WM-Teilnehmer lernte Langlaufen erst 2012

Jayjay und sein Wintermärchen

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Der Berg ruft: Gervacio Madja aus Togo, genannt Jayjay, trainiert an einem Hügel auf der Moni-Alm bei Rottach-Egern. Bald wird der Wahl-Münchner bei der Langlauf-WM starten.

München - Gervacio Madja (25) aus Togo, genannt Jayjay, wird in einem Monat bei der nordischen Ski-WM als Langläufer starten, als erster Togolese überhaupt. Nur: Der Afrikaner, der in München lebt, stand noch nie in seinem Leben auf Skiern – bis vor kurzem.

Der Traum von Olympia beginnt mitten in der Nacht, im Schlafzimmer von Gervacio „Jayjay“ Madja. Sein Handy vibriert. Jayjay, 25, geboren in Togo, lebt seit zehn Jahren in München. Und jetzt leuchtet auf dem Display eine Nachricht auf, von seinem bayerischen Kumpel Toni. Da steht: „Jay 2014 Sotschi für TOGO. Olé Olé.“ Sonst nichts. Jayjay denkt: Der hat zu viel Bier getrunken. Er hat keine Ahnung, was das bedeuten soll. Jayjay legt das Handy weg, dreht sich wieder um, und schläft weiter.

Drei Wochen ist das jetzt her. Drei Wochen, 4,5 Kilo Körpergewicht und zwölf Trainingseinheiten. Jayjay (sprich: „Dschäi-Dschäi“) weiß längst, was Toni mit „Sotschi“ meinte. Keine Kneipenbekanntschaft, sondern die Winterspiele 2014. Und dass Jayjay daran teilnehmen werde, als Langläufer. Der Haken: Bis zu jener Nacht war Jayjay noch nie auf Skiern gestanden. Er war nicht einmal in ihre Nähe gekommen. Und das war nicht das größte Problem: Bereits in vier Wochen soll er bei der nordischen Ski-Weltmeisterschaft starten. Über 50 Kilometer, die Königsdisziplin. Für das „Team Togo“, die erste togolesische Wintersport-Nationalmannschaft, die genau genommen nur aus ihm besteht. Jayjay hat sich einiges vorgenommen.

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Dem Erfolg auf der Spur: Jayjay Madja mit seiner Trainerin Barbara Hesch aus Dietramszell auf der Moni-Alm.

Seit drei Wochen trainiert er wie besessen. Auch an diesem Sonntagvormittag auf der Moni-Alm bei Rottach-Egern im Kreis Miesbach. Jayjay kämpft sich eine kleine Anhöhe hoch, ein wenig wacklig zwar, aber zielstrebig. Die Zeit drängt. Jayjay steht auf Langlaufskiern, er trägt einen dunkelblauen Rennanzug, die Sonne scheint. „In vier Wochen starte ich“, keucht Jayjay in die Kälte und grinst. Im italienischen Val di Fiemme. Wo sich die besten Langläufer der Welt messen. Menschen, die praktisch auf Skiern geboren wurden. Jayjay arbeitet eigentlich im Büro, entwickelt Software für Krankenhäuser. Seine weiteste Distanz auf Skiern bisher: gute zwei Kilometer.

Es ist ein vogelwildes Projekt. Aberwitzig. Und schuld daran ist der Toni. Er war es, der neulich nachts die SMS geschrieben hat. Jetzt sitzt Toni Hiltmair, 29, schicker, dunkler Anzug, keine Krawatte, in einem Café in München-Schwabing. Er ist inzwischen so etwas wie Jayjays Manager. Immer wieder läutet sein Handy. „Ja, um den Briefkopf kümmere ich mich, nein, nein, macht nichts, das kriegen wir schon hin. Ja, passt. Servus.“ Ein Radiointerview steht an, aber es ist kein seriöses Briefpapier da. Eine Kleinigkeit, nach all den Dingen, die der Münchner bislang schon organisiert hat.

Daumen hoch: Jayjays Manager Toni Hiltmair.

Das Ganze begann mit einem Zeitungsartikel von 2011. Darin las er, dass der erste togolesische Ski- und Eissportverband hochoffiziell gegründet worden war: die „Fédération Togolaise des Sports de Glisse et de Ski“. In der togolesischen Hauptstadt Lomé. Auch wenn es in Togo noch nie Schnee gab, wahrscheinlich nie geben wird und der höchste Berg eher ein Hügel ist: Mont Agou, 986 Meter. Mit in Lomé waren drei junge Männer aus Wiesbaden, die sich in den Kopf gesetzt hatten, gemeinsam mit ihren Freunden aus Togo bei den Olympischen Winterspielen 2014 im russischen Sotschi zu starten. Im Skicross. Hiltmair war hin und weg. Er nahm über Facebook Kontakt zu ihnen auf. Ja, logisch könne man noch mitmachen, antworteten die Hessen. Man traf sich schon am nächsten Tag, einer der Wiesbadener schreibt zufällig in München seine Doktorarbeit.

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„Team Togo“: einige afrikanische Sportfunktionäre, ihre Wiesbadener Sportsfreunde und eine Königliche Hoheit (M.) 2011 in der togolesischen Hauptstadt Lomé.

