Die Klasse der Hoffnung

Jugendliche Flüchtlinge lernen für eine bessere Zukunft

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Die Schüler mit den Lehrerinnen Katharina Hauck (6. v. l.) und Monika Dinsel (9. v. l.).

München - Die meisten Jugendlichen einer Klasse im Euro-Trainings-Centre sind Flüchtlinge, die Unvorstellbares durchgemacht haben. Sie eint die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die tz erzählt ihre Schicksale.

Mittwoch, 9.40 Uhr. Gerade läuft die Stunde Soziales Kompetenztraining. Sozialpädagogin Katharina Hauck erklärt ihren Schülern, wie Konflikte entstehen. „Was ist ein weiteres Bedürfnis? Richtig: Vertrauen. Und wenn einer das nicht respektiert, kommt es zum Streit.“

36 Schüler aus 18 Nationen lernen in zwei Berufsintegrationsklassen im Euro-Trainings-Centre (ETC). 75 Prozent von ihnen sind Flüchtlinge, die ohne Eltern aus ihrem Heimatland geflohen sind – sie sind gerade mal zwischen 16 und 21 Jahren alt. Und haben zum Großteil Schreckliches erlebt: Vergewaltigungen, Folter, Kriege. „Viele Schüler sind traumatisiert und in Therapie“, sagt Projektleiter Knut Poburski. Manche nehmen starke Medikamente ein, um das Erlebte zu bewältigen – etwa, dass die Eltern vor den eigenen Augen erschossen wurden.

Die Hoffnung auf ein besseres Leben trieb sie nach Deutschland – doch ohne Bildung funktioniert das nicht. Im ETC werden die jungen Flüchtlinge und Asylanten deshalb acht Stunden pro Tag unterrichtet, bis sie den Mittelschulabschluss in der Tasche haben. „Unsere Schüler sind hoch motiviert. Sie wissen, dass das ihre einzige Chance ist.“

Projektleiter Knut Poburski.

Doch die Umstellung auf das Schulleben in Deutschland ist für viele der Jugendlichen nicht einfach. Sie müssen nicht nur das Erlebte im Heimatland und nach der Flucht bewältigen, sondern haben auch in Deutschland zu kämpfen: Viele leben beengt und ärmlich in Asylantenheimen, bangen um ihre Aufenthaltserlaubnis – viele halten sich nur geduldet oder gestattet auf. Manche waren noch nie in der Schule. Zwar haben alle einen Deutschkurs besucht, trotzdem hapert es oft an der Sprache. Deutsch ist an der Schule deshalb Pflicht – auch in der Pause. Poburski: „Die Sprache ist das Wichtigste , um auf dem Ausbildungsmarkt bestehen zu können.“

Auch für die Lehrer ist die Arbeit nicht immer einfach. „Die Geschichten gehen uns sehr nahe“, sagt Poburski. Etwa die eines 15-Jährigen, der mit seiner Familie über Libyen nach Lampedusa fliehen wollte – sein Boot kam an, das seiner Eltern nicht. Oder das Mädchen, das zwei Jahre von Taliban gefangen gehalten und täglich vergewaltigt wurde. „Wir sind für die Jugendlichen oft Familienersatz“, sagt Poburski. „Es gab schon Schüler, die zu mir Papa gesagt haben.“

Die Pädagogen helfen auch bei Bewerbungen und der Vorbereitung auf Vorstellungsgespräche. Einige Absolventen machen sogar ihr Abi und studieren. „Zu vielen haben wir noch Kontakt“, sagt Poburski. Und schmunzelt: „Obwohl sie längst mit der Ausbildung fertig sind und mehr verdienen als wir.“

Leben ist eine Reise

Jawed Rezai (19) hat die Schrecken des Krieges in Afghanistan miterlebt. Darüber zu sprechen, fällt ihm schwer. Von den Taliban verfolgt, durfte er nicht zur Schule gehen. „In meinem Heimatland hätte ich keine Chance gehabt“, sagt der Flüchtling.

Jawed Rezai (19) aus Afghanistan.

Mit 15 Jahren entschloss er sich, nach Deutschland abzuhauen – ganz alleine. „Ich wollte in Frieden leben und hatte gehört, dass das in Deutschland geht.“ Er überredet seinen Vater, ihm 3000 Euro für die Schlepper zu geben. Mit dem Taxi, Lkw, Boot und zu Fuß ist er wochenlang unterwegs, schafft es schließlich nach Europa. Immer dabei: Die Angst, aufzufliegen, nicht zu überleben. Jawed leidet unvorstellbaren Hunger, kann nicht schlafen „Ich wusste nie, wie es weitergeht – das war das Schlimmste.“ Noch immer hat er Angst vor Wasser und Dunkelheit. „Aber ich dachte mir immer: Jetzt hast du so lange gekämpft, jetzt bringt es nichts, wenn du stirbst.“

Seine kleine Schwester, der Bruder und die Eltern leben noch immer in Afghanistan. „Ich vermisse sie sehr. Aber ich muss mein eigenes Leben leben.“ Jawed lebt zurzeit in einer betreuten Wohngruppe, will eine Ausbildung als Verkäufer machen. Sein Traum: eine Familie in München zu gründen. „Das Leben ist eine Reise – ich lasse mich davon überraschen.“

Frei nach 7 Monaten

Sieben Monate hat seine Flucht nach Deutschland gedauert: Mahad Abdi Hersi (20) floh vor zwei Jahren vor dem Bürgerkrieg aus seinem Heimatland Somalia. Für seine Hoffnung, in einem anderen Land ein besseres Leben zu führen, kratzt er sein Geld zusammen, packt eine Tasche und bezahlt eine Schlepperbande.

