Auto fährt in Menschenmenge in Helsinki: Ein Toter

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Das neue Buch des legendären Ermittlers

Wilfling-Serie: Mord im Kloster

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Großes Polizeiaufgebot in der Abtei. Im Hof ist ein schlimmes Verbrechen geschehen

München - Die tz präsentiert exklusiv Passagen aus dem neuen Buch des legendären Mordermittlers Josef Wilfling und zeigt Fotos und Originalschauplätze. Lesen Sie hier Auszüge aus dem Kapitel Mord im Kloster.

Polizisten suchen nach der Tatwaffe. 

Jeder Mord fordert so viele ­Opfer. Denn die Angehörigen und Freunde der Toten wie die Familien der Täter leiden. Sie alle stehen im Mittelpunkt des dritten Bestsellers von Josef Wilfling (68): ­Verderben – Die Macht der ­Mörder (Heyne-Verlag, 320 Seiten, 19,99 Euro). Und wieder gewährt der Ex-Chef der Münchner Mordkommission zuweilen schockierende Einblicke in Münchner Mordfälle und auch in seine eigene aufgewühlte Seele. Orts- und Namensangaben sind im Buch verändert. Die tz druckt exklusiv ­Passagen aus dem neuen Buch des legendä­ren Mordermittlers und zeigt Fotos und Originalschauplätze. Lesen Sie heute Auszüge aus dem Kapitel Mord im Kloster. 

Mord im Kloster

Die junge Frau, die durch den Klosterhof in Richtung Rückgebäude ging, war spät dran. (...) Mit schnellen Schritten ging sie vorbei an den bogenförmigen Mauernischen, die rechter Hand entlang des Kirchengebäudes angeordnet waren. (...) Ideale Schlafplätze für Obdachlose, weil sie Schutz vor Wind und Niederschlägen boten. (...) Bei dem Bächlein, das sich langsam fließend aus der Nische heraus den Weg zu einem Gully bahnte (...), handelte es sich um eine rötliche Flüssigkeit. (...) „Rotwein“, vermutete sie. (...) Nur langsam registrierte sie, dass es Blut sein musste, das aus dieser Nische herausgeronnen war. Sie schlug die Hand vor den Mund, um einen Aufschrei zu unterdrücken, und rief laut: „O Gott, das ist doch Blut!“ (...)

Natürlich hatte sich auch der Notarzt davon überzeugt, dass hier „nichts mehr zu machen war“. Das zu erkennen dürfte für ihn nicht besonders schwierig gewesen sein, weil nämlich der Kopf des Mannes nahezu vollständig vom Rumpf abgetrennt war. (...)

Die Obdachlosen erzählten (...), dass sich im Bereich des Klosters eine straff organisierte Penner-Clique angesiedelt hatte, die sich vorwiegend aus „Stammpersonal“ zusammensetzte. (...) Anführer dieser circa 15 Mann starken Truppe war der 56-jährige Willi Gerold. (...) Ein Fremder habe in der gestrigen Nacht in der Nische des Chefs gelegen, berichteten einige der Zeugen. (...) Weitere Übereinstimmungen ergaben sich im Hinblick auf die Beschreibung. Wie der „Typ mit dem Bart, dem vollbepackten Fahrrad und seinen Viechern“ in den Klosterhof gelangt ist, hat niemand gesehen. Er konnte sich also ungestört ausgerechnet in der Nische von Willi Gerold breitmachen. Samt seinem riesigen Hund und seiner weißen, „komisch“ aussehenden Katze. Als Willi Gerold später die Inbesitznahme seines Schlafplatzes bemerkt hatte, sei es zum Kampf gekommen. (...)

Der Streit endete unblutig. Die Männer wichen zurück, und der Fremde setzte nicht nach. Möglicherweise aus Angst um seine Katze, der wohl seine ganze Sorge galt. (...) Eine heiße Spur also.

Dass dieser eigenartige Fremde mit dem Bart eines Gurus, einem australischen Hund und einer schneeweißen Katze selbst in einer Millionenmetropole wie München zu finden sein dürfte, war keine Frage. Und so kam es auch. (...) Die Kollegen des Schwabinger Reviers berichteten, er würde sporadisch im Englischen Garten nächtigen, und der Innenstadtinspektion war der Mann als „Guru vom Marienplatz“ bekannt. (...) Auf Frauen schien er eine gewisse Anziehungskraft auszuüben. (...) Es war gerade 15 Uhr, als Zivilfahnder aus Schwabing mitteilten, sie hätten den Mann gefunden. Er habe sein Fahrrad auf der Ludwigstraße stadteinwärts geschoben, habe seinen Hund bei sich, aber die weiße Katze fehle. Der Mann weine und sage immer wieder: „My Beauty, my poor little cat.“ (...)

Matthew Adamson lautete sein Name. Kanadischer Staatsangehöriger, in der Nähe von Quebec geboren und aufgewachsen. Mehr wussten wir nicht über ihn. (...) Der hochgewachsene Mann mit seiner drahtigen, aber athletischen Figur und dem ernsten Gesichtsausdruck strahlte nichts Entspanntes, Fröhliches aus und schien eine Mischung aus Waldläufer und Guru zu sein. (...) Er wich meinen Blicken nicht aus, sondern schaute mir direkt in die Augen. (...) Insgesamt also ein Mann, der selbstbewusst und furchtlos wirkte. (...) Deshalb passten auch die rot geweinten Augen so gar nicht zu diesem scheinbar harten, wettererprobten Naturburschen. (...) Das war der Beginn des Puzzles. Es hatte nämlich mit seiner Katze zu tun, die tot war und sich in der Veterinärklinik am Englischen Garten befand, von wo er gerade gekommen war, als ihn die Polizei anhielt. (...)

