Schlamperei reißt alte Wunden auf

Jahre nach Krebs-Horror: Klinik will für tote Kinder kassieren

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Illja ist auch Jahre nach seinem Krebs-Tod gegenwärtig. Seine Portraits hängen in der Wohnung seiner Mutter Lucie: Das liebevolle Andenken stirbt nie.

Es ist der blanke Horror! Mehrere Eltern, die vor einigen Jahren ihr Kind verloren, haben Rechnungen für Untersuchungen erhalten, die nie durchgeführt wurden.

München - Wo ist sie hin, die Freude? Da kann die Frühlingssonne noch so schön durchs Fenster scheinen: In der Seele von Lucie S. wird kein Licht ankommen. Die 63-Jährige aus dem Münchner Norden hat vor dreieinhalb Jahren ihren Sohn Illja verloren. Nicht mal 17 Jahre ist er alt geworden, gestorben an Krebs. Der Schmerz ist eh immer da, unterschwellig, dumpf – und jetzt wieder brüllend und scharf. Denn: Lucie S. hat vor gut vier Wochen eine Rechnung bekommen. 5087,61 Euro solle sie zahlen – für eine Untersuchung, die seinerzeit an Illja vorgenommen worden sei. Illja war an der Schwabinger Kinderklinik behandelt worden, als Begünstigter auf dem Überweisungsschein ist jetzt deren Direktor Professor Stefan Burdach angegeben. Absender der Rechnung ist ein Medizin-Abrechnungs-Dienstleister. So wie Lucie S. ging es in den vergangenen Tagen auch anderen Eltern, die ihr Kind vor Jahren wegen Knochenkrebs verloren haben. Auch die Familie Lörzel aus Lengdorf bei Erding bekam eine solche Rechnung – allerdings gleich über den doppelten Betrag.

Die Lörzels sollten 10.175,22 Euro für eine Untersuchung an ihrem Quirin bezahlen. Der Bub war vor zweieinhalb Jahren im Alter von zwölf Jahren an Knochenkrebs verstorben, und auch er war in Schwabing behandelt worden. „Es hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen, als ich den Brief öffnete“, sagt Mutter Susi Lörzel (46). Ihr Mann Franz (46), der als Spengler arbeitet, hatte seitdem viele schlaflose Nächte. „Immer wieder bin ich mitten in der Nacht hochgeschreckt und habe mich gefragt, ob ich nicht doch etwas unterschrieben habe und jetzt tatsächlich 10.000 Euro bezahlen muss, die ich nicht habe.“

Sowohl die Lörzels als auch Lucie S. schütteln den Kopf über die seltsame Post. „Mit diesen Rechnungen stimmt etwas nicht“, sagt S. Sie hat ihre alten Tagebücher durchgesehen. Dort hat sie vermerkt, dass eine Genuntersuchung vorgeschlagen wurde. „Aber die haben wir abgelehnt, nachdem unserem Sohn ja ins Gesicht gesagt worden war, er habe keine Chance und werde sterben.“ Die Untersuchung ist laut Rechnung 25 Tage vor dem Tod ihres Sohnes vorgenommen worden. „Ich kann mich nicht ­erinnern, da noch etwas unterschrieben zu haben. Es war ja längst klar, dass Illja sterben wird. Wir wollten deshalb keine Behandlungen mehr.“

Rechnungen ein „administratives Versehen“

Die tz fragte bei der Kinderklinik Schwabing und deren Direktor nach, wie es kommt, dass so viele Jahre nach dem Tod der Patienten so hohe Rechnungen gestellt werden. Burdach schrieb, es handle sich bei den Rechnungen um ein „admi­nistratives Versehen“. Die Behandlungen seien unentgeltlich vorgenommen worden. Bei ihm habe sich Mitte März ein weiterer Vater gemeldet, der auch eine solche Rechnung bekommen hatte. Burdach schreibt: „Ich ­habe mich am 15.03.2017 bei ihm ­persönlich fernmündlich und schriftlich entschuldigt, sowie unverzüglich eine Stornierung aller Rechnungen veranlasst. Es gibt derzeit also keine offenen Forderungen meinerseits.“

Wie viele Rechnungen dieser Art tatsächlich herausgegangen sind, ist unklar. „Unklarheit“ war überhaupt ein wesentliches Wort in dieser Sache. Für Illjas Mutter Lucie S. geht es da auch um den Faktor Zeit. Sie berichtet, sie habe die Stornierung der Rechnung erst an diesem Mittwoch erhalten – obwohl der Abrechnungs-Dienstleister schon vor Wochen hätte reagieren können.

Die trauernden Eltern sind jetzt zwar froh, dass sie nach Wochen der Unsicherheit wissen, dass sie die hohen Medizin-Rechnungen nicht bezahlen müssen. Trotzdem wird es lange dauern, bis die alten Wunden, die die Rechnungen aufgerissen haben, wieder heilen.

Susanne Sasse

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