Autorin Katharina Adler im tz-Interview

Meine Uroma lag bei Freud auf der Couch

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Katharina Adler im Gespräch mit tz-Reporter Antonio Seidemann.

München - Für ihren neuen Roman erhielt die Münchner Autorin Katharina Adler soeben ein Stipendium des Freistaates Bayern (6000 Euro). Die tz sprach mit ihr.

Katharina Adler in ihrem kleinen Arbeitszimmer.

Ein wenig „unterhalb des Radars“ bewegt sich momentan Katharina Adler, wie sie selbst sagt. Die 1980 in München geborene Autorin steckt mittendrin in ihrem ehrgeizigen Projekt Die berühmte ­Patientin, der ungebetene Biograph, der Außenminister, der Präsident und ich. Für diesen Roman erhielt die Autorin soeben ein Stipendium des Freistaates Bayern (6000 Euro). Wir schreckten Katharina Adler von ihrer Arbeit auf und befragten sie zum Buch, das 2016 erscheinen soll.

Der Titel hat es in sich ...

Katharina Adler: Das ist nur ein Arbeitstitel. Meine Urgroßmutter war Ida Adler, geborene Ida Bauer, eine Patientin von Sigmund Freud, die als der „Fall Dora“ bekannt wurde (siehe unten, d. Red.). Von den Feministinnen in den USA wurde sie als Galionsfigur stilisiert, weil sie sich gegen Sigmund Freud auflehnte. Andererseits wurde sie von Freud und seinen Anhängern als schwierig stigmatisiert. Ich denke, beides ist falsch, und in beidem steckt ein wenig Wahrheit drin.

Ist es schwierig, über die eigene Familiengeschichte zu schreiben?

Adler: Eigentlich nicht. Ich recherchiere dafür und schreibe dann so, wie ich auch an jedes andere Projekt herangehen würde. Aber bei der Arbeit schwingt natürlich schon mit, dass es die Familie ist.

Der Roman spielt vor dem Hintergrund der Demokratisierung Österreichs …

Adler: Der Übergang vom Kaiserreich zur Demokratie. Ida Adlers Bruder Otto Bauer war Politiker und einer der Köpfe der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei.

Und wer ist der Präsident?

Adler: Das ist mein Großvater. Präsident war sein Spitzname.

Das klingt nach viel Recherche-Arbeit. Wie hilft da das Stipendium?

Adler: Das kommt sehr gelegen. Es gibt mir die Freiheit, eine ganze Weile in Ruhe zu arbeiten. Auf das Stipendium machte mich ein Freund aufmerksam, zwei Tage, bevor die Bewerbungsfrist ablief. Das waren zwei hektische Tage, um alle Unterlagen herbeizuschaffen.

Wann haben Sie beschlossen, als Schriftstellerin zu arbeiten? 

Adler: Die ersten Versuche zu schreiben unternahm ich mit 14. Dann ist das einfach so geblieben. Eine konkrete Vision hatte ich nicht. Es ging eigentlich immer darum, das auszudrücken, was mich umtreibt.

Sie haben an der LMU in München studiert?

Adler: Ja, amerikanische Literatur und Germanistik. Aber der Ansatz war verkehrt für mich, obwohl ich mittlerweile merke, dass meine Zeit an der Universität doch sehr wichtig war. Damals wollte ich aber wissen, wie man es macht, nicht wie man es liest. Also ging ich ans Literaturinstitut in Leipzig. Dort habe ich dann Kontakte geknüpft, mit denen ich in Berlin Adler & Söhne gegründet habe.

Worum geht es bei Adler & Söhne?

Adler: Am Anfang ging es vor allem darum, nicht alleine dazustehen beim Übergang vom Studium in die Freiberuflichkeit. Es ist ein Netzwerk, bei dem man sich gegenseitig unterstützt und inspiriert.

Dann sind Sie jetzt hauptsächlich in Berlin?

Adler: Ich bin viel in München, besonders derzeit, um das Buch zu ­schreiben, und dann auch wieder in Berlin.

Wollten Ihre Eltern, Freunde und Verwandte Sie eigentlich nie davon abbringen, den schwierigen Weg der Schriftstellerei zu verfolgen?

Adler: Nein, gar nicht. Ich komme aus einer Familie, in der künstlerische Lebensläufe nicht so außergewöhnlich sind. Und meine Freunde haben mich zum Glück immer sehr unterstützt.

Antonio Seidemann

Prosa, Theater und ein Drehbuch

Katharina Adler wurde 1980 in München geboren. Sie studierte amerikanische ­Literaturgeschichte und Germanistik an der Münchner LMU sowie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Neben verschiedenen Prosatexten und Theaterstücken schrieb sie auch das Drehbuch zum Film Sunny und Roswitha mit Steffi ­Kühnert, Pheline Roggan und Martin Brambach in den Hauptrollen. Für Die ­berühmte Patientin, der ungebetene ­Biograph, der Außenminister, der Präsident und ich erhielt sie das mit 6000 Euro ­dotierte Stipendium des Freistaats.

Aus Ida wurde Dora

Katharina Adlers Urgroßmutter Ida Bauer wurde in der Geschichte der Psychoanalyse bekannt als Sigmund Freuds „Fall Dora“. Die Patientin kam als junges Mädchen zu ihm. Sie litt unter den Avancen ­eines Familienfreundes. Freud interpretierte ihre Träume dahingehend, dass sie eher Angst vor sich selbst und ihrem Verlangen zu diesem älteren Herrn habe. Feministinnen kritisierten Freuds Interpretation als „phallisch orientiert“. Der Kritik schlossen sich später viele Psychologen an.

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