Vor 50 Jahren: Schwabinger Krawalle entflammen

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Mit Gummiknüppeln gingen Polizistean am 25. Juni 1962 auf der Leopoldstraße gegen randalierende Jugendliche vor.

München - Nächtelange Straßenschlachten, 10.000 Demonstranten. Vor 50 Jahren, im Juni 1962, kam es zu den Schwabinger Krawallen, die in die deutsche Geschichte eingingen.

Es sind russische Volkslieder die Wolfram Kunkel, Sitka Wunderlich, Rüdiger Herzfeldt, Michael Erber und Klaus Olbrich am Abend des 21. Juni 1962 gegen 22.30 Uhr auf der Leopoldstraße mit ihren Gitarren anstimmen. Es ist der erste laue Sommerabend des Jahres und schnell versammelt sich um die fünf eine etwa 100-köpfige Fangemeinde. Doch nach 15 Minuten ist das kleine Konzert schon zu Ende: ein Anwohner hat die Funkstreife alarmiert. Und als die eintrifft beginnt das, was heute im Geschichtsbuch der Stadt unter dem Kapitel „Schwabinger Krawalle“ firmiert. Fünf Nächte liefern sich insgesamt über 30 000 aufgebrachte Münchner regelrechte Straßenschlachten mit rund 1000 Polizisten. Es gibt Dutzende Schwerverletzte – erst ein Wetterumschwung beendet die Gewaltorige!

Auslöser ist das Vorgehen der Polizei, denn die Streife fordert die Musiker nicht einfach auf: „Buam, geht hoam!“ – sondern nimmt das Quintett fest. Das gelingt allerdings nur teilweise. Letztlich landen nur drei im Steifenwagen, zwei können die Empörung der kleinen Fangemeinde zur Flucht nützen. Die Stimmung ist so aufgeheizt, das die Streife Verstärkung anfordern muss. Bis die eintrifft, ist der BMW schon halb demoliert. Die Reifen sind aufgeschlitzt, die Antenne abgebrochen.

Die Menge will die verhafteten Musiker befreien, obwohl die, wie Wolfram Kunkel im einem Interview mit dem Münchner Merkur versichert, gar nicht befreit werden wollen: „Wir hatten ja nichts gemacht.“

Das sehen die Polizisten anders. Doch während das Trio auf dem Polizeipräsidium in einem Verschlag landet, der sich nach und nach mit 30, 40 anderen jungen Leuten füllt, eskaliert die Situation in der Leopoldstraße weiter. Gegen Mitternacht blockieren rund 5000 junge Leute die Straße, Steine und Flaschen fliegen – die Polizei reagiert wütend, schwingt die Gummiknüppel. Um 1.40 Uhr wird der Einsatz beendet. Aber am nächsten Abend wird die Straße wieder besetzt – und so geht das bis 26. Juni! Beim Räumen sind die Beamten wenig zimperlich. die Reiterstaffel schreckt auch nicht davor zurück, zwischen die Café-Tische zu galoppieren – und so bekommen auch zahlreiche Unbeteiligte die Härte des Gesetzes zu spüren. Den US-Vizekonsul erwischt es sogar an zwei Abenden.

Über die Ursache der Krawalle ist man sich bis heute nicht im Klaren. Einige sehen in den Auseinandersetzungen und dem Aufbegehren gegen die Obrigkeit die Vorboten der 1968er-Proteste. Für andere sind sie ein Nachbeben der Halbstarken-Revolten in den 1950ern. Politische Aussagen gab es damals jedenfalls keine. Fakt ist aber, dass der Staatsapparat auf die Krawalle reagierte: Zwei Jahre später wurde der erste Polizeipsychologe eingestellt und schon vorher wurden Beamte reihenweise zum Staatsbürgerunterricht verdonnert.

Im August 1962 wurde es dann für 248 Protestler ernst, gegen die Strafverfahren eingeleitet worden waren. 54 wurden schließlich verurteilt, darunter auch ein 18-jähriges Pärchen, weil es auf der Straße Twist getanzt hatte. Die Musiker mussten zwischen 20 und 60 Mark berappen– wegen groben Unfugs und übermäßigen Benutzen des Gesteigs!

