Große Jugend-Studie

Generation Sorgenkind? So denkt das junge München

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Was treibt die Jugend in München um? Wir haben nachgefragt.

Was finden Jugendliche in München gut, wo drückt sie der Schuh? Die zweite Münchner Jugendbefragung zeigt, dass junge Menschen immense Probleme haben: Die teure Stadt setzt sie einem enormen Druck aus – der anscheinend auch Vorurteilen Vorschub leistet.

München - 4000 Münchner zwischen 15 und 21 Jahren hat Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) im Februar 2016 angeschrieben und eingeladen, bei der Befragung des Aktionsbündnisses „Wir sind die Zukunft“ und des Jugendamts mitzumachen. Die Ergebnisse werden in der kommenden Woche dem Stadtrat präsentiert. Hier gibt es die wichtigsten Aussagen schon vorab:

Insgesamt haben 1350 Jugendliche an der Befragung mitgewirkt, die keine wissenschaftliche Studie sein soll, sondern eine Möglichkeit zur Mitsprache. Altersgruppen waren dabei gleichmäßig verteilt und die Zahl der weiblichen und männlichen Teilnehmer ausgewogen. Fast 70 Prozent der Befragten hatten bereits einen Schulabschluss. Von den restlichen besuchten 64,3 Prozent ein Gymnasium.

Finanzielle Sorgen

Große Probleme haben viele Jugendliche wegen hoher Preise für Mobilität, Miete und das Leben an sich. 97,3 Prozent der Befragten halten den knappen Wohnraum und die überteuerten Mietpreise für die drängendsten Probleme der Stadt. Das geht so weit, dass sich einige schon bei der Berufswahl mit Blick auf eine Familiengründung sorgen, ob sie ihr Leben noch finanzieren können. „Erst hatte ich vor, Erzieher zu werden“, schreibt ein Teilnehmer. „Diesen Traum kann ich mir abschminken, denn ich verdiene dann zu wenig, um mir eine Familie leisten zu können.“

74 Prozent sagen, dass die Lebenshaltungskosten zu hoch sind, die MVV-Preise finden 91,2 Prozent überteuert und die allgemeinen Eintrittspreise 74,1 Prozent. Anlass zu Sorge bereitet der hohe Anteil von Jugendlichen, die offenbar ihre Eltern oder Geschwister finanziell unterstützen müssen: 10,2 Prozent sagen das – mehr als 130 Teilnehmer.

Fehlende Sicherheit

Zwar schätzen die Münchner Jugendlichen die Sicherheitslage durchaus positiv ein – 79,6 Prozent gaben an, dass sie sich in München sicher fühlen. In 130 Kommentaren zeigt sich aber eine gefühlte Unsicherheit. Vor allem die U-Bahnen und den Hauptbahnhof und seinen Vorplatz, wo sich Drogenkonsumenten und Bettler aufhalten, nennen viele.

51,8 Prozent der Mädchen geben an, dass sie manche Orte nicht besuchen können, weil die Wege nicht sicher genug sind. Und: Sexuelle Belästigungen gehören für viele junge Frauen zum Alltag.

Dutzendfach fordern Jugendliche mehr Polizei in der Stadt. Gleichzeitig kritisieren aber 30 Prozent der Befragten Polizeikontrollen wegen unfreundlicher Beamter oder weil der Grund der Kontrolle nicht nachvollziehbar war.

Ressentiments

Flüchtlinge werden in der von vielen Jugendlichen als unsicher erlebten Situation als zusätzliche potenzielle Konkurrenz und „Gefahrenquelle“ erlebt, heißt es in der Auswertung der Jugendbefragung. Ressentiments sind weit verbreitet. „Es wird neben all den Asylanten die eigene Bevölkerung vergessen“, schreibt etwa ein Befragter. Zwei Drittel der 116 Kommentatoren zum Thema „Migration und Integration“ klagen über „zu viele Ausländer“ und mangelnde Integrationsbereitschaft, während ein Drittel auf schlechte Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Integration verweist. „Rassistische Äußerungen“, so die Macher der Studie, hätten die Befragten in mehr als 100 Antworten von sich gegeben. Dabei werden „die Ausländer“ als Verursacher von Problemen der Stadt, als Hauptproblem an sich oder als Anlass für persönliche Sorgen benannt: „Man kann sich wegen der vielen Asylanten nicht mehr heimisch bzw. sicher fühlen.“ Oder: „Für mich gibt es keinen bezahlbaren Wohnraum, und die bekommen alles.“ Dem stehen nur 19 Aussagen gegenüber, die besorgt sind wegen des Rechtsrucks und der zunehmenden Ausländerfeindlichkeit.

Mangel an Hilfe

46 Prozent der Befragten haben den Eindruck, dass ihre Interessen nicht ernst genommen werden. Viele Jugendliche wünschen sich mehr Unterstützung – von Schule (68 Prozent), Politik (60 Prozent) und Arbeitgebern (45 Prozent) sowie der Agentur für Arbeit (43 Prozent). Mit zunehmendem Alter erhoffen sich die Befragten zudem mehr Hilfe von Jugendamt und vom Sozialbürgerhaus. Ferner prangern die Befragten zu wenig Möglichkeiten zur Mitbestimmung an.

