75. Jahrestag der "Reichskristallnacht"

"Ich hatte schreckliche Angst!"

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Charlotte Knobloch

München - Die "Reichskristallnacht" jährt sich diesen Samstag zum 75. Mal. Charlotte Knobloch, seit 28 Jahren Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde in München, war damals sechs Jahre alt. Die tz sprach mit ihr.

Münchner Probelauf für den Holocaust

Von München ging der Test aus, wie die Bevölkerung auf offene Gewalt gegen Juden reagieren würde – und das Fehlen eines öffentlichen Aufschreis gegen den Terror der Reichskristallnacht zeigte Adolf Hitler: Er kann noch weiter gehen. So nennen Historiker die Pogromnacht, die sich am Samstag zum 75. Mal jährt, auch „Probelauf für den Holocaust“. Im Alten Münchner Rathaus feierte an jenem 9. November 1938 die Führungsriege der Nazis den Jahrestag des gescheiterten Hitlerputschs 1923. Mit einer Hetz­rede gab Propaganda­minister Goebbels dort den „Startschuss“ zu den gelenkten Ausschreitungen.

„Ich hatte schreckliche Angst!“

Es war der Tag, der das ohnehin schon schwierige Leben der Münchner Juden vollends zur Hölle machte. Charlotte Knobloch, seit 28 Jahren Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde in München, war sechs Jahre alt, als der braune Mob am 9. November 1938 loszog, um jüdische Geschäfte zu zertrümmern, unschuldige Menschen zu verprügeln und Synagogen in Brand zu setzen. 1000 Männer wurden verhaftet und ins KZ Dachau verschleppt.

Wie sind Ihre persönlichen Erinnerungen an die Pogrom­nacht?

Charlotte Knobloch: Ich habe die Bilder aus jener Nacht so deutlich vor Augen, als sei es gestern gewesen. An der Hand meines Vaters, auf der Flucht durch München, meiner Geburtstadt. Wir waren überstürzt nach einem anonymen Anruf, der uns warnte, aufgebrochen. Ich sah die Zerstörungen, das Kaufhaus Uhlfelder, das schon geplündert wurde. Zerschlagene Scheiben, herabfallende Trümmer, der stechende Geruch von Qualm. Ich sah, wie Rauch aus der Synagoge aufstieg. Die vielen Menschen in Uniform. All das war zu viel für mich. Ich hatte schreckliche Angst. Das vielleicht eindringlichste Bild, das ich seither nie wieder aus dem Kopf bekommen habe, war das von Justizrat Rotschild – Opa Rotschild, wie ich ihn nannte. Vater wollte ihn warnen, aber wir kamen zu spät. Schon trieben sie ihn aus dem Haus. Durch ein weißes Tuch, das um seinen Kopf gebunden war, sah man das Blut durchdringen. Sie schubsten und stießen ihn, und schließlich traten sie ihn in einen Wagen hinein. Ich sah ihn nie wieder. Von diesem Moment an wusste ich: Nichts wird je wieder so werden, wie es einmal war.

War München als „Hauptstadt der Bewegung“ anti­semitischer als andere Städte Deutschlands?

Knobloch: Fest steht: In München wurden entscheidende Weichen für den Aufstieg des Nationalsozialismus gestellt. Es war ein Sammelbecken für reaktionäre Kräfte. Die Nazis zerstörten das liberale Klima der 20er-Jahre. Die antisemitische Hetze wurde bereitwillig verbreitet und fiel auf sehr fruchtbaren Boden. Die Saat ging rasant und in mörderischer Weise auf. Besonders bereitwillig, schnell und vor den meisten anderen Städten war man dabei, die Rassengesetze und die entrechtenden legislatorischen Akte der sogenannten Judenpolitik in die Tat umzusetzen. Vor den Toren der Stadt entstand in Dachau das erste Konzentrationslager. Der 9. November 1938 markierte dann den Wendepunkt in Richtung Vernichtung, und auch dieser Zielvorgabe wurde nicht entscheidend widersprochen.

Wie groß ist die Gefahr, dass die ritualisierte Erinnerung die Masse der Deutschen überhaupt nicht mehr interessiert?

Knobloch: Diese Gefahr ist enorm groß. Vor allem die jungen Menschen – und auf die kommt es ja entscheidend an – erreicht man mit Gedenk­ritualen nicht. Ganz im Gegenteil. Man muss immer erklären, was die Geschichte mit unserem Hier und Heute zu tun hat. Eine kluge Erinnerungskultur – und nur das brauchen wir – verharrt nicht in der Vergangenheit. Gedenken muss die Brücke in die Gegenwart schlagen. Die Geschichte lehrt: Freiheit und Demokratie sind zerbrechlich. „Nie wieder!“ lautet die Verantwortung und die Verpflichtung der nachfolgenden Generationen. Sie müssen für sich die Entscheidung treffen, für unser Land und das friedliche und respektvolle Miteinander in unserer Gesellschaft einzutreten und unsere Werte gegen antidemokratische Tendenzen – und die gibt es – zu verteidigen.

Interview: Klaus Rimpel

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