Es schmerzt noch wie am ersten Tag

Isar-Mord: tz-Report über die verzweifelte Jagd nach dem Täter

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Der 28. Mai 2013: Wenige Minuten zuvor wurde Domenico L. auf diesem Radweg an der Erhardtstraße erstochen.

München - Ein Jahr nach dem Isarmord: Der tz-Report über die verzweifelte Jagd nach dem Täter. Domenicos Familie in Italien steckt unterdessen noch immer in tiefer Trauer – und kritisiert die Polizei.

Der Schmerz will einfach nicht vergehen. Vor einem Jahr wurde Domenico L. (31) an der Isar ermordet – erstochen von einem Unbekannten, von einem Irren. Die Tat hat eine Wunde gerissen in dieser Stadt, deren stolzer Bürger er war, in seiner süditalienischen Heimatstadt Potenza und in seiner Familie. Mimmo, wie ihn alle riefen, hatte doch nur seine Verlobte Giulia (Name geändert) vor dem Irren verteidigen wollen, der sie angespuckt hatte. Es tut immer noch so weh – heute ganz besonders.

Seine Familie will nicht darüber sprechen, sie kann es nicht. Domenicos zwei Jahre älterer Bruder Paolo L. sagt der tz: „Wir ziehen es vor zu schweigen. Denn es bereitet uns großes Leid, über das zu sprechen, was Domenico zugestoßen ist.“

„Ich kann nicht ertragen, dass sein Mörder frei herumläuft“, sagt Domenicos Bruder Paolo L.

Vor allem die Ungewissheit zerreißt seine Liebsten – kein Täter gefasst, kein Motiv. „Ich kann nicht ertragen, dass sein Mörder frei herumläuft“, hatte Paolo L., der als Anwalt in Potenza arbeitet, vergangenen Oktober der tz gesagt und kritisierte die Ermittler. Die Polizei habe die Tat anfangs unterschätzt und Domenicos Verlobte stundenlang vernommen, statt den Täter zu jagen. Offenbar hätten die Ermittler irgendeine Verbindung des Täters zu dem Pärchen vermutet. „Ich werde nie verstehen, wie der Mörder einfach so wegspazieren konnte.“

Paolo L. fürchtet, dass der Mord an seinem Bruder nie gesühnt wird

Als die Polizei im Dezember die „Soko Cornelius“ dezimiert, bricht es aus Paolo L. heraus. Er erhebt im Interview mit seiner Heimatzeitung schwerste Vorwürfe gegen die Polizei: „Sie haben Domenico behandelt wie ein Opfer zweiter Klasse. Wenn er Deutscher oder gar Polizist gewesen wäre, hätten sie sofort Jagd auf den Mörder gemacht.“ Das sei kein Verrückter gewesen, sondern womöglich ein Ausländerfeind. Das weckt Erinnerungen an die NSU-Morde.

So perfekt wie das „Phantom von München“ geflohen sei, habe der Mörder womöglich einen Helfer gehabt. Die Verlobte habe selbst noch ein Phantombild gezeichnet, das die Polizei nicht habe veröffentlichen wollen. Paolo L. fürchtet, dass der Mord an seinem Bruder nie gesühnt wird. Die Don Bosco-Kirche von Potenza war bis auf den letzten Stehplatz überfüllt, als Domenicos Sarg von weißen Rosen bedeckt zum Altar gefahren wurde. Er kümmerte sich um die Kinder des Jugendzentrums, war als Helfer in Madagaskar. Die Menschen liebten ihn, die Jugendlichen schauten zu ihm auf. Er hatte es aus dem armen Südzipfel Europas zum Studium nach Rom und als Luft- und Raumfahrtingenieur ins Ausland, in unsere Weltstadt gebracht. Die schöne Giulia war an seiner Seite, sie lebten zusammen in Haidhausen, die Zukunft lag vor ihnen. Domenicos Trauerfeier war eine Messe der Tränen.

"Du fehlst uns, Domenico. Aber vereint fühlen wir uns dir näher"

Am Samstag versammeln sie sich wieder. Im Stadion von Potenza steigt ein Benefizspiel seiner Freunde gegen eine Ehrenauswahl der Stadt. TV-Stars moderieren die Veranstaltung „Ein Tor für Domenico“. Die Einnahmen gehen an eine Hilfsorganisation, die ein Schulzentrum in Togo bauen will. Es soll seinen Namen tragen, denn er hatte die Organisation stets unterstützt.

Seine Freunde schreiben in der Einladung: „Vor einem Jahr ist Domenico zu einer Reise aufgebrochen, die er nicht antreten wollte. Ausgerechnet er, der ein neugieriger und unermüdlicher Reisender war. Seitdem ist das Leben für viele Menschen nicht mehr so, wie es einmal war.“ Domenicos Schicksal habe halb Italien bewegt und viele Menschen, die ihn nicht kannten. „Du fehlst uns, Domenico. Aber vereint fühlen wir uns dir näher.“ Der Schmerz will einfach nicht vergehen – aber die Liebe bleibt.

