Wie sollen wir uns München leisten?

Justiz-Chefinnen klagen an: Wegen Wuchermieten finden sie kaum mehr Personal

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Gerichtspräsidentinnen Beate Ehrt (l.) und Andrea Schmidt.

Sie lieben ihren Job – und kein Gericht könnte ohne sie verhandeln. Doch das Leben in München ist für viele Justizangestellte kaum erschwinglich. Das führt zu immer größerer Personalnot, die die Präsidentinnen von Amts- und Landgericht angehen wollen.

Den Gerichten gehen die Mitarbeiter aus. Beamte und Justizangestellte legen ihr Gehalt offen und zeigen, wie wenig ihnen zum Leben bleibt. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklären Beate Ehrt, Präsidentin des Amtsgerichts, und Andrea Schmidt, Präsidentin des Landgerichts, wie sie das Problem anpacken wollen.

Wie man hört, fehlen in München etliche Richterinnen und Richter.

Ehrt: Das ist richtig, das will ich nicht kleinreden. Mein Hauptproblem ist aber, dass uns viel mehr Beschäftigte in der zweiten und dritten Ebene fehlen: in den Geschäftsstellen ebenso wie bei den Rechtspflegern und Wachtmeistern. Über sie wird leider kaum gesprochen. Aber sie sind ganz wichtig für die Justiz. Hier haben wir eine enorme Mangelsituation. Das Engagement dieser Kollegen ist beachtlich. Ich bin froh, dass die bayerische Staatsregierung auch dieses Jahr wieder den für die Angestellten erreichten Tarifabschluss auf die Beamten überträgt. Gerade in einer Stadt wie München mit so hohen Lebenshaltungskosten ist die Einkommenssituation ein zentraler Faktor für die Auswahl des Arbeitsplatzes. Nicht wenige unserer Beschäftigten verzichten auf einen Umzug hierher und nehmen stattdessen lange Anfahrtszeiten in Kauf.

Schmidt: Wir haben ein Riesenproblem im Service-Bereich – in allen Häusern, die Leute arbeiten vielfach weit über der Belastungsgrenze. Im Strafjustizzentrum zum Beispiel fehlen Protokollführer. Es fehlen Kräfte auf allen Geschäftsstellen, sowohl im Zivil- als auch im Strafbereich. Jede Woche finden mehrere Vorstellungsgespräche statt. Wir haben die Stellen, aber wir finden kaum mehr gute Leute.

Woran liegt das?

Schmidt: Sie würden gerne zu uns kommen, aber wir leben in einer teuren Großstadt. Was hier bezahlt wird, steht leider nicht in einem ausreichenden Verhältnis. Neue Mitarbeiter bekommen in der Regel erst mal befristete Verträge. Viele springen deshalb dann vorher noch ab. Es ist extrem schwierig und mühsam. Wir sind um jeden dankbar, der zusagt. Denn wenn die Akten dem Richter vor der Sitzung nicht vorgelegt werden, kann er nicht verhandeln. Schlimm ist der Mangel auch im Rechtspfleger-Bereich. Aber da wird sich hoffentlich in den nächsten Jahren die Situation verbessern, die Ausbildungszahlen wurden deutlich erhöht.

Was wünschen Sie sich?

Ehrt: Ich möchte, dass meine Beschäftigten in einer Atmosphäre und mit einer Ausstattung arbeiten können, die ihnen das Arbeiten erleichtern. Sie sollen sagen: Ich bin zufrieden und fühle mich hier wohl. Sie sollen, und das vermisse ich, auch von außen wertgeschätzt werden und ich erwarte mir wirklich, dass man ihnen Respekt entgegenbringt. Dass die Gesellschaft anerkennt, wie viel sie leisten.

Schmidt: Eine leistungsfähige Justiz ist ohne Wachtmeister, Rechtspfleger und Geschäftsstellen undenkbar. Die Tätigkeit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist herausfordernd, abwechslungsreich und sehr verantwortungsvoll. Wir brauchen einfach gute Leute. Wir freuen uns über jede Bewerbung.

Interview: Andreas Thieme

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Wie sollen wir uns München leisten?

