Für die Taufe ist man nie zu alt

Kardinal Marx tauft Erwachsene - die Älteste ist 50

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13 Erwachsene lassen sich in der Kirche St. Michael taufen – anschließend gibt’s gleich noch die Firmung.

München - In Zeiten, in denen der Kirche die Menschen hierzulande in Scharen davonlaufen, bekennen sich Erwachsene ganz offiziell zum Glauben. Am Sonntag taufte Kardinal Reinhard Marx 13 Gläubige.

An die eigene Taufe erinnern sich die wenigsten Menschen. Alte Fotos: ja, Erzählungen: ja – aber eigene Erinnerungen? Nein, da war man ja noch viel zu klein … Die 13 Gläubigen allerdings, die Kardinal Reinhard Marx am Sonntag in St. Michael taufte, werden diesen Tag sicher im Gedächtnis behalten. Die Älteste von ihnen nämlich war kein Kleinkind mehr: Sie war 50 Jahre alt.

In Zeiten, in denen der Kirche die Menschen hierzulande in Scharen davonlaufen, bekennen sich Erwachsene ganz offiziell zum Glauben. Mit allem, was dazugehört: Gottesdienst, Nächstenliebe, Kirchensteuer. Marx unterstrich, dass mit dem Empfang der Sakramente das Leben nicht eingeschränkt werde. Vielmehr werde dadurch eine Tür aufgeschlossen zu einer „Dimension, die das Leben erweitert, einen Horizont aufreißt und einen Himmel über das Leben gibt“.

Im Jahr 2013 verließen alleine in München und Freising 16.033 Menschen den Schoß der katholischen Kirche – bei 253 Eintritten. Marx sagte: „Ich hoffe, dass die Empfänger der Sakramente einen positiven Schub bekommen, die Augen des Glaubens und der Liebe zu öffnen“. Insgesamt wurden 2013 in Deutschland 164.664 Menschen katholisch getauft, darunter 2808 Erwachsene. Die Taufkandidaten von gestern, die aus Deutschland, Iran und der Elfenbeinküste stammten, hatten sich monatelang in Kursen und Einzelgesprächen vorbereitet. Zusätzlich zur Taufe wurden sie gleich noch gefirmt. Die tz hat mit drei frisch getauften Katholiken gesprochen.

Erleuchtung? Nicht wirklich

Seine Eltern wollten ihm die Wahl lassen, doch schon als Bub wusste Kerem Gabriel (28), dass er eigentlich getauft werden wollte. „Klar, jetzt musste ich mir im Freundeskreis schon einige Späße anhören. Manch einer wollte natürlich wissen, ob ich denn nun eine Erleuchtung gehabt hätte“, sagt Gabriel. Schon in der Schule habe er, der Ungetaufte, den Religionsunterricht besucht. „Ich war schon immer religiös, habe auch den Gottesdiensten gelauscht.“ Er gibt aber auch zu: „Meist zieht es mich nur an den großen Feiertagen in die Kirche. Da könnte ich mich schon noch verbessern …“ Der junge Schriftsteller hat gerade sein erstes Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel Der Tod ist ein Versprechen. Eine moderne Version der Auferstehung Jesu also? Nein, Gabriels Geschichte handelt von Zombies und Untoten …

In Jerusalem Gott gefunden

In München geboren, aufgewachsen und nun – nach einem halben Jahrhundert – auch getauft. Raphaela Loosen (50) sagt: „Mein Opa war, na klar, katholisch. Dann ist er konvertiert, fortan konnte jeder in der Familie entscheiden, ob und welcher Kirche er sich verpflichten wollte.“ Anders als heute gab es in Loosens Schulzeit noch keinen Ethikunterricht. „Erst saß ich auf dem Gang, während die anderen Kinder den Religionsunterricht besuchten.“ Bald aber setzte sich Loosen dazu. „Niemand wollte mich missionieren!“, lacht die Erzieherin. Gebetet hat sie schon immer, auch in die Kirche ging sie regelmäßig – nur die „offizielle Auszeichnung“ habe gefehlt. Warum jetzt dieser Schritt? „Vergangenes Jahr, kurz nach dem Gazakrieg, war ich in Jerusalem. Das war ein prägendes Erlebnis.“ Sie las die Bibel, fand dort die Antworten, die sie suchte. „Die Friedensbotschaft, die Liebe: Hier fühlte ich mich aufgehoben.“

Ein Zeichen der Humanität

Die „Religion“ ihrer Kindheit ging 1989 unter. „Ich bin in der DDR aufgewachsen, unser Weltbild damals hieß Sozialismus“, sagt Kathrin K. (42). So wie die Mauer, bröckelte damals auch ihre Welt. „Ich sehe jedoch Parallelen zwischen Christentum und Sozialismus: etwa, dass Geld nicht alles ist. Oder der Glaube an das Gute im Menschen.“ Trotzdem war sie viele Jahre überhaupt nicht religiös. „Erst, als ich 2003 einen Vollblutchristen heiratete, wurde aus mir, der ungetauften Atheistin, eine Katholikin in spe.“ Sie habe erst mit den Jahren realisiert, dass sie in vielen Lebensfragen nicht am Christentum vorbeikomme. „Mir ist weder Maria noch Gott persönlich erschienen“, sagt die Landschaftsarchitektin. Vielmehr habe sie sich intensiv mit der Asyldebatte beschäftigt, dabei immer mehr die Arbeit der Kirche schätzen gelernt. „Auch deshalb wollte ich ein Zeichen setzen. Hier ist es.“

Tobias Scharnagl

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