David Costanzo

"Der Vernichtungswille hat uns schockiert"

Frank Hellwig leitet die Ermittlungen.

Er ist der Leiter der Münchner Kriminalfachdirektion 1, zu der auch die Mordkommission gehört. Die tz sprach mit Kriminaldirektor Frank Hellwig über den Mordfall Domenico L.:

Immer wieder hoffnungsvolle Ansätze, immer wieder herbe Rückschläge. Sind die Ermittler frustriert?

Frank Hellwig: Keineswegs. Bei uns ist kein Frust zu spüren. Mordermittler sind immer noch hungrig. Sie fühlen sich an der Ehre gepackt. Der absolute Vernichtungswille bei dieser Tat hat uns auch schockiert. Wir haben die feste Zuversicht, dass wir diesen Fall klären werden.

Woher nehmen Sie die Zuversicht? 

Hellwig: Wir haben auf unserer Liste noch etwa 2000 Menschen, die sich damals in Tatortnähe aufgehalten haben und die wir noch persönlich aufsuchen werden. Aus diesen Befragungen werden sich weitere Hinweise ergeben. Da steckt noch ganz viel drin.

Die 30 Ermittler starke Soko schrumpfte bereits zur Ermittlungsgruppe. Wie lange wird es die noch geben?

Hellwig: Ganz sicher noch mindestens zwei oder drei Monate. Sollte uns in näherer Zukunft keine Klärung gelingen, wird dieser Fall ein sogenannter Altfall. So traurig das auch ist. Das bedeutet aber nicht, dass der Fall zu den Akten kommt. Wir geben niemals auf.

Was für Chancen gibt es dann noch? 

Hellwig: Wir haben die DNA des Täters. Darauf setzen wir große Hoffnungen. Seine DNA wird in Deutschland und den Schengen-Staaten permanent mit den DNA-Mustern bekannter Straftäter bzw. Tatort-Spuren verglichen. Der Treffer kann jeden Tag kommen.

Haben Sie noch Kontakt zu Domenico L.’s Verlobter?

Hellwig: Sie wird permanent von uns auf dem Laufenden gehalten.

Interview: Dorita Plange 

Die Chronologie einer Tragödie

Sein Mörder läuft immer noch frei herum! Gestern vor einem Jahr wurde der Ingenieur Domenico L. (31) am Radlweg an der Ehrhardtstraße von einem Unbekannten erstochen – vor den Augen seiner eigenen Verlobten. Der Isar-Mord schockte München noch heute. Bisher gelang es der Polizei aber nicht, den Fall aufzuklären, obwohl im vergangenen Jahr 630 Hinweise eingingen. Die Chronologie des mysteriösen Falles:

  • 28. Mai 2013: Gegen 22 Uhr passieren Domenico und seine Freundin Guilia (29, Name geändert) einen etwa 35 Jahre alten und 175cm großen Fußgänger. Kurz vor der Ludwigsbrücke spuckt er Giulia ins Gesicht, ersticht danach Domenico.
  • 2. Juni 2013: In seiner italienischen Heimatstadt Potenza wird Domenico beerdigt.Mehr als tausend Menschen nehmen in der Kirche San Giovanni di Bosco Abschied.
  • 5. Juni 2013: Eine Woche nach der Tat gründet die Polizei die Sonderkommission Cornelius: 30 Beamte suchen den Mörder und loben 10 000 Euro für Hinweise aus.
  • 27. Juni 2013: Die Polizei hat die DNA des Täters, findet ihn aber nicht – und befragt deshalb auch Kliniken, Ärzte und Taxler.
  • 23. Juli 2013: Die Soko Cornelius ordnet einen großflächigen Speicheltest an!
  • 27. Juli 2013: Eine heiße Spur! Ein Taxler berichtet, er habe wenige Stunden nach dem Mord einen verdächtigen Fahrgast zum Tatort an der Ehrhardtstrafe gefahren.
  • 17. August 2013: Nach seiner Würge-Attacke am Schlosskanal rückt Marco T. (Name geändert) in den Ermittler-Fokus. Ein DNA-Test ergibt: Er ist nicht der Mörder!
  • 5. Oktober 2013: Die ZDF-Sendung Aktenzeichen XY greift den Isar-Mord auf. Zehn Zuschauerhinweise werden verfolgt.
  • 17. Oktober: Domenicos Bruder Paolo L. kritisiert in der tz die Polizei-Ermittlungen.
  • Dezember 2013: Die SoKo Cornelius wird von 30 auf acht Beamte reduziert, die weiter in dem mysteriösen Mordfall ermitteln.
  • 27. Mai 2014: Insgesamt 14.000 Personen hat die Polizei bis heute überprüft, 470 Männer gaben eine Speichelprobe ab – bislang ohne Ergebnis. Rund 2000 Personen, die sich am Tag des Mordes in Tatortnähe aufgehalten hatten, überprüfen die Beamten nich – darunter sind Anwohner, Partygäste vom Kulturstrand oder Handybesitzer, die in der Nähe telefonierten. Laut Polizei gibt es keine Hinweise auf ein fremdenfeindliches Tatmotiv. Die Suche geht weiter!

thi

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