Ehrentag an Silvester

Käthe Korn (100): Ein abenteuerliches Leben

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Käthe Korn feiert mit Nichte Gerda Koch (v.l.), Enkelin Laurianne, Tochter Eva, Enkel Christophe und Schwiegersohn Jean-Pierre. Die Torte spendierte das Seniorenheim.

München - Käthe Korn hat am 31. Dezember Geburtstag gefeiert - ihren 100. Sie hat die Weimarer Republik und die Nazizeit erlebt. Die Seniorin kann aus einem abenteuerlichen Leben erzählen.

Die britischen Schauspiel-Stars Ben Kingsley (71) und Anthony Hopkins (77) mögen zwar am 31. Dezember mehr Post zu ihren Geburtstagen bekommen – aber edle Gratulationen von Herrn Seehofer (65) und gar Joachim Gauck (74), dem Landes- und dem Bundesvater, haben sie deshalb noch lange nicht erhalten. Käthe Korn hingegen schon – wie die tz bei ihrem Gratulations-Besuch feststellte.

tz-Redakteur Matthias Bieber gratuliert Käthe Korn zum Ehrentag.

Diese ganz besonderen Glückwünsche mit eigenhändigen Unterschriften liegen auf dem Gabentisch, dazu die ersten Blumensträuße (mehrere werden im Laufe des Tages folgen) und eine Flasche Sekt. Käthe Korn, die im Senioren- und Pflegeheim Alt-Lehel des BRK lebt, hat am 31. Dezember Geburtstag gefeiert. Ihren 100. – ihre Teenager-Zeit hat sie also weitgehend in der Weimarer Republik erlebt. Als sich Hitler an die Macht brachte, war sie gerade 19 Jahre alt.

Ein abenteuerliches Leben kann Käthe Korn erzählen – dabei setzt sie immer wieder ihr entwaffnendes Lächeln auf, und ihre strahlenden Augen verströmen fast schon mehr Wärme, als die Polizei erlaubt. Genau richtig bei den derzeitigen Temperaturen. Apropos Polizei: Dort arbeitete die Dame von 1953 bis zu ihrer Rente als Sekretärin. Was sich übrigens fortpflanzte: Ihre Enkelin Laurianne (31) ist bei der forensischen Polizei in Lyon. Überhaupt Frankreich: Dort lebt die Familie des Geburtstagskindes. Ihr einziges Kind, Eva, zog vor 35 Jahren dorthin – der Liebe wegen. Sie lebt mit ihrem Mann in Fontainebleau bei Paris.

Die erste Zeit ohne ihre Tochter in München war schon eine große Umstellung – doch Käthe Korn überwand die Traurigkeit und machte das Beste draus. In diesem Fall: Reisen. Ob Japan oder die Philippinen, ob Kanada oder Bangkok, ob in einer Reisegruppe oder mit einer Freundin: Bis sie 80 war, erkundete sie die große weite Welt. Mit einer sympathischen Unbedarftheit. „Als meine Mutter in Bangkok aus dem Flieger stieg, wunderte sie sich, dass niemand Deutsch sprach“, lacht ihre Tochter. Und natürlich kennt Käthe Korn Frankreich wie aus der Westentasche: Zwei Mal im Jahr reiste sie 30 Jahre lang zu ihrer Familie – die mittlerweile neben ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn einen Enkel, eine Enkelin und drei Urenkel umfasst. Mit 85 bereiste sie übrigens Schottland – und zog sich einen Splitterbruch im Bein zu … Ein Wink mit dem Zaunpfahl.

Mit dem Reisen ist es vorbei, aber auf die faule Haut legt sich die Hundertjährige deshalb noch lange nicht: „Ich gehe jeden Tag zum Sport, außerdem liebe ich Tanzen und besuche die Hauskonzerte“, berichtet sie. Und, ganz wichtig: Jeden Tag genießt sie ein Glaserl Sekt. „Früher gab es jeden Morgen ein Gläschen Schnaps, aber das ist lange her. Aber auch ein Fürst Metternich hält frisch.“ Ebenfalls ein festes Ritual seit 1968: die tägliche Lektüre der tz. Käthe Korn ist eine begeisterte Leserin der ersten Stunde.

