hotspot zwischen Syrien und Deutschland. Ich habe einen Krankenwagen gekauft und mit Hilfsgütern bestückt, den wollte ich bis nach Syrien fahren, blieb aber in der Türkei stecken. Ich war in Aleppo, aber dort habe ich es nur vier Stunden ausgehalten, dann musste ich raus. Zu viel Angst.

Wo ziehen Sie Grenzen?

Messmer: Vieles war gefährlich. Ich bin immer so weit gegangen, wie mein Herz mich ließ.

Was haben Sie mitten unter geflüchteten Menschen gelernt?

Messmer: Mit der Zeit habe ich gelernt, die Leute zu unterscheiden – anhand von Erzählungen und Fotos, die sie im Smartphone gespeichert haben. Syrer zum Beispiel hatten früher oft eigene Häuser. Iraker sind häufig geschickt im Brotbacken oder in der Gartenarbeit. Kurdinnen tragen kein Kopftuch. Wenn jemand aggressiv auftrat, waren es meist Algerier oder Tunesier.

Welche Art von Aggression haben Sie erlebt?

Messmer: In den Camps haben oft Nordafrikaner Banden gebildet und Menschen bedroht. Da waren üble Leute darunter, die will ich hier nicht wiedersehen oder als Nachbarn haben. Auf Kos habe ich gesehen, wie ein Nordafrikaner vier Tage lang den griechischen Bäcker beklaut hat, der täglich auf eigene Kosten Brot ausgegeben hat. Da hab’ ich ihm eine Watschn gegeben. Unter den Flüchtlingen gibt es Arschlöcher wie bei uns. Nicht alle sind nett oder passen zu unseren Werten. Das darf man nicht verschweigen. Eine ordentliche Registrierung hätte viel geholfen.

Was sagen Sie Geflüchteten, die unbedingt nach Deutschland wollen?

Messmer: Altmodischen Leuten, die sehr religiös sind oder nur in Familienstrukturen denken, rate ich davon ab. Die kommen hier nicht gut zurecht und landen am Ende meist in kleinen, eigenen Gesellschaften, die die Integration nicht ermöglichen.

Nach wie vor stranden Geflüchtete in Griechenland, und wer weiß, was in der Türkei passiert. Was erwarten Sie staatlicherseits?

Messmer: Die Vereinten Nationen haben die Leute in diesem Winter erst aus den Camps geholt, als es Schnee gab. Ich treffe unterwegs immer die gleichen Helfer und Organisationen, die für Geflüchtete etwa Küchen betreiben. Ohne sie und die vielen engagierten Privatleute würden die Menschen sterben. Die EU-Staaten tun zu wenig. In Italien bekommen Geflüchtete 200 Euro, aber sonst keinerlei Hilfe.

(Die Shisha ist ausgeraucht, in den vergangenen Stunden hat Geos Handy zigmal leise gepingt. Wir müssen zum Ende kommen.)

Letzte Frage: Haben Sie schon eine Idee, was Sie als Nächstes tun wollen?

Messmer: Ich hätte Lust, in Afrika einen Brunnen zu bauen. Wenn westliche Konzerne das Wasser der Menschen dort privatisieren und ihre Fanggründe leerfischen, bleibt genug zu tun. Mein Lebensmotto ist: Wir müssen unsere Komfortzone verlassen.

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