Nach Verbot der Stolpersteine

Jury einig über Entwurf für Münchner NS-Mahnmal

München - Stolpersteine sind in München verboten. Der Stadtrat will auf andere Weise an den Holocaust erinnern und hat einen Wettbewerb ausgelobt. Favorit der Jury ist der Entwurf des Münchner Design-Professors Kilian Stauss. Er bringt Stolpersteine auf Augenhöhe.

„Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Menschen, auf die man schon auf dem Boden liegend immer weiter eintrat und die mit schweren ledernen, stahlbekappten Stiefeln in die Transporter getreten wurden. Menschen, auf dem Boden kauernd, verletzt, sterbend oder bereits tot, wie in den Konzentrationslagern üblich. All das hat man vor Augen, als wäre es gestern erst geschehen. Diese Erinnerung begründet meine unbeirrbare Abwehrhaltung gegenüber jeder Gedenkform auf dem Boden – speziell gegenüber den Stolpersteinen.“

Diese Worte sprach Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG), beim Stadtratshearing zum Thema Stolpersteine am 5. Dezember 2014 im Rathaus. Viele Stadträte hätten mit den im Boden versenkten Quadraten als Gedenkform gut leben können, in anderen deutschen und europäischen Städten wird so an deportierte Juden erinnert.

Erinnerungskultur gegen den erklärten Willen der IKG – das wollte die Mehrheit der Politiker allerdings nicht. Im Mai 2015 stimmte der Stadtrat für ein Verbot von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund. Stattdessen sollen Erinnerungstafeln an Hauswänden oder Stelen auf öffentlichem Grund installiert werden. Außerdem beschloss der Stadtrat, ein zentrales Denkmal für alle Münchner Opfer der NS-Diktatur zu errichten.

Eine Jury, bestehend aus Stadträten, Vertretern von Opferverbänden und Fachleuten aus Kunst und Wissenschaft, bat im Mai 2016 mehrere Künstler, Vorschläge für das zentrale und dezentrale Gedenken zu entwerfen. Im September gingen elf Ideen ein, die der Jury persönlich präsentiert und erläutert wurden. Die größte Zustimmung fand nach Informationen unserer Zeitung der Vorschlag des Münchner Design-Professors Kilian Stauss, Dozent an der Fachhochschule Rosenheim. Er gestaltete einen großen rechtwinkligen Türgriff. Auf diesen lassen sich Metallquader stecken, auf welchen die Namen der deportierten Hausbewohner eingraviert sind. Die Klinke wird an der Hauswand installiert. Bis zu 10 000 Häuser in München kommen infrage. Weigert sich der Hauseigentümer, lässt sich die Klinke auch auf einem Stab auf öffentlichem Grund errichten.

Der Entwurf fand großen Anklang bei der Jury. „Ziel muss es sein, dieses wahnsinnige Verbrechen stadtweit ins Bewusstsein zu rücken. Der Stauss-Entwurf kann dies leisten“, sagte ein Mitglied der Jury unserer Zeitung. Die Stolpersteine in den „dreidimensionalen Raum zu heben“ sei praktisch und würdig, findet ein weiteres Jury-Mitglied. Das Gremium sei sich einig, dem Stadtrat den Stauss-Entwurf zu empfehlen. Noch im ersten Halbjahr 2017 rechnet das Kulturreferat mit einer Entscheidung.

Kilian Stauss hat die Jury mit seinem Entwurf überzeugt.

Weitaus schwieriger gestaltet sich die Suche nach einer geeigneten Idee für eine zentrale Gedenkstätte. „Da stehen wir noch ganz am Anfang. Die bisher vorgelegten Entwürfe haben mich noch nicht vom Hocker gehauen“, sagte ein Jurymitglied. Uneins sind sich Fachleute, Opfervertreter und Stadträte, ob die Gedenkstätte die Münchner Bürger mit einbeziehen soll, etwa interaktiv über Flachbildschirme, oder ob sich das zentrale Mahnmal an der Türklinke von Kilian Stauss orientieren soll. Bei der jüngsten Sitzung der Jury im Oktober wurden die Künstler aufgefordert, ihre Entwürfe zu überarbeiten.

Ebenfalls noch nicht weiter ist die Jury bei der Frage, wo das zentrale Mahnmal errichtet werden könnte. Vier Standorte sind denkbar: die Wiese südlich des Prinz-Carl-Palais, die Achse Feldherrnhalle bis Königsplatz, der Vorplatz der Alten Akademie in der Neuhauser Straße oder das Siegestor. Die Jury unternahm vor einigen Wochen eine Rundfahrt zu allen vier Standorten – der Erkenntnisgewinn war gering. Möglicherweise gibt es Ende Februar Fortschritte. Dann werden der Jury die überarbeiteten Entwürfe präsentiert.

Rubriklistenbild: © Marcus Schlaf

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