Die schönste Zeit ihres Lebens, schwärmt sie, war in Prag. Zwar in der dunkelsten Zeit, als Bürokraft im Dritten Reich, aber noch heute denkt das Geburtstagskind oft an die Goldene Stadt an der Moldau. „Sie war sehr modern, es gab Aufzüge, Telefone …“ Sie erinnert sich an die Ausgangssperre nach dem tödlichen Attentat auf den brutalen Nazi-Reichs­protektor von Böhmen und Mähren, Reinhard Heydrich, im Juni 1942. „Wir durften nicht aus dem Haus, alles war abgesperrt.“ Dennoch: Ihre Prager Zeit bleibt in guter Erinnerung. „Hier bekam ich beruflich Anerkennung und konnte eine Weltstadt genießen.“ Ob sie lieber in Prag oder München leben würde? „München. Wegen der Stadt an sich.“ Zu der gehörten vor allem Opern- und Theaterbesuche – und Tanzveranstaltungen wie etwa der legendäre Fünf-Uhr-Tee im Bayerischen Hof.

Ein abenteuerliches Leben – geboren im Kreis Oberlausitz (damals Schlesien, heute Polen), begann Käthe Korn schon früh zu arbeiten. In einer Konditorei, doch sie war ehrgeizig: besuchte Abendkurse, lernte Schreibmaschine und Steno, wurde in den Staatsdienst übernommen und zog ins Elb-Venedig nach Dresden. Am 23. November 1940 heiratete sie einen Zimmermann, der kurz nach der Vermählung einberufen wurde. Ein Jahr später ging’s beruflich nach Prag, von wo sie 1945 Hals über Kopf fliehen musste. Nur ein kleiner Handkoffer war mit dabei.

Die damals 30-Jährige kam bei ihrer Schwester Else in Niederbayern unter. Dort erfuhr sie vom Tod ihres Mannes an der Front. In Regensburg fand die Witwe Arbeit in einem Sekretariat, lernte ihren zweiten Mann kennen – den Besitzer einer Schneiderei – und arbeitete bei ihm. Zwei Jahre nach Kriegsende wurde die Tochter Eva geboren. Doch das Familienglück war nur von kurzer Dauer: Kurz nach Evas Geburt verstarb der Vater.

Im Jahr 1953 schließlich fand der Umzug in die Stadt statt, der die damals 39-Jährige bis heute die Treue hält: München, wo sie beim Bayerischen Landeskriminalamt unterkam. Zunächst hatte sie nur ein kleines Zimmer in Schwabing, viele Wohnungen und Häuser lagen in Schutt und Asche. Doch schon bald fand die Frau, die sich nie unterkriegen ließ, eine Wohnung in der Hiltenspergerstraße 10. Nun konnte Käthe Korn ihre Tochter und ihre Mutter nachholen. Bis 2008 lebte sie in der Wohnung, danach erfolgte der Umzug ins Seniorenheim, mit dem sie sehr zufrieden ist.

Käthe Korns Fitness-Geheimnis: „Ich gehe jeden Tag zum Sport und tanze gern.“

Und was wünscht sich die Frau fürs nächste Jahr? „Vor allem Gesundheit.“ Man darf annehmen, dass die Hundertjährige auch 2015 elegant und charmant durchs Leben tanzen wird. Am 7. Januar kommt übrigens die Polizei. Nicht, weil Käthe Korn eine so rauschende Party feiert, dass die Beamten für Recht und Ordnung sorgen müssten – sondern weil sich da der Präsident des Bayerischen Landeskriminalamts angekündigt hat, Peter Dathe. Zum Gratulieren, versteht sich.

Matthias Bieber

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