Warum grüßte keiner mehr?

+
Taufkirchens Bürgermeister Jörg Plötke mit Ansteckern.

München - Der Bürgermeister von Taufkirchen, Jörg Plötke, startete eine Initiative für ein freundlicheres Miteinander. 5000 Ansteckern mit dem Wort "Hallo" sollen die Grußmuffel erziehen.

Die paar hundert Euro, die Pötke für die Anstecker und „Hallo“-Transparente ausgegeben hat, sieht er gut in die 19 000- Einwohner-Gemeinde investiert. „Bislang haben sehr viele positiv reagiert und sind mit den Buttons ins Zentrum gefahren. Sie signalisieren damit, dass sie grüßen und gegrüßt werden wollen und regen Gruß-Muffel zum Nachdenken an.“

Die Resonanz auf die Aktion des Taufkirchener Bürgermeisters zeigt, dass er nicht alleine dasteht mit seinem Groll gegen die Gruß-Muffel. Auch die Benimm-Expertin und Autorin Susanne Helbach-Grosser ist auf seiner Seite: „In den letzten fünf, sechs Jahren hat diese Unsitte noch weiter um sich gegriffen.“ Aber warum grüßt denn keiner mehr? Und woher kommt das Ritual eigentlich?

Der Volkskundler Rainer Wehse von der LMU greift zurück: Die Begrüßung habe ihren Ursprung vermutlich in der Steinzeit. „Da war der Gruß ein Zeichen, zu zeigen, dass man kein Feind ist. Und später zeigte man sich die Handflächen, um zu beweisen, dass man keine Waffe hat – das heutige Händeschütteln.“ Die meisten Grußworte seien religiösen Ursprungs, sie hätten immer einen Segensspruch enthalten. Durch die zunehmende Sozialisierung seien weltliche Ausdrücke hinzugekommen. So auch das bairische „Servus“, das übersetzt „Ich bin dein Diener“ heißt und die Ehrung des Gegenübers ausdrücken soll.

Auch der Niedergang des „Grüß Gott“ und „Servus“ war keine schnelle Sache. Wehse: „In der Zeit der Verstädterung traf der Mensch immer häufiger auf andere Menschen, vor allem aus anderen gesellschaftlichen Schichten. Man grüßte nicht mehr jeden.“ In der 68er-Generation der große Bruch: In Zeiten der Emanzipation und der freien Erziehung war es plötzlich verpönt, als Mann die Frau oder als Jugendlicher den Erwachsenen zu grüßen. „Den großen Bedeutungsverlust hat das Gruß-Ritual in den letzten Jahren durch Handy und Internet bekommen“, sagt Knigge-Expertin Susanne Helbach-Grosser. „Weil die Menschen auf der Straße ständig mit etwas anderem beschäftigt sind, und weil sie durch die Technik allgemein ein Gefühl der Unabhängigkeit bekommen haben – sie suchen weniger die Nähe des realen Gegenübers.“

Ganz gestorben ist der Gruß dennoch nicht: Wie auch der Taufkirchener Bürgermeister auf dem Berg erfahren hat (s. oben), ist der Gruß innerhalb von Gruppen wie etwa bei Jägern („Waidmanns Heil“) oder Bergleuten („Glück auf“) durchaus noch Standard. Beim Militär gehört der Gruß sogar zur Pflicht. Volkskundler Wehse fügt hinzu: „Es gibt noch alte Bauern, die den Hollerbusch grüßen, indem sie den Hut abnehmen, weil der Busch früher als magisch galt.“

Der Begrüßungs-Knigge

„Wer mit gutem Beispiel vorangeht, sollte auch richtig grüßen“, sagt Benimm-Trainerin und Autorin Susanne Helbach-Grosser. Ihre Gruß-Regeln:

Die wichtigste Regel:

Wer neu dazukommt, muss auf sich aufmerksam machen und grüßen. In der Freizeit können Freunde aber auch dann grüßen, wenn sie den anderen zuerst erblicken.

Beim Grüßen Blickkontakt suchen.

Im Geschäftsleben grüßt der rangniedrigere Angestellte den ranghöheren. „Auch wenn der Chef nicht zurückgrüßt, sollte der Azubi das Grüßen nicht einstellen. Wenn er ihn dann auch noch mit Namen, gegebenenfalls Doppelnamen, und akademischem Grad oder Titel anspricht, bleibt er mit Sicherheit in Erinnerung.“ Helbach-Grosser empfiehlt die neutrale Grußform des „Guten Morgen“, „Guten Tag“ oder „Guten Abend“. „Auf keinen Fall das immer populärere ‚Hallo’ – das ist nur etwas für Freunde.“

Bei Verhandlungen oder im Kundenkontakt ist es ratsam, dem Gruß ein „Schön, Sie zu sehen.“ oder „Schön, Sie jetzt auch mal persönlich kennenzulernen.“ anzufügen. „Das zeigt Wertschätzung und Respekt. „Aber falls sie den anderen gar nicht leiden können, sollten Sie lieber darauf verzichten – eine Lüge bemerkt der andere.“

Prinzipiell grüßt der Jüngere den Älteren. „Deshalb können Eltern auch von ihren Kindern verlangen, dass Sie den Nachbarn grüßen. Aber zwingen sie Ihre Kinder nicht, die Hand zu geben! Das ist nicht mehr zeitgemäß. Außerdem verhält es sich beim Händedruck genau andersrum: Hier reicht der Ranghöhere den -niedrigeren die Hand.“

Das Wort „Mahlzeit“ meiden: „Es wird immer häufiger als Gruß verwendet, dabei ist es nur ein Überbleibsel aus dem Mittelalter von ‚gesegnete Mahlzeit’. Meist verwendet man dieses Wort nur aus Verlegenheit, weil man sich bereits in der Früh gegrüßt hat. Dabei ist es völlig in Ordnung, sich einfach nur anzulächeln.“

Ist der Blick beim Gegenüber gesenkt, dann nicht zu laut, aufdringlich oder vorwurfsvoll grüßen. „Das ist unhöflich. Der andere kann immer auch einen Grund für diese Haltung haben.“

Helbach-Grosser kennt auch ein Tabu beim Abschied. „Die Ausdrücke ‚Man sieht sich’ oder ‚Bis irgendwann’ werden zwar immer moderner, sind aber unhöflich und zu unverbindlich. Dann lieber ein einfaches ‚Auf Wiedersehen’.“

Nina Bautz

Auch interessant

Meistgelesen

S-Bahn: Verkehrslage auf der S7 normalisiert sich
S-Bahn: Verkehrslage auf der S7 normalisiert sich
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Hier ist es in München sicherer geworden - und hier nicht
Hier ist es in München sicherer geworden - und hier nicht

Kommentare