Hülya Demirbas (30), Justizangestellte

Hülya Demirbas (30) Justizangestellte
In der bayerischen Justiz tätig seit: 4. Januar 2010
Wohnort: Moosburg an der Isar
Familienstand: ledig
Tarifliches Gehalt: E6, Stufe 4 (2863,01 Euro brutto, ca. 1850 Euro netto)
Zulagen: Fahrtkosten 73 Euro
Haben Sie noch zusätzliche Jobs? Ja, ich arbeite nebenbei als Kellnerin.
Wie viel Miete zahlen Sie? Ich wohne noch zu Hause, da ich mir leider in München keine Wohnung leisten kann.
Warum haben Sie diesen Beruf gewählt? Ich habe beim Rechtsanwalt gelernt und wollte dann lieber bei Gericht arbeiten.
Was mögen Sie am liebsten an Ihrem Job? Die Tätigkeit an sich, explizit mein derzeitiger Arbeitsbereich Arzthaftungssachen. Außerdem: flexible Arbeitszeiten, soziale Sicherheit, Arbeitsklima´.

Stefan Baumgartner (32) Justizoberwachtmeister

Stefan Baumgartner (32) Justizoberwachtmeister

In der bayerischen Justiz seit: 1. April 2015
Wohnort: Laim
Familienstand: verheiratet, eine Tochter
Tarifgehalt: A4, Stufe 2 (2256,09 Euro brutto)
Zulagen: Ballungsraumzulage, Familienzuschlag
Haben Sie noch zusätzliche Jobs? Ja, im Sicherungsdienst.
Wie viel Miete zahlen Sie? 490 Euro (für eine Genossenschaftswohnung)
Warum haben Sie diesen Beruf gewählt? Sicherer Arbeitsplatz, geregelte Arbeitszeiten, Umgang mit Menschen
Was mögen Sie am liebsten an Ihrem Job? Das Arbeiten im Team.

Andrea Pelzer (45) Justizangestellte in der Führungsaufsicht

Andrea Pelzer (45) Justizangestellte in der Führungsaufsicht

In der bayerischen Justiz seit: September 2015

Wohnort: westlich von München

Familienstand: verheiratet, ein Kind

Tarifgehalt: E6, Zulagen: Kindergeld

Haben Sie noch zusätzliche Jobs? Nein.

Wie viel Miete zahlen Sie? Unsere Miete macht zwei Drittel meines Nettogehaltes aus.

Warum haben Sie diesen Beruf gewählt? Als gelernte Rechtsanwaltsgehilfin wollte ich die Kenntnisse im erlernten Beruf weiter anwenden, aber nach 23 Jahren nicht übergangslos in eine andere Kanzlei gehen. Also habe ich mir einen Jugendtraum erfüllt und mich 2015 beim Landgericht beworben, um auch die andere Seite des Rechts kennenzulernen.

Martin Lang (33) Justizverwaltungsinspektor (IT-Administration)

Martin Lang (33) Justizverwaltungsinspektor (IT-Administration)
In der bayerischen Justiz tätig: seit 2002
Wohnort: München
Familienstand: ledig
Tarifgehalt: A8, Stufe 4 (2702,72 Euro brutto)
Zulagen: keine
Haben Sie noch zusätzliche Jobs? Nein
Wie viel Miete zahlen Sie? rund 600 Euro
Warum haben Sie diesen Beruf gewählt? Der Blick hinter die Kulissen der Justiz hat mich schon immer gereizt. Auch der Reiz der Großstadt (ich komme aus einer kleinen Stadt in Niederbayern) war verlockend.
Was mögen Sie am liebsten an Ihrem Job? Auch nach 17 Jahren gibt es täglich Neues, womit man sich beschäftigt. Es wird nicht langweilig.

Brigitte Fendt (57), Justizangestellte

Brigitte Fendt (57) Justizangestellte
In der bayerischen Justiz seit: 37 Jahren
Wohnort: im Chiemgau (Pendelkosten: mit Pkw 55,80 Euro pro Tag, Bahnticket 288 Euro pro Monat)
Familienstand: Nicht verheiratet, ein Sohn
Tarifgehalt: E8, Stufe 5 (3370,30 Euro brutto, 2040 Euro netto) Zulagen: Keine
Haben Sie noch zusätzliche Jobs? Nein
Wie viel Miete zahlen Sie? Glücklicherweise zahle ich keine Miete, da ich im Eigentum wohne, Vergleichbares in München wäre nicht zahl- und finanzierbar.
Warum haben Sie diesen Beruf gewählt? Abwechslungsreiche Tätigkeit, sicherer Arbeitsplatz, gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

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