Warum Angler Naturschützer sind

„Die Isar ist gestresst“ - auf Fischfang in München

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Mitten im Fluss, mitten in einer Millionenstadt: Frank Meißner genießt das Angeln in der Isar am frühen Morgen, wenn es noch ruhig ist auf den Straßen.

Isarfischer halten den Fischbestand im Fluss. Davon ist Frank Meißner überzeugt. Wir haben den Angler begleitet und ihm bei einem Fang über die Schulter geschaut.

München - Der Fisch fühlt sich derzeit nicht gerade wohl im Wasser. Zu warm ist ihm die Isar, zu knapp der Sauerstoff, außerdem stört der Mensch. Zu Tausenden fällt dieser lärmend ein ins sensible Ökosystem Fluss. „Jede Ecke wird kommerzialisiert. Hier eine Feier, dort Mondscheinschwimmen, immer ist irgendwo ein Event“, sagt Frank Meißner. „Die Isar ist gestresst.“ Und der Fisch auch - „ohne uns gäbe es keinen einzigen mehr im Fluss.“

Ein Satz, der staunen lässt, denn Meißner ist Fischer und ein nicht unerheblicher Teil seines Hobbys besteht darin, den Fisch zu jagen, zu töten und zu essen. Eigentlich, sagt Meißner, sei der Angler aber mit der größte Naturschützer überhaupt. Momentan ist das ziemlich stressfrei. Bis zum Bauch steht Meißner am Maxspitz in der Strömung, die Isar zerrt an seiner Wathose.

Leere Trams, rauschende Isar

Es ist fünf Uhr morgens, oben brennen noch die Laternen, wohl für die paar Straßenfeger, die unterwegs sind. Manchmal gleitet eine leere Tram über die Maximiliansbrücke, aber unten hört man nichts davon, die Isar rauscht brüllend über Staustufen.

Meißner hält eine Angelrute, die andere Hand hängt er ins Wasser. „18 Grad, viel zu warm. Aber wenigstens ruhig.“ Ab 20 Grad hören sie freiwillig auf zu fischen. Meißner spannt die Rute und lässt die gebastelte Hahnenfederfliege samt Haken nach vorne schnellen wie eine Peitsche. Einmal, zweimal, dreimal - immer fliegt die Schnur ein paar Meter weiter.

„Schonmaß liegt bei 38 Zentimeter“

Dann treibt die Fliege kurz auf der Wasseroberfläche, sinkt. Meißner spürt ein Ruckeln, schlägt an. Die Regenbogenforelle, die an seinem Haken zappelt, ist schlank und gute 30 Zentimeter lang. Meißner löst den Haken aus dem Maul und lässt sie schwimmen. „Zu klein, das Schonmaß liegt bei 38 Zentimeter.“

26 Fischarten schwimmen in der Isar, 90 Prozent der Arten sind bedroht. Meißners Isarfischer wollen den Fluss erhalten. Sie waren am Verein „Deine Isar“ beteiligt, der dafür sorgt, dass der Fluss nicht zur Müllkippe wird. Die Isarfischer setzen jedes Jahr Tausende Fische ein, kontrollieren Angler, bestimmen Schonzeiten und Schonmaße. Natürliche Köder sind verboten.

Fisch gefangen: Frank Meißner notiert seine Beute.

Natur steht im Vordergrund

Viele finden Fischen langweilig, Meißner sagt: „Fliegenfischen ist die edle Kunst, dem Fisch listig nachzustellen.“ Wenn einer anbeißt, gut. Wenn nicht, auch wurscht. „Mir ist es egal, ob ich was fange. Mir geht’s um die Natur.“

Darum steht er auf, wenn die Stadt noch langliegt. „Die Sonne geht auf, niemand ist wach, und du stehst mitten im Fluss. Mitten in einer Millionenstadt!“, ruft Meißner gegen das Rauschen an. „Fantastisch!“ Über Nacht kommt der Fisch zur Ruhe, wagt sich aus der Deckung. Meißner steht in der Strömung und blickt umher. Das Wasser lesen, sagt er.

Forelle lauert auf Beute und wird selbst erwischt

Sieht er eine Rausche, eine Stelle, wo das Wasser sich wellt, wirft er seine Schnur hin. Dort, im unbewegten Schatten eines Steins, steht die Forelle, lässt die Strömung vorbeisausen und lauert auf Beute. Auf der Wasseroberfläche treibt ein Schatten, die Forelle spritzt hervor. Meißner schlägt an.

Die Regenbogenforelle misst exakt 47 Zentimeter. Meißner haut ihr mit dem Priest, einem schweren Knüppel, viermal auf den Kopf, setzt einen Kiemenbogenrundschnitt und wickelt die Forelle in Zeitungspapier. Die Isar, sagt Meißner, sei ein Geschenk, das allen gehöre. Deshalb müssten aber auch alle dafür Sorge tragen, dass dieses Geschenk nicht kaputtgeht.

Flossenparade

Die Isar ist Lebensraum für sehr unterschiedliche Fische. das Spektrum reicht vom fünf Zentimeter kleinen Stichling bis zum Huchen, dem Fisch des Jahres 2016. Der Riese unter den Isar-Raubfischen wird bis zu 1,50 Meter lang und kann bis zu 50 Kilo wiegen. München gilt als die einzige Großstadt, in der dieser Fisch noch zu finden ist. Zu den besonders gefährdeten Arten gehört der etwa 20 Zentimeter lange Streber, der groben Kies und schnell fließendes Wasser liebt. Auch Äschen, auf die es der Kormoran abgesehen hat, weil sie im flachen Wasser schwimmen, Forellen, Nasen, Koppen und Aale gibt es im Fluss.

Isarfischer

Derzeit gibt es 1070 Isar­fischer in München, der Verein wurde vor 65 Jahren gegründet. Das Motto lautet: „Wir sorgen für Leben im Fluss.“ Er ist als gemeinnützig anerkannt - und kümmert sich auch um den Naturschutz. Jedes Jahr setzen die Mitglieder Tausende Fische in Münchens Gewässern aus - immer mehr, als sie abfischen. Von den ausgesetzten Forellen werden zum Beispiel nur rund 50 Prozent wieder abgefischt.

Tobias Scharnagl

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