Joachim Gauck in München geehrt

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Joachim Gauck (70), der langjährige Leiter der später nach ihm benannten Stasi-Unterlagen-Behörde

München - Joachim Gauck hat am Montag in der Aula der Ludwig-Maximilians-Universität den renommierten Geschwister-Scholl-Preis für seine Autobiografie entgegengenommen.

Bestimmt denkt Joachim Gauck mit gemischten Gefühlen an seinen Besuch in München vor gut einem halben Jahr zurück: Nachdem sich der 70-Jährige im Landtag der SPD und den Grünen als Kandidat für das Bundespräsidentenamt vorgestellt hatte, wurde seine Limousine auf der Fahrt zum Flughafen auf der Unsöldstraße im Lehel in einen schweren Unfall verwickelt. Der junge Radler, der aus der Reihe parkender Fahrzeuge auf die Straße geschossen war, erlitt schwere Verletzungen. Gauck war entsetzt, verschob seine Abreise und erkundigte sich nach dem Zustand des 28-Jährigen. Der Grund für seinen Aufenthalt am Montag war uneingeschränkt positiv: Gauck nahm in der Aula der Ludwig-Maximilians-Universität den renommierten Geschwister-Scholl-Preis für seine Autobiografie "Winter im Sommer – Frühling im Herbst" entgegen.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Landeshauptstadt München vergeben den mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung Geschwister-Scholl-Preis 2010 heuer zum 31. Mal. Gauck sei wichtiger Protagonist im Prozess der Wiedervereinigung. Der Theologe werde wie wenige andere über seine Opposition zur DDR-Führung und die Aufarbeitung des DDR-Unrechts identifiziert.

„Mit seiner klaren Haltung in Leben und Werk ragt Joachim Gauck aus dem politischen und gesellschaftlichen Mainstream heraus und handelt im Sinne des Preises“, ist in der Begründung der Jury zu lesen. 20 Jahre nach der Wiedervereinigung sind die Debatten darüber, ob die DDR nun ein Unrechtsstaat gewesen sei oder nicht, noch voll im Gang. „Joachim Gauck zeigt in seinem Buch, dass für ihn die Antwort ganz einfach ist: Die DDR-Führung nahm ihren Bürgern die Freiheit und das war unrecht. Die Freiheit ist ein hohes Gut, die engste Verwandte der Menschenwürde.“ Er sei in das „magnetische Feld“ der Freiheit geraten, in die Sehnsucht nach ihr. „Dies ist der Geist, der geeignet ist, dem Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben, und in dem auch die Geschwister Scholl gehandelt haben,“ meint die Jury des Geschwister-Scholl-Preises.

Über zwei Amtsperioden war der ehemalige Rostocker Pfarrer Sonderbeauftragter für der Bundesregierung für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes“, die Stasi-Behörde also, die auch heute noch „Gauck-Behörde“ genannt wird. Im Oktober 2000 wehrte er sich immer wieder hartnäckig gegen eine Schließung der Akten. Die hohe Wertschätzung, die der brillante Redner genießt, zeigt sich auch in seiner von vielen Seiten begrüßten Aufstellung als Kandidat fürs Bundespräsidentenamt.

Zu den bisherigen Preisträgern des Geschwister-Scholl-Preises zählen der italienische Schriftsteller Roberto Saviano, der israelische Autor David Grossman und die ermordete russische Journalistin Anna Politkovskaja.

tz

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