Interview

Wie entwickelt sich die Kinderbetreuung in München? 

+

Wie sieht zeitgemäße Kinderbetreuung aus? Rosemarie Reichelt von der Inneren Mission spricht im Interview über die Herausforderungen der Zukunft in der Kindertagesbetreuung. Sie meint: die Anforderungen der Eltern seien hoch, doch „wir müssen den Druck von den Kindern nehmen“. 

München - Kinderkrippen, Kindergärten, Kinderhorte: Zwölf Jahre hat Rosemarie Reichelt die Abteilung „Kindertagesbetreuung“ der Inneren Mission München geleitet – und sie von fünf auf nunmehr 17 Einrichtungen vergrößert. Reichelt geht zum 1. März in den Ruhestand, ihre Nachfolgerin ist Diakonin Margit te Brake. Wir fragten Reichelt, wie sich die Kita-Landschaft verändert hat.

2016 war in München der geburtenstärkste Jahrgang der vergangenen Jahre. Was bedeutet das für Kindertagesstätten?

Trotz großen Ausbau-Anstrengungen wird es uns nicht gelingen, allen Familien den gewünschten wohnortnahen Platz anbieten zu können. Ich glaube, dass sich Eltern auf größere Wegstrecken einstellen müssen. Dies wird sich in den Stadtteilen Münchens sehr unterschiedlich gestalten.

Welche Ansprüche hat die Innere Mission als Träger an Ihre Arbeit? Und welche Ansprüche stellen Eltern an Sie?

Grundsätzlich wollen wir für alle Beteiligten – Kinder, Eltern, Personal – gute Rahmenbedingungen schaffen und in der prekären Personalsituation die Qualität nicht aus den Augen verlieren. Dabei steht das Kind in seiner ganzheitlichen Entwicklung im Mittelpunkt. Der Weg dorthin deckt sich nicht immer mit den Vorstellungen der Eltern, die oft schon in der Kita schulische Strukturen erwarten.

Welche Ansprüche sind das konkret?

Erhebliche Meinungsunterschiede gibt es immer wieder im Hinblick auf die Schulvorbereitung und Kursangebote, wenn Eltern sich etwa Englisch- oder Musikkurse wünschen. Für Eltern ist oft das letzte Jahr vor der Einschulung das wichtigste: Vorschulgruppen und Vorschularbeit werden eingefordert. Vorschulische Erziehung findet aber in der kompletten Kita-Zeit statt, unterstützt im letzten Jahr unter anderem durch Schulbesuche, Schulwegtraining, Ausflüge in Museen sowie Anti-Gewalt- und Aggressionstraining.

Den Druck nehmen und nicht überbehüten

Sie waren zwölf Jahre Leiterin des Fachbereichs. Haben sich die Bedürfnisse der Kinder verändert?

Rosemarie Reichelt hat zwölf Jahre lang die Kindertagesbetreuung bei der Inneren Mission München federführend gestaltet. Sie sagt, der Leistungsdruck auf die Kinder sei zu groß geworden. Die Zeit zum zwanglosen Spielen werde immer knapper.

Der Leistungsdruck auf die Kinder ist immer größer geworden. Die Zeiten, die Kinder selbstbestimmt gestalten können, werden leider immer weniger. Der Tag wird komplett durchorganisiert, und dabei wird nicht immer auf die wirklichen Bedürfnisse von Kindern Rücksicht genommen. Das Thema Zeit, Kinder in ihrer Entwicklung begleiten, den Druck nehmen, nicht bestimmen und überbehüten sind daher die Hauptaufgaben in unseren Kindertageseinrichtungen. Kinder müssen zum Teil wieder lernen, zu spielen. Aber auch Sprachauffälligkeiten und Bewegungsmangel haben zugenommen.

Was sind denn die „wirklichen Bedürfnisse“ der Kinder?

Kinder brauchen Geborgenheit, Zuverlässigkeit, Kontinuität, Zeit, eine anregungsreiche Umgebung, Raum für ihre Neugierde und ihren Wissensdurst.

