„Kult(ur)café“ an der Tegernseer Landstraße

Das „Kaffee Giesing“ lebt weiter

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Es kann weitergehen: Iris Holste und Fritz Otto im Kult(ur)café, das zum neuen „Kaffee Giesing“ werden soll.

München - Eine Institution bekommt die zweite Chance: Die Pächter der geschlossenen Kult-Kneipe "Kaffee Giesing" übernehmen das „Kult(ur)café“ an der Tegernseer Landstraße.

Weit waren sie nicht weg mit ihren Gedanken, Fritz Otto und seine Frau, die Iris. Den Giesinger Berg runter, geradeaus die Humboldtstraße entlang - wenn ihre schlimmsten Ängste wahr geworden wären, dann hätten sie hier ihr neues Zuhause gehabt. „Manchmal“, sagt Fritz Otto, „hab ich uns schon gesehen, wie wir unter der Wittelsbacher Brücke liegen.“ Aber dazu ist es glücklicherweise nicht gekommen. Die Pächter des alten „Kaffee Giesing“ haben jetzt ein ganz neues Domizil, ein viel schöneres als die Isarbrücke, und näher liegt es auch noch: an der Tegernseer Landstraße. Denn dort lebt das „Kaffee Giesing“ nun doch weiter.

Jahrelang führten Fritz Otto und Iris Holste das alte „Kaffee Giesing“ an der Bergstraße, eine Institution in der Münchner Kneipenszene. Konstantin Wecker hatte es 1984 eröffnet, zu seiner Zeit war es schrill, schick und szenig, ein Bussi-Schicki-Micki-Treff. Als Wecker ausstieg, wurde es ruhiger, und unter dem Fritz und der Iris entwickelte es sich zur gemütlichen Giesinger Nachbarschaftswirtschaft mit angenehmer Live-Musik.

Vor zwei Monaten aber, am 31. Mai, war Schluss. Der Vermieter verlängerte den Vertrag nicht, die Wirtsleute mussten zusperren. „Wir waren oft verzweifelt“, sagt Otto, „wir hatten keine Ahnung, wie es weitergehen soll.“ Damals, im Gespräch mit der „tz“, sagten sie, sie wären auch froh, wenn sich irgendwo in Aubing oder Milbertshofen ein Lokal fände, das sie übernehmen könnten. Und nun können sie auf einmal doch in ihrem Viertel bleiben, zwischen Silberhornstraße und Sechzger-Stadion. Mehr Giesing geht schon gar nicht mehr. Und das kam so:

Eine Münchner Institution: Das „Kaffee Giesing“ an der Bergstraße musste Ende Mai schließen.

Am 26. Mai berichtete die „tz“ über die bevorstehende Schließung des „Kaffee Giesing“, diesen Bericht las auch Gregor Eble. Der hatte vor einem Jahr das „Giesinger Kult(ur)café“ an der Tegernseer Landstraße 96 übernommen. Eine reine „Event-Location“, wie es auf neudeutsch heißt. Ein Lokal, das Eble nur zu bestimmten Anlässen aufsperrte. Konzerte, Lesungen, Ausstellungen. Ein Projekt, das von der Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung (MGS) gefördert wurde, als Nachbarschaftstreffpunkt, als Stärkung der Stadtteil-Kultur. Doch weil Eble auch einen Pizza-Lieferservice an der Deisenhofener Straße betreibt, weil auch die Gesundheit in seiner Familie eine Rolle spielte, wurde ihm die Sache mit dem „Kult(ur)café“ auf Dauer zu viel. Eble suchte einen Nachfolger. Natürlich mit der Vorgabe der MGS, dass das Lokal weiterhin für Kunst und Kultur genutzt werde. „Als ich dann las, dass der Fritz und die Iris raus müssen aus dem Kaffee Giesing“, sagt Eble, „da dachte ich mir, dass das hier genau das Richtige wäre.“

„Lange haben wir nicht überlegen müssen, als er uns das anbot“, sagt Otto, „das war so ein Glücksfall für uns, das kannst nicht beschreiben. Wir sind nach oben gefallen.“ Über die Details der Ablöse fürs Inventar war man sich bald einig, gleichzeitig fand das Paar auch noch eine neue günstige Wohnung ein paar Häuser weiter an der Perlacher Straße. Manchmal sind es Welten, die zwischen Existenzangst und Glück liegen. Manchmal sind es nur zwei Monate.

Am 1. August nun ist Schlüsselübergabe, dann richten Fritz Otto und Iris Holste das Lokal neu ein, teilweise auch mit den Stühlen und Tischen vom alten Kaffee Giesing, die sie in einem gemieteten Lager deponiert haben. Etwa Mitte August wollen sie aufsperren, geöffnet ist dann täglich von früh bis spät. Ein Tagescafé mit Mittagstisch, abends mit feiner Live-Musik, ohne wummernde Verstärker, rein akustisch. Und auch wenn es nur 80 Quadratmeter hat und kleiner ist als damals an der Bergstraße, soll es wieder wie das alte „Kaffee Giesing“ werden, nur eben in einem neuen Gemäuer. „Old Socks, New Shoes“, sagt Fritz Otto, einst Mitbegründer der legendären Jazz-Kneipe „Unterfahrt“ am Haidenauplatz - alte Socken, neue Schuhe. So hieß eine Platte der „Jazz Crusaders“. Ein anderes Album dieser Band trug den Titel „Happy again“. Würde auch gut passen.

Florian Kinast

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