Anfangs rissen sich die Medien um das Exoten-Team. Doch irgendwann ebbte das Interesse ab. Hiltmair, der in München als Immobilienmakler arbeitet, wollte aber noch mehr. Also musste eine neue Idee her. Die Weltmeisterschaft. Und ein Togolese, der dort startet. Hiltmair kennt Gervacio Madja vom Fußballspielen beim TSV Grasbrunn, wo ihn alle nur Jayjay nennen. Nach dem Dribbelkönig Jay-Jay Okocha aus Nigeria. Er sandte also Jayjay besagte Nachricht – und die verrückte Geschichte nahm ihren Lauf.

Madja bekam eine Langlaufausrüstung, dazu zwei Trainerinnen und obendrauf einen persönlichen Fitnesstrainer. Vieles davon geht nur, weil das Team in Wiesbaden bereits einen Sponsoren-Vertrag mit einem großen Wintersportausrüster hat. Eine der Trainerinnen ist Barbara Häsch aus Dietramszell, die zig Preise im Amateur-Langlaufen gewonnen hat. Seit drei Wochen bringt sie Jayjay Langlaufen bei. Ohne Bezahlung. „Aber nur bis zur großen Ausschüttung, gell, Jayjay?“, flachst die Trainerin. Jayjay lacht. Die beiden verstehen sich.

Oben, auf der Moni-Alm, erklärt Barbara Häsch ihrem Schüler, wie er in Fahrt kommt. Sie gleitet ein paar Meter vor ihm in der Loipe. Wenn sie nicht zuhört, nennt Jayjay sie neckisch „die Schleiferin“. Dann stochert er mit seinen Stöcken im Schnee herum. Hin und wieder wird ihm alles ein bisschen viel. Er hätte nicht damit gerechnet, dass das so ein großes Ding wird. Interviews, jeden zweiten Tag Training, kein Fastfood mehr. Jayjay schaut hoch. „Aber eigentlich ist es schon ‘ne coole Sache.“ In ein paar Tagen fliegt er erst mal nach Togo. Trifft den Sportminister. Bei der WM wird er mit der Flagge einlaufen. Und erst die Schwedinnen bei der Weltmeisterschaft. Noch so ein Traum.

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Toni Hiltmair träumt auch, aber vor allem hat er viel zu organisieren. Die Genehmigung vom internationalen Skiverband FIS, die haben sie seit kurzem. In ihrer 90-jährigen Verbandsgeschichte hatte die FIS noch nie einen Starter wie Jayjay. Gut: Es gab Leute wie den Kenianer Philip Kimely Boit, der viermal bei Olympia mitlief. Oder den Äthiopier Zeimichael Robel Teklemariam, den Ski-Langläufer mit den Rastalocken. Aber noch nie einen, der bei der WM sein allererstes Rennen läuft. Auch vertrackt: die 25 Seiten Marketingrichtlinien, die regeln, auf welchem Finger der Handschuhe Werbung stehen darf – ganz wichtig. Hotelzimmer müssen gebucht werden, Autos besorgt, die Ausrüstung organisiert.

Hiltmair nimmt einen Schluck Apfelsaftschorle, er schaut auf seine Uhr. Seine Mittagspause ist bald vorbei. Die ganze Arbeit ist Privatsache. „Sportlich werden wir wohl nicht in den Kampf um Gold eingreifen“, sagt er und grinst. Ist ja auch egal. Es geht um die Gaudi.

Lageplan: Togo liegt weit weg – in Westafrika.

Die hat Jayjay auf der Moni-Alm gerade nur bedingt. Denn Barbara Häsch kommt zurück von ihrer Demonstrationsfahrt. Jetzt muss Jayjay anschieben. Er kämpft sich voran, in jedem Schwung steckt viel Kraft. Ein bisschen zu viel Kraft, um 50 Kilometer durchzuhalten. Häsch schreit ihm nach: „Immer schön von hinten nach vorne, ja, genau so.“ Häsch sagt, man kann Anfängern nicht immer nur erklären, was sie nicht können. Man müsse sie auch loben. Und: Normalerweise brauche ein Langläufer vier bis fünf Jahre Erfahrung, um bei einem Wettbewerb eine realistische Chance zu haben. Das weiß auch Jayjay. Er sagt: „Mein Ziel ist, nicht überrundet zu werden.“ Vielleicht könne er auch noch ein paar andere Exoten schlagen. Indien zum Beispiel schickt auch einen Mann ins Rennen. Und Kamerun.

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Jayjay hat Ehrgeiz, sagt Häsch. Früher war er mal auf dem Weg in den Profi-Fußball. Er kam mit 16 alleine nach Deutschland, spielte in der Jugendmannschaft der Spielvereinigung Unterhaching. Das sollte sein Sprungbrett in die Bundesliga werden. Dann rissen nacheinander seine beiden Achillessehnen. Das Aus für Jayjay als Fußballprofi. Er kämpfte weiter, machte seinen Quali, dann seine mittlere Reife. Später studierte er Informatik. Eine schöne Geschichte, die in ein paar Wochen vielleicht noch schöner wird, wer weiß.

Es gab da mal diesen Film, „Cool Runnings“ hieß er, es ging um den jamaikanischen Bob-Vierer, der 1988 bei den Olympischen Spielen in Calgary startete. Im Wettbewerb spielte das Quartett keine große Rolle. Aber in Jamaika wurden sie Volkshelden. Jayjay wird demnächst im togolesischen Staatsfernsehen auftreten: Sie wollen ihn der ganzen Nation vorstellen. Damit sie auch in Togo von Olympia träumen können.

Von Patrick Wehner

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