Mahad Abdi Hersi (20).

Der lange Weg führt erst nach Äthiopien, dann durch Libyen nach Italien – von dort geht es mit dem Bus nach Deutschland. Monatelang ist Mahad unterwegs, arbeitet unter anderem in Äthiopien als Hilfsarbeiter, um die Flucht weiter zu finanzieren. Vor allem die Bootsüberfahrt von Libyen nach Italien hat sich in sein Gedächtnis gebrannt. Vier Tage sitzt er zusammengepfercht mit anderen Menschen auf dem kleinen Boot, hungert und friert – bei Sturm und Regen. „Fünf Menschen sind gestorben. Es war schrecklich.“ Eines hat Mahad auf der Flucht gelernt: Einen Schritt nach dem anderen zu machen. „Ich hatte nicht mal ein Ziel. Ich wusste, ich kann im Meer sterben – und denke erst weiter, wenn ich in Italien bin.“

Seine Mutter und zwei Schwestern sind noch immer in Somalia. „Ich weiß nicht, ob ich sie jemals wiedersehe.“ Mahad lebt jetzt in einem Münchner Asylantenheim. „Mein Mitbewohner ist oft betrunken, da kann ich mich kaum aufs Lernen konzentrieren.“ Dabei ist ihm Schule sehr wichtig: „Ich möchte gerne Elektriker werden.“

Zu Fuß nachts durch den Wald

Wochenlang war Amabou Diallo (21) zu Fuß unterwegs, floh Tausende Kilometer von Mali über die Türkei Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich bis nach Deutschland. „Bei uns herrscht Krieg, die Menschen werden verfolgt“, sagt Amabou. Seine Eltern starben beide an Krankheiten. Da entscheidet er: Ich bin so jung, ich möchte eine andere Zukunft.

Amabou Diallo (21).

Vor zwei Jahren verkauft Amabou die Schaf- und Kuhherde seines Vaters und finanziert sich so die Flucht. Seine Schwester (damals 7) bleibt im Heimatdorf bei Nachbarn – sie ist zu klein für die strapaziöse Flucht. „Nachts sind wir stundenlang gelaufen, tagsüber haben wir uns im Wald versteckt und versucht, zu schlafen.“ In Griechenland wird Amabou drei Mal von der Polizei geschnappt muss ins Gefängnis. Doch er hat es geschafft. Für seinen Traum: Metallbauer zu werden und irgendwann seine kleine Schwester nach Deutschland zu holen.

Keine Arbeit in der Heimat

Milana Jamastjanova (19).

Mit ihrer Mama und drei Geschwistern kam Milana Jamastjanova (19) vor einem Jahr von Spanien nach Deutschland. „Meine Mama hat in Spanien keinen Job gefunden.“ Der Vater blieb wegen der Arbeit in Spanien, die Mutter arbeitet jetzt als Reinigungskraft, die Geschwister in Restaurants. „Meine Eltern wollten, dass ich nach München gehe, weil ich hier eine bessere Zukunft habe“, sagt Milana, die Krankenpflegerin werden will. Mit der Großstadt tut sie sich schwer: „Ich habe in Spanien in einem kleinen Dorf gelebt – später möchte ich auch aufs Land ziehen.“

Wir halten zusammen

Raúl Agria (17).

In Portugal fand sein Vater als Koch keine Arbeit – deshalb kam Raúl Agria (17) vor einem Jahr mit ihm und sieben Brüdern nach Deutschland. „In meiner Heimat ist die Arbeitssuche gerade schwierig“, sagt der Schüler. Freunde rieten der Familie, nach München zu gehen: „Sie haben gesagt, hier gibt es Arbeit, kommt!“ Mittlerweile hat sich Raúl hier gut eingelebt, will später Koch werden. Dass viele seiner Mitschüler ein großes Schicksal erlebt haben, berührt ihn sehr. „Es ist sehr hart, die Geschichten der anderen zu hören – aber wir halten zusammen.“

History-Award

Was bedeutet Heimat – Glaube, Sprache, Mentalität? Mit diesem Thema befasst sich heuer der bundesweite Schülerwettbewerb History-Award des TV-Senders History. Bis 24. April können Schüler einzeln, in Gruppen oder Klassen das Thema bearbeiten und einen bis zu 15-minütigen Video-Beitrag einreichen. Juroren sind u.a. Focus-Herausgeber Helmut Markwort und Wolfgang Heckl, Generaldirektor des Deutschen Museums. Die ersten drei Plätze sind mit einem Preisgeld dotiert. Infos unter www.history-award.de.

Christina Meyer

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