Nahverkehr 

Keine Strafe für Schwarzfahrer? Berlin will Jagd auf Schummler einstellen - Folgt München der Idee?

„Die Fahrscheine, bitte!“ Kontrolleure fischen unter ankommenden Fahrgästen nach Schwarzfahrern.
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„Die Fahrscheine, bitte!“ Kontrolleure fischen unter ankommenden Fahrgästen nach Schwarzfahrern.

Schwarzfahrer zahlen 60 Euro! Das weiß in München jedes Kind, gefühlt ist es ein gott­gegebenes Gesetz. Dabei gibt es auch ganz andere Ideen – in Berlin denkt man zum Beispiel darüber nach, Schwarzfahrer grundsätzlich nicht mehr als Straftäter zu verfolgen. Die Jagd nach Schummlern führt nämlich zu so vielen Gerichtsverfahren, dass die Justiz keine Zeit mehr für schwerwiegende Vergehen hat.

Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) will es, Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) will es – und Berlins Bürgermeister Michael Müller (SPD) will es auch: Schwarzfahren soll keine Straftat mehr sein. Die Befürworter argumentieren, dass die Gerichte überlastet seien. Etwa 40.000 Verfahren wegen Schwarzfahrens arbeitet die Berliner Justiz jährlich ab! 

Schwarzfahren in München

Immerhin 5.000 Anzeigen hagelt es jährlich in München wegen wiederholten Schwarzfahrens. 107 Menschen sitzen wegen des Erschleichens von Leistungen – wozu Schwarzfahren zählt – im Knast! Deshalb befürwortet Münchens Grünen-Stadtrat Dominik Krause die Berliner Idee. Er meint, viele Schwarzfahrer könnten sich ein Ticket schlicht nicht leisten. „Eine Strafe hat deshalb auch keinen Lerneffekt.“ Wäre Schwarzfahren nur noch eine Ordnungswidrigkeit, wären keine 60 Euro Strafe mehr fällig, sondern höchstens 20 Euro Bußgeld. Ob eine entsprechende Bundesratsinitiative Erfolg hat – und damit auch in München die Entkriminalisierung von Schwarzfahrern kommt –, ist ungewiss. Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (48, CSU) sieht keinen dringenden Handlungsbedarf. Schließlich könnten viele Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt werden.

MVG: Schwarzfahren soll Straftat bleiben

 „Es ist außerdem nicht zu erwarten, dass eine Herabstufung des Schwarzfahrens zu einer Ordnungswidrigkeit die Justiz signifikant entlasten würde: In der Regel handelt es sich bei Schwarzfahrten um einfach gelagerte Sachverhalte, die keinen großen Ermittlungsaufwand erfordern“, sagt ­Sprecherin Hannah-Sophie Aures. Auch die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) ist gegen die Idee. „Schwarzfahren muss ein Straftatbestand bleiben“, sagt Sprecher Matthias Korte. Die Kontrolleure hätten sonst nicht mehr die Möglichkeit, einen Schwarzfahrer festzuhalten. „Für vorsätzliches oder notorisches Schwarzfahren muss es außerdem Konsequenzen geben. Alles andere käme einem Freifahrtschein fürs Schwarzfahren gleich – auf Kosten der Ehrlichen.“ 

Mit Schranken gegen Schwarzfahrer

In den meisten Ländern wehren sich die Verkehrsbetriebe mit Schranken gegen Schwarzfahrer: London, Paris und Madrid etwa haben Barrieren an den Eingängen zur ­U-Bahn. Sie öffnen sich nur, wenn man ein Ticket einschiebt. Barcelona kombiniert das mit einer künstlichen Intelligenz, die Schwarzfahrer per Algorithmus erkennt. Wenn jemand über die Schranke springt oder sich zwei Menschen gleichzeitig durch die Schranke mogeln, schlägt das Bilderkennungs-Programm Alarm, das die Aufnahmen der Überwachungskameras auswertet. Dann werden die Fotos automatisch auf die ­Tablets der Security-Mitarbeiter weitergeleitet. Sie können die Schwarzfahrer zur Rede stellen. Barcelona hat die Zahl der Schwarzfahrer damit fast auf Null reduziert. 

Fast alle Münchner Fahrgäste lösen ein Ticket

Wären solche Schranken auch in München denkbar? Klares Nein von der MVG! „In Deutschland gibt es kein einziges U- oder Stadtbahn-Netz mit Schranken“, sagt Korte. Man habe sich beim Bau der Bahnhöfe für ein offenes System entschieden – eine Nachrüstung sei aus Platzgründen nicht mehr möglich. Das sei auch nicht verhältnismäßig, schließlich seien in München nur 2,5 Prozent aller Fahrgäste illegal unterwegs. Heißt: Die Münchner sind sehr ehrlich… Vielleicht würden sie sogar noch ehrlicher werden, wenn der Fahrpreis deutlich sinken würde. Ministerpräsident Markus Söder (52, CSU) hatte im Wahlkampf ein 365-Euro-Ticket ins Spiel gebracht. So, wie es in Wien funktioniert: Einen Tag mit den Öffentlichen fahren kostet dort einen Euro.


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