Wohin in der Freizeit

18,9 Prozent der Befragten fehlt es in München an Freizeitmöglichkeiten. Vieles sei zu teuer oder nicht gut genug gepflegt. Ein Großteil der Teilnehmer wünscht sich zudem eine bessere Beleuchtung von Spiel- und Freizeitstätten. Ferner gingen viele Angebote der Stadt an den Bedürfnissen der Teenager vorbei. Angebote, etwa in den Ferien, richteten sich vermehrt an Kinder oder Erwachsene. Ermäßigungen für junge Menschen an der Kino- oder Schwimmbadkasse werden ebenso gefordert wie längere Öffnungszeiten zum Shoppen und günstigere Preise an der Tankstelle.

Mehr Mobilität

Auch in diesem Bereich sehen die Jugendlichen Probleme, nicht nur bei den Preisen für den öffentlichen Nahverkehr. Sie kritisieren fehlende Nachtlinien und Querverbindungen sowie eine zu breite Taktung, vor allem in den Nachtstunden. Zudem wünschen sich viele Jugendliche einen Ausbau der Fahrradwege und die Eindämmung des hohen Verkehrsaufkommens.

Was gut ist

Dennoch mag Münchens Jugend die Stadt, in der sie lebt. 93,7 Prozent schätzen die guten Bildungsmöglichkeiten, 90,4 Prozent gute Berufschancen, 87,3 Prozent fühlen sich hier wohl, und 81,1 Prozent finden, dass es in München alles gibt, was sie brauchen: umfassende Freizeitangebote, Grünflächen und Parks, die Isar und die Nähe zu den Bergen und Seen. Geschätzt wird München auch wegen des öffentlichen Nahverkehrs, wegen der Wiesn und des guten Fußballs – sowie generell wegen der guten Atmosphäre und der Weltoffenheit.

Wir haben die Münchner Jugendlichen befragt: 

Moritz M. (19), Student aus München: Die hohen Mietpreise zwingen mich, die Stadt zu verlassen. In München könnte ich mir nicht einmal ein WG-Zimmer leisten. Das ist Wahnsinn! Und der MVV ist mittlerweile auch nicht mehr bezahlbar. Es kann doch nicht sein, dass ich mir ernsthaft überlegen muss, ob ich mir die acht Euro für die Fahrt in die Stadt noch leisten kann. 

Moritz M. 

Luisa K. (17), Auszubildende aus Ebersberg: Früher hat die Streifenkarte noch zehn Euro gekostet, mittlerweile sind es fast vier Euro mehr. Ich habe Glück, dass mich meine Eltern unterstützen, aber ich weiß, dass es viele Jugendliche gibt, die ohne Hilfe zurechtkommen müssen. Wenn ich höre, dass Flüchtlinge ihre Tickets bezahlt bekommen, dann finde ich das ungerecht.

Luisa K. 

Manuel P. (20), Security aus München: Bis ich ein bezahlbares Zimmer gefunden habe, wohne ich bei meinen Eltern – die haben leider nicht viel Geld. Aber ich helfe ihnen, so gut es geht – auch finanziell. Von meinem Gehalt als Security kann ich im Monat zwischen 100 und 150 Euro abdrücken. Und wenn ich doch mal knapp bei Kasse bin, dann versuchen meine Eltern, mir unter die Arme zu greifen. So funktioniert Familie.

Manuel P. 

Karolina M. (18), Studentin aus München: Wenn man auf eigenen Füßen stehen will, dann ist München definitiv der falsche Ort. Ich bin zum Studieren nach Hannover gezogen – da sind die Wohnungen noch einigermaßen bezahlbar. Ein weiteres Problem ist die Sicherheit. Ich weiß, dass sich viele Mädchen aus Angst vor dummen Sprüchen nachts nicht mehr raus oder in die Nähe des Hauptbahnhofs trauen.

Karolina M. 

Sasa K. (18), Angestellter aus München: Ich wünsche mir mehr Zentren, in denen man sich austauschen und Sorgen ansprechen kann. Da ich als Kind gemobbt wurde, weiß ich, wie es sich anfühlt, mit seinen Problemen alleingelassen zu werden. Kinder können sehr unmenschlich sein. Aber auch die Älteren geraten oft aneinander. Ich glaube, dass eine Anlaufstelle im Zentrum der Stadt sinnvoll wäre.

Sasa K.

Bozica K. (20), Angestellte aus München: Ohne ein „Uuhhh“ oder „Aahhh“ kann man als Mädchen heute gar nicht mehr durch den Hauptbahnhof laufen. Ich bin zwar erst vor einem Jahr nach München gezogen, weiß aber aus Erzählungen, dass man sich früher deutlich sicherer gefühlt hat. Meistens sind es die Ausländer, die einen anlabern – und ich weiß nicht, was die von einem wollen.

Bozica K. 

Bahaaldeen S. (18), Schüler aus München: Mehr Räume zum Lernen Das Einzige, was mir fehlt, sind Räume, in denen ich in Ruhe lernen kann. Ich bin vor eineinhalb Jahren aus Syrien nach München gekommen. Seitdem erhalte ich circa 300 Euro im Monat. Außerdem bekomme ich eine Wohnung und eine Fahrkarte. Anfeindungen erlebe ich nur selten - und wenn, dann lass ich die Leute einfach reden.

Bahaaldeen S. 

Maria N. (16), Schülerin aus München: Für meine Kosmetik-Ausbildung bin ich vor vier Monaten nach München gezogen. In meiner Klasse sind viele Ausländer – die sind echt okay! Aber die Türken, die vor der Schule rumlungern, machen mir Angst. Meistens wollen sie Geld. München ist teuer, keine Frage, aber das ist doch noch lange kein Grund, junge Mädels anzuquatschen.

Maria N. 

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