Ja, er habe seine Katze den ganzen Tag gesucht, räumte er ein. Aber am Klosterhof sei er nicht gewesen, behauptete er hartnäckig. (...) Zum ersten Mal wurde er nervös. Er reagierte ungehalten, abweisend und aggressiv. Und er log. (...)

„Mord im Klosterhof“ titelten die Münchner Tageszeitungen und veröffentlichten einen Aufruf, wonach wir nach Zeugen suchten, die Matthew Adamson mit seiner Katze und dem Hund gesehen hatten. (...) Es kam eine Flut von Hinweisen. (...) Vor allem von Frauen. Und einige von denen marschierten schließlich sogar in meinem Büro auf. Allen voran die geschiedene Frau eines sehr bekannten Schauspielers, dessen Namen ich natürlich nicht erwähne. (...) Er sei auch ganz sicher kein Mörder, sondern ein feinsinniger Naturfreund und Philosoph mit bewundernswerter Bescheidenheit. (...)

Inzwischen wussten wir, dass er in Kanada tatsächlich lange Zeit in den Wäldern gelebt hatte. Mehr Informationen erhielten wir nicht. (...) Als junger Erwachsener sei er Mitglied einer Gruppierung von Leuten gewesen, die dem Rechtsradikalismus nahestanden. (...) Was würden da die Damen sagen? Sie würden es einfach nicht glauben, vermutete ich. (...) Adamson war von oben bis unten tätowiert, er glich einer Litfaßsäule. (...) Es waren Hakenkreuze, SS-Runen und rechtsradikale Sprüche, die davon zeugten, welche wahre Gesinnung dieser Mann hatte. (...)

Mich hielt er offensichtlich für einen hinterlistigen, gefährlichen Schergen, mit dem er nicht mehr sprechen wolle. Also drehte er sich um und schaute nur noch in die Ecke. Daraufhin wechselte ich das Thema, und das Wunder geschah. Ich hätte seinen Hund gestreichelt, erzählte ich ihm. (...) Jetzt drehte sich Adamson plötzlich wieder um, schaute mich an und lächelte sogar leicht. (...) Dem Ado ginge es sehr gut, erzählte ich ihm. Und sollte er verurteilt werden, würde ich dabei helfen, dass Ado in gute Hände komme. (...) Das Eis war gebrochen. (...) Wir verabschiedeten uns mit Handschlag, und ich rechnete damit, dass wir uns wiedersehen würden. War ich doch der festen Überzeugung, dass er noch gestehen würde. (...)

Also wurde er angeklagt, Willi Gerold getötet zu haben, weil er ihn fälschlicherweise für den Tod seiner Katze verantwortlich gemacht hat. (...) Noch nie vorher und auch danach bin ich in einer Gerichtsverhandlung so niedergebügelt worden. (...). Die gesamte Anklage war in sich zusammengebrochen, alle weiteren Indizien wurden gar nicht mehr erörtert. (...) Eine Stunde später verkündete das Schwurgericht das Urteil: Freispruch. (...)

Nach der Urteilsverkündung stürmten die Damen nach vorne und umarmten den Waldläufer. Freudentänze führten sie auf, und Adamson konnte mit seinem Anwalt als freier Mann den Gerichtssaal verlassen (...) und verschwand aus der Stadt. Wohin, brachten wir nie in Erfahrung. Vier Wochen später fanden Arbeiter der Stadtgärtnerei bei Erdarbeiten im nahe gelegenen Alten Botanischen Garten das entscheidende Beweismittel. Beim Zusammenrechen von Laub legten sie ein großes Kampfmesser frei, das dort oberflächlich vergraben worden war. (...) An der Messerklinge fanden sich DNA-Spuren des Waldläufers und des Tatopfers. (...) Dass er ein Profi in Sachen „lautloser, schneller Tötung“ war, daran gab es keine Zweifel.

Der wahre Fall

Steve T. wurde freigesprochen.

Eine weiße Siamkatze namens Puma war im Sommer 1999 der Auslöser für ein Morddrama, dessen Auswirkungen Josef Wilfling zuweilen am Verstand der Menschen – speziell gewisser Damen der Gesellschaft – zweifeln ließen. Die Katze und noch dazu ein Hütehund gehörten dem Weltenbummler Steve T. (50, Name geändert). Ein bettelnder Asket aus Kanada, der nur von Tomaten und Wasser lebte und im Englischen Garten spirituelle Lesungen hielt. Für gewöhnliche Bettler und Alkoholiker hatte er nur Verachtung übrig. Die Damen der Gesellschaft hingen an seinen Lippen. 

Die Abtei St. Bonifaz.

An einem Gewittersabend suchte Steve T. wegen seiner Tiere Schutz im Klosterhof von St. Bonifaz in der Karlstraße (Maxvorstadt). Er wurde von anderen Obdachlosen verjagt und kehrte zurück in den Englischen Garten. In dieser Nacht verschwand Puma. Von Hunden zerrissen wurde die Katze später gefunden. T. war untröstlich. Ihm wurde vorgeworfen, am 25. August 1999 im Klosterhof dem schlafenden Obdachlosen Thomas S. (35) aus Rache mit einem Rambomesser fast enthauptet haben. Mangels Beweisen wurde der Kanadier freigesprochen und nie mehr gesehen. Wochen später fanden Gärtner im Englischen Garten ein halb vergrabenes Rambomesser. Daran haftete das Blut des Opfers. Und die DNA des Kanadiers.

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