Miet-Alptraum München

Irrsinn Wohnungssuche: Was sich Bewerber gefallen lassen müssen

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Heiß begehrt: Immobilienwirtin Anna Maria Grohmann inmitten der Bewerber für eine Ein-Zimmer-Wohnung.

Je mehr die Wohnungsnot in München steigt, um so mehr müssen sich Mieter gefallen lassen. Viele Vermieter verlangen schon bei Wohnungsbesichtigungen Dokumente, die man selbst engen Freunden nicht offenbaren würde. Was müssen Mieter in spe preisgeben?

München - Ein Herbstabend in München, kurz vor 18 Uhr. Ein Pulk junger Leute steht vor einem schmucklosen Mehrfamilienhaus aus den 70er Jahren. Alle warten auf die Immobilienwirtin Anna Maria Grohmann. Sie hat etwas Heißbegehrtes zu vergeben: ein Apartment, 28 Quadratmeter, „mit guter Infrastruktur und Balkon“, steht im Angebot der ProEigentum Immobilien GmbH. Kaum ein Wohnungssucher kommt ohne Bewerbungsmappe voll persönlicher Unterlagen. Viele Interessenten geben sie auch ungefragt preis.

600 Interessenten, 60 werden durchgeschleust

Das Immobilienbüro hat ohnehin schon gesiebt: ProEigentum setzt eine Software ein, um eine Vorauswahl zu treffen. Damit nicht alle 600 Interessenten durchgeschleust werden, sondern nur 60. So sind an diesem Abend in Berg am Laim jeweils bis zu zehn Anwärter im Viertelstundentakt gekommen, um die Ein-Zimmer-Wohnung anzuschauen.

555 Euro plus Heizkosten kostet sie. Knapp 20 Euro pro Quadratmeter. „Es ist schwierig“, stöhnt Wohnungsbewerber Nicholas Johnson aus Kalifornien. Ein junges Paar aus Italien lächelt tapfer: „Wenig Antworten, viele Leute bei Besichtigungen.“ Eine Münchnerin (19) sucht seit drei Monaten – vergeblich. „Viele Rückmeldungen bekomme ich leider nicht.“ 40 Bewerbungen, zwei Einladungen, das ist ihre ganze Ausbeute. Vielleicht ist der Verdienst zu gering? 1100 Euro netto, gibt sie verschämt an. „Wenn Sie sich bewerben und diese Summe reinschreiben, dann lädt Sie keiner ein“, rät Anna Maria Grohmann fast mütterlich.

In diesem Haus ist die Wohnung, für die sich 600 Menschen interessierten

Dabei muss jemand, der eine Besichtigung wünscht, laut Landesdatenschutz-Behörden eigentlich nur Namen und Kontaktdaten angeben, sagen, ob Tiere gehalten werden (abgesehen von Kleintieren) und, ob ein Wohnberechtigungsschein vorliegt. Fragen nach Vorstrafen, sexueller Orientierung, Schwangerschaften, Kinderwunsch und Heiratsabsichten, Mitgliedschaften in Parteien und Mietervereinen sind grundsätzlich unzulässig. Auch die pauschale Frage nach Religion und Nationalität ist nicht erlaubt. Einkommensnachweise müssen in der Regel erst vorgelegt werden, wenn der Vermieter sich für einen Bewerber entschieden hat. Bei der Schufa darf der Vermieter erst dann Informationen einholen, „wenn der Abschluss des Mietvertrags mit diesem Bewerber nur noch vom positiven Ergebnis einer Bonitätsprüfung abhängt“, erklärt ein Datenschutzbeauftragter.

Vorauseilender Gehorsam von Mietern

Dennoch: Verstöße gegen das Bundesdatenschutzgesetz sind offenkundig: 2015/16 blieb bei einer Überprüfung in Bayern nur einer von 86 Immobilienmaklern unbeanstandet, berichtet Alexander Filip, Referatsleiter beim Bayerischen Landesamt für Datenschutzaufsicht. Zum Teil ist aber auch der vorauseilende Gehorsam von Mietern das Problem, sagt Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund: „Die Realität ist: In einer Schlange von 30 Interessenten wedeln 29 mit einer Schufa-Auskunft. “ Nach der dürfte aber erst unmittelbar vor Abschluss des Mietvertrags gefragt werden.

Auf der Seite der Vermieter weiß man um die Konflikte. Julia Wagner, Rechtsreferentin bei Haus und Grund Deutschland: „Man sollte als Vermieter darauf achten, dass man nur anfragt, was relevant ist.“ Dennoch gibt sie zu bedenken: „Eine Personalausweiskopie ist wichtig, sollte der Mieter sich später als Betrüger herausstellen.“ Doch sie weist auch darauf hin: „Bewerbungsunterlagen müssen vernichtet werden.“

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