Ein 19-Jähriger wurde damals übrigens auch festgenommen. Sein Name Andreas Baader. Der spätere RAF-Terrorist soll seiner Mutter erzählt haben: „In einem Staat, wo die Polizei mit Gummiknüppeln gegen singende junge Leute vorgeht, da ist etwas nicht in Ordnung.“

WdP

„Es war klar, dass bald was passiert …“

Die Schwabinger Krawalle – Walter Renner hat sie auf Polizei-Seite erlebt: „Ich war damals 24 und bin mit Isar3 Funkstreife gefahren. Schwabing war unser Revier.“ Die Auseinandersetzungen – für den späteren Kriminaler kamen sie nicht überraschend: „Das hat sich schon zwei, drei Wochen vorher angedeutet.“ Renner, der auch in Schwabing wohnte, erinnert sich an den Auftritt einer Jazzband in der Uni. „Die hätten um 22 Uhr Schluss machen sollen. Das wollten sie eigentlich auch. Aber die Menge ließ sie einfach nicht gehen. Also riefen die Hausmeister die Funkstreife …“ Als die Beamten eintreffen, scheint sich schnell alles in Wohlgefallen aufzulösen. Doch als sie die Weiterfahrt antreten wollen, sind die Reifen ihres BMW platt. Es ist die erste Attacke auf einen Steifenwagen, die Renner erlebt. Ähnliche Zwischenfälle folgen. Renner: „Es war einfach so, dass die Studenten nicht mehr zu allem Jawohl und Amen sagen wollten. Sie hatten von der Obrigkeit die Nase voll. Und wir waren die Vertreter dieser Obrigkeit.“ Und damit auch das Ziel von Spott und Beleidigungen. Auch Renner muss sich immer wieder als „Nazischwein“ beschimpfen lassen.

Ein paar Tage später eskaliert die Lage dann – weil sich ein Anwohner von Straßenmusikanten belästigt fühlt. Renner: „So was war damals ja noch völlig neu.“ Und gehört sich einfach nicht: Jugendliche, die auf der Straße rumlungern, sind nicht gern gesehen. Als die Musiker in den Streifenwagen einsteigen sollen, wird massiv protestiert. Renner und Isar3 werden zur Verstärkung angefordert. Für einen Moment, so erinnert sich der erfahrene Beamte, scheint sich die Lage dann zu beruhigen, „Doch als wir dann wieder Richtung Siegestor abgefahren sind, hat sich die Leopoldstraße mit einem Schlag gefüllt.“ Danach geht’s rund. Renner ist als Streifenbeamter in den folgenden Tagen nur noch indirekt beteiligt. Reiterstaffel und Polizeischüler werden mobilisiert, um die aufgebrachte Menge, die sich nun Abend für Abend sammelt, mit Gummiknüppeln auseinanderzutreiben. Einmal erlebt Renner, dass Isar3 von jungen Leuten aufgeschaukelt wird. Angst? „Nein“, sagt er. „Angst hatte ich nie. Aber ich war tief beleidigt, Ich bin raus und hab gesagt, wenn noch ein Finger die Stoßstange berührt, dann hau ich mit dem Knüppel drauf!“

Plötzlich war’s ernst

Dieter Hildebrandt

Während in der Leopoldstraße die Menschen auf die Straße gingen, stand Kabarettist Dieter Hildebrandt (85) nur ein paar Hundert Meter weiter mit Ursula Noack, Hans Jürgen Diedrich und Jürgen Scheller auf der Bühne der Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Ihr Programm hatte den Titel: „Überleben Sie mal!“. Hildebrandt, damals 35, erinnert sich noch, dass er die Krawalle zunächst für keine allzu große Sache gehalten habe. Auch, weil ein Bekannter vor allem damit beschäftigt gewesen sei, den Biernachschub für die Masse der Protestierer zu organisieren: „Der hatte richtig viel zu tun … Aber als ich dann hörte, dass der OB Vogel mit dem offenen Wagen vorfährt, um die Menge zu beruhigen, da wusste ich, dass die Lage doch ernst sein muss …“ Vogels Lautsprechereinsatz erntete aber nur mit Gelächter.

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