Jetzt wird der ­KZ-Scherge ein Münchner

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Zeigte sich nach seiner Haftentlassung erstmals ohne Kappe und Sonnenbrille. John Demjanjuk wurde zu fünf Jahren verurteilt, kommt aber dennoch frei

München - Was für ein Hohn für die Angehörigen: Der Staat versüßt dem verurteilten KZ-Schergen John Demjanjuk seinen Lebensabend. Die Stadt muss eine Unterkunft für ihn finden. Demjanjuk wird Münchner!

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Was muss das für ein Schmerz sein für die Angehörigen: Der KZ-Wachmann John Demjanjuk (91) ist mitschuld am Mord an mindestens 28 060 Juden. Er half mit, ganze Generationen Mütter, Väter, Omas und Opas auszulöschen. So urteilte das Münchner Landgericht, dagegen hat Demjanjuk Revision angekündigt – und wurde vom gleichen Richter auf freien Fuß gesetzt, weil keine Fluchtgefahr bestehe. Ob er den Rest seiner Strafe von fünf Jahren jemals antritt, ist offen.

John Demjanjuk: Der Prozess in München

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Was muss das für ein Hohn sein für die Angehörigen der verstorbenen Juden: Diesem KZ-Schergen, Arbeiter in der deutschen Fabrik des Todes, im Vernichtungslager Sobibor der Nazis, diesem Mann versüßt der Staat nun seinen Lebensabend. Die Stadt muss eine Unterkunft für ihn finden. Der KZ-Scherge wird Münchner!

Den Fall Demjanjuk hat die Justizvollzugsanstalt Stadelheim dem Wohnungsamt angekündigt. „Wenn ein Mensch wohnungslos ist, ist die Stadt verpflichtet, ihn unterzubringen“, bestätigt ein Sprecher des Sozialreferats auf Anfrage der tz. „Das ist keine Sonderbehandlung.“

In solchen Fällen würden Plätze in Unterkünften, Pensionen und Heimen von Wohlfahrts-Organisationen abgefragt. Außerdem werde Demjanjuk auf seine Pflegebedürftigkeit untersucht – in diesem Fall würde er im Krankenhaus oder Pflegeheim unterkommen. Mehr noch: Zuletzt werde überprüft, ob Demjanjuk die Leistungen bezahlen könne. Wenn nicht, müsse die Stadt die Kosten tragen – und im Zweifelsfall noch die Grundsicherung drauflegen.

Diese Sozialhilfe liegt derzeit bei 384 Euro im Monat. So will es der Rechtsstaat, so will es der Wohlfahrtsstaat. „Wir können ja einen 91-jährigen Mann nicht auf die Straße schieben und sagen: Servus“, erklärt der stellvertretende Leiter des Gefängnisses Stadelheim, Jochen Menzel. Demjanjuk wird also in München unterkommen.

Bis über die Revision entschieden ist, werden ein Jahr, eher zwei Jahre vergehen. Und danach ist es mehr als unwahrscheinlich, dass er in den Knast muss, selbst wenn er verurteilt wird: Seine lange Zeit in Untersuchungshaft und sein hohes Alter sind gute Gründe für eine Haftverschonung. Und das, obwohl Demjanjuk bereits einmal zum Tode verurteilt worden ist.

1986 wurde er, nach dem er nach dem Krieg von Deutschland in die USA emigrierte, nach Israel ausgeliefert und vor Gericht gestellt. Im Berufungsverfahren wurde das Urteil aufgehoben, weil er mit einem anderen Kriegsverbrecher verwechselt worden war. Er kehrte in die USA zurück, wurde aber im Mai 2009 erneut ausgeliefert. Diesmal nach Deutschland. Das Gericht befand: Demjanjuk ist schuldig, aber trotzdem ein freier Mann.

David Costanzo

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