Sozialpädagogin im Interview

„Wenn die Zukunft stirbt, ist das schwer zu akzeptieren“

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Hilft Betroffenen: Susanne Lorenz vom Münchner Verein „Verwaiste Eltern“.

Susanne Lorenz hilft als Sozialpädagogin Eltern, die ihre Kinder auf tragische Weise verloren haben. Im Interview spricht sie über ihre Arbeit.

Die Sozialpädagogin Susanne Lorenz leitet die Geschäftsstelle des Münchner Vereins „Verwaiste Eltern“. Dieser informiert und begleitet Betroffene nach dem Tod eines Kindes.

Frau Lorenz, inwiefern unterscheidet sich der Tod des eigenen Kindes von anderen Todesfällen?

Lorenz: Der Tod des eigenen Kindes wird als unnatürlich erlebt. Man erwartet ja, dass man in der Generationenfolge stirbt, also dass die Eltern zuerst sterben. Das ist der natürliche Verlauf. Wenn aber die Zukunft stirbt, können Eltern das nur schwer akzeptieren.

Können Eltern, die ein Kind verlieren, je wieder glücklich sein?

Lorenz: Der Tod des Kindes hinterlässt eine Narbe, die man ein Leben lang behält. Aber auch aus dieser schweren Verletzung heraus kann man in das Leben zurückfinden. Manche empfinden ihr Leben danach sogar als tiefer und bereichernder. Aber natürlich ist das ein langer, harter Weg. Das lässt sich nicht mit anderen Trauerverläufen vergleichen.

Wie gelingt es Betroffenen, einen solchen Verlust als Teil ihrer Lebensgeschichte anzunehmen?

Lorenz: Jeder schafft es auf seine Weise. Wichtig dabei ist, dem Erlebten Ausdruck zu verleihen. Indem man zum Beispiel in einer Selbsthilfegruppe darüber redet. Außerdem ist es wichtig, eigene Ressourcen zu entdecken: Was gibt mir Kraft, was habe ich früher gern gemacht? Manche gehen gern wandern, andere machen Musik. Die größte Gefahr ist, dass man in der Isolation stecken bleibt, in die man sich als Trauernder zunächst begibt. Wir laden Betroffene deshalb mit niederschwelligen Angeboten ein, sich mit anderen auszutauschen.

Machen alle trauernden Eltern dasselbe durch?

Lorenz: Trauer ist kein einheitliches Gefühl, sondern ein Kaleidoskop mit vielen Facetten: Wut, Schuld, Angst, da kommen viele Gefühle hoch. Meist steht am Anfang die Schockphase, in der es um das allmähliche Begreifen der Realität geht. Die Trauer kommt erst danach. Viele denken, man muss die Trauer möglichst schnell hinter sich bringen. Dabei ist es wichtig, sie zuzulassen, um einen heilsamen Prozess zu durchleben. Aber natürlich können Eltern, die selbst betroffen sind, die Situation besser nachempfinden. Für unsere Arbeit ist das wichtig, weil unsere ehrenamtlichen Trauerbegleiter auch alle selbst betroffen sind.

Macht es einen Unterschied, ob ein Kind nach langer Krankheit oder plötzlich durch einen Unfall stirbt?

Lorenz: Es gibt kein: Was ist besser? Es ist in jedem Fall die größtmögliche Katastrophe. Insbesondere bei kranken Kindern wird ja das ganze Leben auf dieses Kind ausgerichtet. Ich kenne eine Mutter, die hat gesagt: Ich habe mein Kind 16 Jahre lang im Arm gehalten. Da ist das Loch natürlich riesengroß. Diesen Eltern wird das soziale Umfeld oft nicht gerecht. Da heißt es dann: Jetzt könnt ihr endlich in den Urlaub fahren. Aber die wollen nicht in den Urlaub fahren. Die wollen ihr Kind zurück.

Warum tun sich Freunde und Arbeitskollegen oft schwer, auf einen solchen Todesfall angemessen zu reagieren?

Lorenz: In den Köpfen der Menschen gibt es häufig eine Hierarchie der Trauer. Sie nehmen zum Beispiel die Trauer der Eltern um eine Totgeburt nicht ernst. Sagen: ihr könnt doch noch einmal ein Kind bekommen. Aber auch bei einem Frühtod muss man sich von Plänen, Hoffnungen und Wünschen für die Zukunft verabschieden. Das wiegt sehr schwer. Außerdem kann ein weiteres Kind den Verlust nicht ersetzen.

Können trauernde Eltern hinterbliebene Geschwister trösten?

Lorenz: Sie versuchen es und machen sich große Sorgen um sie. Aber es ist schwer, weil ihnen die Kraft dazu fehlt. Diese Kinder werden deshalb unsichtbar. Eltern sollten sich also nicht scheuen, Hilfe anzunehmen. Dann haben sie mehr Kraft für ihre Kinder.

Die Scheidungsrate verwaister Eltern ist höher. Warum?

Lorenz: Das ist das Ergebnis älterer Studien. Unsere Beobachtung ist, dass die Scheidungsrate nicht signifikant erhöht ist. Vermutlich weil Paaren heute mehr Hilfsangebote zur Verfügung stehen als früher. Ich kenne Paare, die sagen, der Tod ihres Kindes habe sie sogar noch näher zusammengebracht. Aber ich kenne auch solche, die sich getrennt haben. Man muss wissen: Männer und Frauen trauern sehr unterschiedlich. Frauen versuchen eher als Männer, über ihren Schmerz zu sprechen. Deshalb haben wir auch spezielle Angebote für Männer.

Wie helfen Sie Betroffenen?

Lorenz: In den Erstberatungsgesprächen loten wir aus: Was braucht die Familie jetzt? Wann ist der richtige Zeitpunkt, in eine unserer Gruppen zu gehen? Wir bieten verschiedene Gruppen an. Denn es ist ein großer Unterschied, ob es sich um den Frühtod eines Babys handelt oder um einen Suizid. Zudem bieten wir eine Akutbegleitung für die Zeit unmittelbar nach dem Todesfall an. Betroffene erreichen unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter täglich von 8 bis 20 Uhr unter einer Notfall-Handynummer.

Interview: Bettina Stuhlweißenburg

Hilfe und Beratung finden Betroffene beim Verein „Verwaiste Eltern“: www.verwaiste-eltern-muenchen.de. Telefonnummer: 089/ 480 88 99 0.


Das eigene Kind zu Grabe zu tragen, zählt zum Schlimmsten, was einem Menschen passieren kann. Andrea und Thomas Schmidl leben seit 2014 mit dieser Last. Wir haben das Paar besucht.

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