Zeitzeuge erinnert sich

Josef Reiserer im Krieg: Sein Vater versteckte ihn im Haus

Josef Reiserer vor einer Ruine nahe des Ostbahnhofs.

München - Vor 70 Jahren endete der 2. Weltkrieg. Auch in München war der Nazi-Schrecken endlich vorbei. In der tz erinnern sich Zeitzeugen an die damaligen Geschehnisse.

Je öfter alliierte Bomber ihre tödliche Last abwarfen, je näher die Front rückte, desto früher erreichte der Arm der Nazi-Rekruteure die Jugend. Ab 1943 kamen 15- bis 17-Jährige an den Flugabwehrkanonen der Städte als „Luftwaffenhelfer“ zum Einsatz – insgesamt rund 200 000.

Gegen Kriegsende wurden viele von ihnen in Einsätze gegen Bodentruppen verwickelt. Der spätere Papst Benedikt XVI. war mit 16 Jahren ab 2. August 1943 in einer Flakbatterie in Unterföhring im Einsatz, dann in Allach zum Schutz der BMW-Fabrik, später in Gilching, wo er in der Telefonvermittlung 1944 einen Angriff auf die Stellung überlebte. Wie viele Flakhelfer starben, wurde nicht erfasst. Am 18. Oktober 1944 wurde der „Volkssturm“ proklamiert. Alle „waffenfähigen Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren“ mussten an die Front, um den „Heimatboden“ zu verteidigen. Der Volkssturm wurde nur notdürftig ausgerüstet und ausgebildet. Auch hier ist die Zahl der Toten unbekannt. Es wird angenommen, dass von den 175 000 Vermissten die meisten tot sind. Auch heute erinnern sich wieder Zeitzeugen in der tz:

Mein Papa hat mich versteckt

Gerade 16 Jahre alt ist Josef Reiserer (heute 86), als er zur Musterung ins Wehramt nach Gröbenzell muss und einen Wehrpass bekommt – sowie einen Bescheid, dass er der „Ersatzreserve 1“ zugewiesen wird und jederzeit einen Stellungsbefehl erhalten kann. Ihn schreckt das nicht: „Mein Gott, wir waren ja noch so jung und wurden in der Schule von den Nazi-Lehrern indoktriniert.“

Bevor er zur Hitlerjugend musste, war er Ministrant.

Dabei war Reiserer als Bub Ministrant, alles andere als ein Nazi-Amt. Da die Schule an der Versaillesstraße (heute Einsteinstraße) zum Lazarett umfunktioniert wird, geht Reiserer in die Schule an der Flurstraße. Er erinnert sich an jene Zeit: „Wir mussten alle in die Hitlerjugend und wurden einmal zum Prinzregentenplatz geschickt, um Hitler zuzuwinken.“ Der „Führer“ weilte gerade in seiner dortigen Wohnung. „Wir mussten rufen: ,Lieber Führer, sei so nett und zeig’ dich mal am Fensterbrett.“ Im Frühjahr 1945 bekommt Reiserer den Stellungsbefehl: Er soll sich bei der Wehrmacht melden. „Es war wenige Tage, bevor die Amis einrückten.“

Heute lebt Josef Reiserer als Rentner in Untergiesing.

Dabei hat man im Elternhaus in der Burggrafenstraße am Ostbahnhof längst alle Illusionen verloren. „Das Dach war nach einem Bombentreffer abgebrannt. Ich schlief in der Küche und horchte am Volksempfänger heimlich den Feindfunk ab.“ So nennt man die britische BBC. Für Reiserers Vater, der Postbeamter ist und nebenbei mit Käse handelt, kommt es nicht infrage, dass der Bub an die Front geschickt wird: „Da gehst du mir nimmer hi’, der Kriag is eh’ bald gar.“ Also wird der Josef im Haus versteckt. „Ich durfte mich nicht mehr auf der Straße blicken lassen.“

Dass das brenzlig ist, ist Vater und Sohn bewusst. „Wenn wir aufgeflogen wären, hätten die uns wegen Fahnenflucht erschossen.“ Als die Amerikaner endlich da sind, bleiben die Reiserers erst mal skeptisch: „Die hielten erst einmal jeden Deutschen für einen Nazi. Egal ob man nun einer war oder nicht. Doch wir waren froh, dass bei uns nicht die Russen einmarschiert sind …“

Heute vor 70 Jahren

München: Es ist ein regnerischer Tag in München, nachts hat es auf acht Grad abgekühlt, am Tag klettert das Thermometer nur auf 16 Grad, nachdem es die Woche zuvor schon 20 Grad warm gewesen ist. Es gibt wieder einen Großangriff mit amerikanischen Bombern: 111 Flugzeuge der 8. US-Luftflotte starten in Italien. Zwischen 10.16 und 11.05 Uhr gehen 1400 Sprengbomben und 15 000 Stabbrandbomben auf die Stadt nieder. Die schreckliche Bilanz: 106 Tote, 100 Verwundete, 1150 Obdachlose. 59 Gebäude werden völlig zerstört, 116 schwer beschädigt.

Bayern:Auch auf Rosenheim fallen Bomben, das letzte Mal in der Stadt. Im Stadtgebiet von Ingolstadt fordert ein US-Fliegerangriff 104 Menschenleben, im benachbarten Ringsee/Kothau werden 41 Todesopfer verzeichnet. Die Stadt an der Donau verliert 123 Wohnhäuser. 131 Gebäude weisen schwerste Spreng- und Brandbombenschäden auf. 2000 Menschen werden obdachlos.

Welt: Bei Delmenhorst nahe Bremen toben schwere Kämpfe. Nach drei Wochen kapitulieren die letzten im Ruhrkessel eingeschlossenen deutschen Verbände.

Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hält seine letzte Pressekonferenz im halbzerstörten Propagandaministerium ab. Er ergießt sich in wilden Hasstiraden gegen das deutsche Offizierskorps. Wenn die Nationalsozialisten zum Abtreten gezwungen würden, werde die Welt wie unter einem Donnerschlag erbeben.

Die erste sowjetische Einheit (5. Stoßarmee) überschreitet die Stadtgrenze im Nordosten Berlins bei Marzahn. Im gesamten Stadtgebiet ist die Licht-, Gas- und Wasserversorgung ausgefallen. Menschen werden von Artilleriegranaten zerfetzt.

Unterdessen ergreifen in Berlin viele Nazi-Bonzen die Flucht vor den sowjetischen Truppen. Die Marschabteilungen der Reichsführer, Reichsminister und Feldmarschälle setzen sich nach Norden und Süden ab, im Tross die der Verwaltung von Partei und Staat.

Die norditalienische Stadt Bologna wird von US-amerikanischen Truppen eingenommen.

Johannes Welte

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