Was sind die Herausforderungen der Zeit: Ist es schwierig, immer mehr Kinder mit Migrationshintergrund aufzunehmen? Wie gehen Sie mit der wachsenden Heterogenität um?

Im Rahmen der interkulturellen Öffnung der Inneren Mission werden alle unsere Mitarbeitenden geschult. Das Wissen über andere Kulturen führt zu Verständnis und Toleranz. Im Alltag erhalten die Kinder die Möglichkeit, sich mit ihrer eigenen Herkunft und der der anderen Kinder durch Spiele, Lieder, Sprachen, Feiern von Festen auseinanderzusetzen.

Welche Neuerungen haben Sie mit angestoßen?

Bedingt durch den eklatanten Personalmangel war ich bereits vor Jahren in Griechenland und später in Spanien und konnte dort gute pädagogische Fachkräfte für unsere Kitas gewinnen. Mitbegleitet haben wir die Einführung des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans, die Bildungs- und Lerngeschichten als Beobachtungsinstrument. Regelmäßige Fortbildungsangebote und Fachtage für unsere Mitarbeitenden, das religionspädagogische Zertifikat und die Weiterqualifizierung zur Praxisanleitung an unserer Fachakademie, einen Arbeitskreis Praxis und Schule sind nur einige der Neuerungen.

Personalmangel wird wohl noch anhalten

Thema Personalsituation: Ist Besserung in Sicht?

Durch den enormen Ausbau von Kindertagesstätten und die gestiegene Geburtenrate sehe ich in München so schnell keine Besserung, denn generell wurde von politischer Seite zu spät in die Aus- und Weiterbildung von pädagogischen Kräften investiert. Wir als Träger haben durch die Gründung unserer Fachakademie für Sozialpädagogik versucht, hier gegenzusteuern. Aktuell sind die Klassen in den Fachakademien voll. Die jetzigen Studierenden und die Studierenden einer neuen, verkürzten Ausbildungsform „Optiprax“ werden den Bedarf nur bedingt decken können. Wir sollten uns ein Beispiel an den skandinavischen Ländern nehmen. Hier sind Erzieher und Lehrer gleichgestellt. Meines Erachtens ist das ein wichtiges Signal, um den Beruf aufzuwerten und damit mehr Menschen, vor allem auch mehr Männer, in den Beruf zu bekommen.

Plant die Innere Mission einen weiteren Ausbau des Bereichs?

Qualität ging uns immer vor Quantität, das wird sicher auch in Zukunft so bleiben. Sicherlich wird die Abteilung noch wachsen, aber sehr überlegt und dosiert.

Woran spürt man, dass eine Kita gut läuft, dass es den Kindern und dem Personal gut geht?

Man spürt es wirklich! In der Einrichtung herrscht eine harmonische, offene und herzliche Atmosphäre. Eltern und Kinder, egal woher sie kommen und welcher Religion sie angehören, sind immer willkommen. Natürlich gibt es noch wichtige andere Faktoren: Fachkraft-Kind-Relation, die Ausstattung und Gestaltung der Räume, die Begleitung des Personals durch Supervision und Fachberatung sowie sehr gut qualifizierte Leitungskräfte.

Interview: Susanne Schröder & Christine Ulrich

Empfangen Sie kostenlose München-Nachrichten per WhatsApp

tz.de bietet einen besonderen Service an. Sie bekommen regelmäßig die neuesten Nachrichten aus München direkt über WhatsApp auf Ihr Smartphone. Und das kostenlos. Hier können Sie sich anmelden.

Unsere besten München-Geschichten posten wir auch auf unseren Facebookseiten Merkur.de und tz München.

Auch interessant

Meistgelesen

München und die Zirkuswelt trauern um Christel Sembach-Krone
München und die Zirkuswelt trauern um Christel Sembach-Krone
Madl (9) findet Geldbeutel - Carolin Reiber verlor ihn 2013 
Madl (9) findet Geldbeutel - Carolin Reiber verlor ihn 2013 

Kommentare