Besonderes Erlebnis

Wo kann man noch Paternoster fahren?

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Den Paternoster im Polizeipräsidium dürfen nur Beamte nutzen. Im Handstand dürften allerdings die wenigsten von ihnen unterwegs sein.

München - Ein nostalgisches Vergnügen verbirgt sich in so manchem Münchner Altbau. Längst haben neuartige Anlagen die Vorläufer des modernen Aufzugs abgelöst, trotzdem sind noch Paternoster in Betrieb.

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Wer in einem Personen-Umlaufaufzug mitfahren will, darf kein Zauderer sein. Paternoster bleiben nicht stehen. Sie sind ständig in Bewegung und verlangen ihren Fahrgästen einen sicheren, beherzten Schritt in die Kabine ab. Und schon geht es aufwärts Richtung Dachboden. Dieses technische Meisterwerk weckt kindliche Begeisterung! Mit Bauchkribbeln erwartet man gespannt, wie die Mechanik „am Ende“ funktioniert: Im obersten Stockwerk angelangt, zuckelt das Gefährt nach einer aufrechten Wendung gemächlich hinab in Richtung Keller. Das Aussteigen erfordert von ungeübten Nutzern eine gewisse Konzentration. Hat die Kabine die gewünschte Etage bereits passiert, muss eine weitere Runde gedreht werden. Nur Geduld! Denn wer im letzten Moment hektisch hinaus auf den Fußboden springen will, kann sich einklemmen und verletzen.

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Eine kleine Zeitreise gefällig? Dann lohnt sich ein Abstecher ins städtische Hochhaus an der Blumenstraße. Seit einer Generalsanierung ist der öffentlich zugängliche Paternosteraufzug im Planungsreferat wieder aktiv. Weil das benachbarte Gebäude an der Blumenstraße 28 (ehemals Stadtwerke) derzeit hergerichtet wird, ist der dortige Paternoster vorübergehend außer Betrieb. Von der künftigen Nutzung der Räumlichkeiten hängt es ab, ob er danach wieder öffentlich zugänglich sein wird oder nicht. Um das kuriose Gefährt im Deutschen Patent- und Markenamt an der Ludwigsbrücke benutzen zu können, müssen die Besucher eine Einlasskontrolle passieren. Die Kabinen des letzten von ursprünglich vier Paternostern, der wie das Amtsgebäude im Jahr 1959 erbaut worden ist, bringen die Passagiere mit einem Schneckentempo von ungefähr 0,3 Meter pro Sekunde vom Untergeschoss bis in den zehnten Stock. Der fast 60 Jahre alte Umlauf-Aufzug im Polizeipräsidium ist hingegen nicht für die Allgemeinheit bestimmt.

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Außerdem existiert eine Handvoll weiterer Exemplare: Auf dem Areal der Großmarkthalle bringt ein Paternoster die Angestellten im Kontorhaus 2 zu ihren Büros, auch der 70er-Jahre-Paternoster im Kaufhof am Marienplatz ist nur für Mitarbeiter bestimmt. Bei der Boston Consulting Group in der Ludwigstraße 21 verkehrt ein historisch wertvoller Umlaufaufzug aus dem Jahr 1937 von 8 bis 18 Uhr mit einer Geschwindigkeit von 0,3 Metern pro Sekunde zwischen dem ersten und dem fünften Obergeschoss. Ihn nutzen in erster Linie die Münchner Mitarbeiter der Unternehmensberatung. Nachdem das „Anger Palais“ seit seiner Sanierung nicht mehr öffentlich zugänglich ist, steht der Paternoster in dem denkmalgeschützten Gebäude der Stadtwerke im Unteren Anger 3 ausschließlich den Mietern der hochwertigen Büroräume zur Verfügung.

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Die Anfänge der Paternoster-Entwicklung reichen weit zurück. Sackaufzüge erfüllten längst mit einem ähnlichen Konstruktionsprinzip ihren Zweck, als im 19. Jahrhundert in England der erste Paternosteraufzug in Betrieb ging. In ständig zirkulierenden, aufrecht stehenden Kabinen diente er dem Transport von Paketen. Seine Bezeichnung hat einen christlichen Hintergrund. Sie steht im Zusammenhang mit dem katholischen Rosenkranz. Bei dieser Zählkette für Gebete, früher auch Paternosterschnur genannt, folgt auf zehn kleinere Kugeln für die Ave Marias eine spezielle Kugel für das Vaterunser, was lateinisch „Paternoster“ bedeutet. Auch die Kabinen eines Umlaufzugs sind auf ähnliche Weise wie auf einer Schnur aufgefädelt. An zwei Ketten hängend verkehren mehrere befestigte Einzelkabinen im ständigen Umlaufbetrieb. Die ununterbrochene Bewegung lässt sich auch als Verweis auf den Fluss des Lebens deuten – ein Zyklus mit Höhen und Tiefen.

Modernen Liftanlagen nach dem Prinzip „Drücken, warten, einsteigen, drücken, fahren, Zwischenstopp beim Zusteigen weiterer Fahrgäste“ setzt die antiquierte Attraktion ungebremste Mobilität entgegen. Dass es diese Dauer-Läufer heute noch gibt, ist dem 1994 in München gegründeten „Verein zur Rettung der letzten Personenumlaufaufzüge“ zu verdanken. Weil in Westdeutschland seit 1974 keine neuen Paternosteraufzüge mehr in Betrieb genommen werden dürfen, sollte 1994 eine Änderung der Aufzugsverordnung aus Sicherheitsgründen eine Stilllegung der bestehenden Anlagen bis 2004 durchsetzen. Die vereinsmäßig organisierten Paternoster-Fans machten Rabatz – und die Bundesregierung hob die geplante Änderung auf. Nach wie vor gilt das Bauverbot für neue und der Bestandsschutz für bestehende Paternoster.

Von Corinna Erhard

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